Erzählband "Techno der Jaguare"Georgien träumt von Eichendorff

Der Erzählband "Techno der Jaguare" versammelt wunderbar sperrige Frauenfiguren. von Sarah Schaschek

© Frankfurter Verlagsanstalt

Kasachstan oder Kroation? Eigentlich egal, woher die neue Haushaltshilfe kommt. Ihre Mutter kann Länder mit K eh nicht auseinanderhalten. Die Figur der Tochter in Nino Haratischwilis Einakter ist giftig und teilt gnadenlos aus. Die unnahbare Mutter wiederum will unbemerkt für die Zeit nach ihrem Krebstod vorsorgen. In der neuen Angestellten sucht sie eine Nachfolgerin.

Es ist ein Stück für drei Frauen, mit dem die kleine Textsammlung Techno der Jaguare schließt. Und es ist der einzige Text, der auf die Herkunft der Autorinnen verweist, die auf dem Einband als Neue Erzählerinnen aus Georgien angekündigt werden. Anders als bei so einem Label vielleicht zu erwarten wäre, geht es in den sechs Kurzgeschichten und dem Theaterstück aber nicht um postsowjetische Identität. Die Geschichten spielen geografisch universal in "der Stadt", Männer sind namenlose "Geliebte". Statt Gulasch gibt es Fisch in griechischen Dionysos-Kaschemmen. Sollte Georgien irgendeinen gemeinsamen Referenzpunkt bieten, ist es ein literarischer. Denn osteuropäische Autorinnen entwerfen derzeit geradezu hinreißend sperrige Frauenfiguren, die sich durch einen bissigen Ton und ein liebenswertes Bewusstsein für die eigenen Schwächen auszeichnen. Prototypisch steht dafür die verächtlich erzählende Großmutter im Roman Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche der deutschrussischen Autorin Alina Bronsky.

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Techno der Jaguare ist randvoll mit Frauen, die sich selbstbewusst und wunderbar lakonisch durchs Leben bewegen. Sie erleben Fantastisches (wie die junge Frau, der über Nacht ein Buch aus dem Kopf wächst) oder Frustrierendes (wie die Journalistin, deren Reize beim Interview mit einem blinden Maler scheinbar vergeblich sind). Die Autorinnen, zwischen 1964 und 1983 geboren und allesamt Preisträgerinnen georgischer und deutscher Literaturauszeichnungen, zeigen dabei viel Gespür für die Macht des geschriebenen Wortes. "Als wessen Text werde ich hier gelesen?", fragt die Frau mit dem Buch auf dem Kopf.

Überhaupt, die Sprache. Die Geschichten scheinen allenfalls locker strukturiert zