Vorige Woche war der einstige Staatschef kurzfristig verhindert. Egon Krenz hatte eine Panne. Das Auto sprang nicht an. Ein Marderschaden! Seine Anfahrt zum Interview scheiterte. Aber hatte man das nicht schon immer gewusst – dass im Kapitalismus am Ende doch das Raubtier gewinnt? Und wenn es ein noch so winziges ist.

Egon Krenz, letzter SED-Generalsekretär, am Ende mächtigster Mann der DDR, wird von einem Nager lahmgelegt. Lässt, per Telefon, leise um Nachsicht bitten: "Herr Krenz entschuldigt sich", sagt die Sprecherin seines Verlegers. Ob man sich, statt im fernen Berlin, auch bei ihm an der Küste treffen könne? Im Ostseebad Dierhagen wohnt Krenz. Dort kann er alles fußläufig erreichen. Es gebe da ein Eiscafé, das Palermo. Dort werde er warten. Ja?

Also dann, auf ins Palermo! Unterwegs schon ein Gespräch, ein Telefonat. Krenz meldet sich nicht mit Namen. Wirklich ins Palermo, Herr Krenz? Ja, sagt er. "Machen Sie sich keine Eile." Auf fünf Minuten mehr oder weniger komme es ihm nicht an.

Das muss die Entspanntheit desjenigen sein, dessen Welt schon vor mehr als zwanzig Jahren untergegangen ist. Krenz ist inzwischen 76, er lebt das Leben der Rentner. Im hintersten Winkel der Bundesrepublik. Wohnt mit seiner Frau in einem reetgedeckten Haus ("36 Quadratmeter"), einem Büdchen hinterm Deich. Er hat dort ein kleines Grundstück, aber er ist ein Herr ohne Land.

1989: Für Deutschland war das der Anfang. Für Egon Krenz war dies das Ende. Er war damals 52, auf dem Höhepunkt seiner Macht. Auf einmal floss der Sekt am eben geöffneten Brandenburger Tor. Krenz wurde zum armen Schlucker. In der neuen Welt, die sein einstiges Volk entdeckte, landete Krenz im Bau. Für seine Mitverantwortung für die Todesschüsse an der Mauer verurteilten ihn die Gerichte der Bundesrepublik zu sechs Jahren Haft.

Der Autor dieses Textes ist geboren im Vorwendejahr 1988 – in der DDR. Da hieß der Anführer des SED-Staats noch Genosse Erich Honecker. Den stürzte Krenz am 18. Oktober 1989. Am 3. Dezember 1989 trieb des Volkes Wut Krenz schon wieder aus dem Amt. Nach 50 Tagen. Als junger Mensch möchte man schon gerne wissen: Was ist heute von diesem Mann zu halten, der mit der DDR in den Abgrund ritt? Welches Gefühl soll man ihm entgegenbringen?

Anfahrt auf Dierhagen, es brennt die Sonne, es rauscht das Meer. Hier verdichtet sich die Geschichte des Ostens. Dies ist Angela Merkels Wahlkreis. Um die Ecke hat Joachim Gauck seine ersten Lebensjahre verbracht. Eine einzige Straße führt dorthin. Wer zu den Gaucks wollte, müsste an Krenz vorbei.

Egon Krenz hat ein Wasser bestellt.

Ihn sieht sofort, wer das Palermo betritt, er sitzt dort ganz alleine. Die anderen Gäste hocken draußen, im Garten. Das Palermo: Eiscafé-Trash vom Feinsten, integriert in eine Edeka-Filiale. Tische aus gemustertem Marmor, man sitzt beinahe auf dem Supermarkt-Parkplatz. Italien an der Costa Osta, der Boden ist gefliest. Warum empfängt er hier einen Journalisten?

Der Eindruck ist: Krenz hat eine Mission gestartet. Er will die historische Verdammnis verlassen. Man hat das Gefühl, dass Egon Krenz noch einmal nach der Deutungshoheit greift. Er, das Fossil des Sozialismus, unternimmt einen Versuch, den Menschen der Jetztzeit die Augen zu öffnen. Ein Mann zwischen den Welten.

Krenz gibt dieser Tage ein Buch heraus, das zeigen soll, wie es alles gemeint war – damals, unter seinem Vorvorgänger, Walter Ulbricht, dem Gründungsvater der DDR. Zwischen diesem und Krenz regierte nur Honecker. Walter Ulbricht. Zeitzeugen und Zeugnisse heißt das Werk. Zu Wort kommen 70 Weggefährten des alten Genossen Ulbricht – vom Leibwächter bis zu Honeckers Margot, jeder darf etwas sagen. Krenz hat dazu eingeladen, oft stellte er selbst die Fragen. Er verwaltet nun das Erbe seines Staats.

Auf Krenz’ Tisch liegt ein iPhone, verhüllt im Lederetui. Der Wi-Fi-Sozialist? Darüber müssen wir reden. Aber erst: Ein Blick in die Karte. Was bestellen? "Eisbecher Pinocchio", das wäre wohl eine Provokation, ein Lügner will Krenz nicht sein, auch wenn es immer hieß, er habe Wahlen gefälscht. Den "Freundschaftsbecher"? Zu sehr DDR-Tümelei. Also eine Cola. Krenz: "Für mich nichts weiter, Danke." Sein Wasser ist mit Sprudel.

Herr Krenz, was macht Ihr Auto? "Mmmh".

Es ist der Mittwoch voriger Woche. Krenz sagt, gleich zu Beginn: "Ich habe mir im Fernsehen gerade den Empfang Barack Obamas in Berlin angeschaut. Man gewinnt manchmal ja den Eindruck, die alte Bundesrepublik Deutschland hat gar keine eigene Geschichte."

Wie kommen Sie darauf? Wissen Sie, sagt Krenz: Immer spreche man nur vom 13. August, vom 9.November, vom 17. Juni. Er meint: vom Mauerbau, vom Mauerfall, vom Volksaufstand in der DDR.

Fünf Minuten! So lange braucht er zu den großen Themen seines Lebens.

Zu denken, einer wie Krenz zeige Reue, das wäre natürlich naiv.

Krenz sagt, mitten im Palermo: "Ich würde mich schämen, würde ich heute das Gegenteil von dem behaupten, was ich zu DDR-Zeiten vertreten habe. Ich kann ja nicht sagen: Leute, alles war nur Spaß! Ich habe mich geirrt! Nein, so einfach mache ich mir das nicht."

Er sagt auch, so mitten im Palermo: "Vielleicht ist es heute nicht mehr in Mode, dass man Ideale hat. Dadurch, dass die DDR verloren hat, sind doch meine Ideale nicht verloren."

Krenz sagt zuletzt, so mitten im Palermo: "Ich möchte bei jenen DDR-Bürgern, die sich für ihr Land eingesetzt haben, das Gefühl stärken, dass ihr Leben nicht umsonst war." Dazu solle sein Ulbricht-Buch beitragen. "Ich möchte das Leben in der DDR nicht missen."

Im Palermo läuft das Radio, der Musiker Tim Bendzko singt: Nur noch kurz die Welt retten. Krenz sagt, er verüble dem Reporter nicht dessen einseitige Ausbildung. Der Reporter hatte ja keine Chance, die DDR kennenzulernen.

"Es gibt junge Leute, die sind Gewinner der deutschen Einheit"

Draußen ist es heiß. Krenz trägt ein Outfit ganz in Beige: vom kurzärmeligen Hemd bis zur Hose. An den Füßen hat er schwarze Lederslippper. Und ist das etwa ein Klecks Gel, da in seinem grauen Haar? Man traut sich nicht zu fragen. Knollig wächst seine Nase aus dem Gesicht, die Karikaturisten haben sie dafür geliebt. Er lächelt nur wenig, manchmal aber: fast großväterlich. Trägt einen Ehering und eine güldene Uhr. Hersteller? Immer, wenn man gucken will, zieht er den Arm eilig weg.

Doch, gut sieht er aus, immer noch. Vital, zumal für einen Mann von 76 Jahren. Walter Ulbricht, das liest man in Krenz’ neuem Buch, machte jeden Morgen Frühsport. Oft auf dem Balkon. Krenz selbst? "Die ersten zwei Stunden meines Tages haben seit 50 Jahren die gleiche Struktur", sagt er. "Ich beginne den Tag mit Frühsport, höre Radionachrichten und lese Zeitung." Wie sieht sein Frühsport aus? "Früher bin ich jeden Morgen 12 oder 15 Kilometer gejoggt. Heute gehe ich walken. Oder, wie gestern, Rad fahren. 24 Kilometer!"

Tja, welches Gefühl soll man ihm entgegenbringen? Kann man für ihn, der das Wort "Wende" erfand, nicht auch Entlastendes ins Feld führen? Im Herbst 1989, als die Bürger in Leipzig und anderswo demonstrierten, fiel kein einziger Schuss. Auch, "weil Krenz es verboten hatte", wie die nicht gerade kommunistenfreundliche FAZ einmal hervorhob.

Egon Krenz vor dem Eiscafé Palermo in Dierhagen © Martin Machowecz

Reden wir über die Jüngeren, Herr Krenz: Mal ehrlich, ist es nicht zumindest für diese ein Glück, dass sie die DDR nicht erleben müssen? Jene, die Ende der 1980er im Osten Deutschland geboren sind? Da sagt Krenz doch tatsächlich: "Es gibt junge Leute, die sind Gewinner der deutschen Einheit. Weil sie gute Ausbildungsplätze haben. Weil sie vielleicht sogar für ein Jahr in Amerika studieren. Aber es gibt eben auch Verlierer. Zum Beispiel die, deren Eltern nicht genug Geld haben, ihnen eine Ausbildung zu finanzieren. Es gibt wieder ein Bildungsprivileg."

Ausgerechnet Amerika fällt ihm jetzt zuerst ein? Das Land des Klassenfeindes, eine Reise wert!

Da müssen wir nun über das iPhone reden, das iPhone auf dem Tisch. Sein iPhone. Da gehen ständig Mails ein, er sagt, sehr viele Leute kontaktierten ihn inzwischen digital. So ein Sozialist und sein Smartphone, ist das eigentlich dekadent? Ein Kommunist mit Touchscreen? Er fühlt sich wohl im Hier und Heute. Kein Problem mit der Weltfirma Apple? "Mich stört an solchen Konzernen, wenn sie auf Kosten ihrer Angestellten Profite machen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!", das sagt Krenz. Aber: "Wenn die Leute anständig bezahlt werden, ist das in Ordnung. Schon Marx hat, wenn ich das mal sehr vereinfachen darf, gesagt: Der Kapitalismus bringt schlechte, aber auch sehr gute Dinge zustande."

Der Witz ist, dass wahrscheinlich die DDR die besten Smartphones überhaupt gebaut hätte. Nie mehr aufwendig Wanzen hinter Zimmertapeten verstecken müssen! Wer überwacht noch so althergebracht? Überhaupt, die modernen Kommunikationsmittel. Schon die herkömmlichen Medien hätten 1989 der DDR das Leben schwer gemacht. "Gegen Facebook wäre wohl keine Mauer möglich gewesen. Das ist doch völlig klar." Gegen Facebook hätte nicht mal die Mauer geholfen? "Wir hätten es akzeptieren müssen, dagegen hätte sich niemand wenden können. Vieles hätte sich von selbst erledigt. Diese wechselseitig abgeschotteten Systeme hätte man in einer Welt der Sozialen Medien sicher nicht so einfach aufrechterhalten können."

Plötzlich betritt Beate Zschäpe den Raum, die Terroristin des NSU. Denkt jedenfalls, für einen Moment, Egon Krenz. Er zuckt zusammen, sagt: Oh Gott, die sieht aus wie die Zschäpe, nich? Er sagt: "die Tschäppe". Nein, es ist nur eine Frau, die so ähnlich aussieht. Egal, Krenz: nachhaltig in Furcht.

Was dachte er, als der NSU aufflog? "Das war ganz schlimm", sagt Krenz. "Und ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, ich hab’s auch zu meiner Frau gesagt: Zehn Jahre mordend durchs Land zu ziehen, das wäre in der DDR undenkbar gewesen." Jetzt ist Krenz ergriffen.

Warum denn wäre der NSU in der DDR nicht denkbar gewesen – weil es kaum Migranten gab? "Die Sicherheitsbehörden der DDR hätten das nicht übersehen", sagt Krenz. Die Stasi sah halt alles? Ach wissen Sie, sagt Krenz. "Dieses Thema ist ja gerade brandaktuell. Frau Merkel hat mit Obama darüber gesprochen", er meint den Streit ums Spähsystem Prism, mit dem Amerika übers Internet wacht: "Ich glaube, Sie würden sich wundern", sagt Krenz, "was über den BND und den Verfassungsschutz so ans Licht kommen würde, wenn deren Akten so frei zugänglich wären wie die der DDR-Sicherheitsorgane."

Blind auf dem rechten Auge sei sein Staat jedenfalls wohl nicht gewesen. "Typisch in der DDR wäre gewesen, dass solche Taten aufgedeckt werden. Ich wehre mich dagegen, dass heutiger Rechtsextremismus seine Ursache in der DDR haben soll."

Im Raum sitzt inzwischen übrigens Publikum, klatscht aber nicht Beifall: Im Palermo ist eine kleine Talkshow entstanden. Krenz beim Heißen Stuhl. Aber auf dem sitzt eher der Reporter. Krenz: Genießt die Show ein bisschen. Der Reporter hingegen spürt: Mit Krenz unterwegs zu sein, das fühlt sich unangenehm an. Man ist Aussätziger. Die Leute um den Tisch herum haben ein "Das ist doch nicht etwa der Krenz"-Gesicht aufgesetzt. Krenz ist das egal. Bemerkt er es? Beim Reden schaut er in die Runde.

Nun würde man gern fragen: War er ein Diktator?

Traut man sich aber nicht.

Dann so: War die DDR eine Diktatur?

"Dieses Wort stört mich nicht", sagt Krenz. Er wende sich nur gegen das Wort von der "zweiten deutschen Diktatur". Denn: "Das suggeriert eine Kontinuität vom Nazireich zur DDR."

War es nicht ein unglaublicher Mist, dass Sie Ihre Bürger eingesperrt haben? "Na gut", sagt der, der dann ja wohl doch auch eine Art Diktator war: "Dass wir die allgemeine Reisefreiheit nicht erreichen konnten, spricht gegen die DDR." Ach wirklich! Krenz sagt auch: "Nur irrt, wer glaubt, die DDR-Führung hätte pausenlos darüber nachgedacht, wie man die DDR-Bürger einsperren könne, wie man sie daran hindern könne, um die Welt zu reisen."

"Wir hauen ab"

Wenn man ihn dann fragt, warum er sie nicht gewährt hat, die Reisefreiheit, wenn er deren Fehlen doch so bedauerte, sagt Krenz: "Manches hing damit zusammen, dass die Staatsbürgerschaft der DDR nicht respektiert wurde. Für mich war das alles aber schon lange kein Sicherheitsproblem mehr, sondern vor allem eine ökonomische Frage. Wir hatten keine konvertierbare Währung."

Es ging also nur um Wirtschaft bei der Mauer? Im Ernst?

"Für meine Generation war das doch längst keine ideologische Frage mehr, für uns standen die wirtschaftlichen Fragen im Vordergrund. Es ging einfach nicht, dass die DDR Fachleute kostenlos ausbildete und die danach im Westen arbeiteten."

Herr Krenz, Sie haben die Menschen doch aber gewaltsam an der Flucht gehindert! Dafür saßen Sie schließlich im Gefängnis. Da entgegnet er, komplett ruhig: Man könne über Ulbricht reden, ansonsten sei das Gespräch hier beendet.

Es gibt aber Krenz-Sätze, die ein bisschen nach Reue klingen: "Der Umgang mit Andersdenkenden, der gehörte leider nicht zu unseren Stärken. Das ist schon richtig." Nur meint er damit eher: Die DDR hatte auch ein paar Schwächen. Er sagt, irgendwann werde es sicher eine Art ostdeutsches 1968 geben. Er meint damit aber keine DDR-Aufarbeitung. Nein, sagt Krenz: "Die Jüngeren werden sicher einmal die Frage stellen: Wieso habt ihr eigentlich alles aus der DDR-Zeit kriminalisiert? Wieso nicht auch nach guten Erfahrungen gefragt?"

Das Publikum im Palermo hat das Lokal schon lange verlassen. Krenz steht auf, er will jetzt einkaufen, bei Edeka, die sind immerhin genossenschaftlich organisiert, und die Mitarbeiter kommen aus der Region. Krenz ruft laut, zur Kellnerin: "Der junge Mann möchte zahlen!" Und: "Wir hauen ab!"

Das sind dann fast die letzten Worte des letzten SED-Generals im Palermo. Keiner hält ihn auf.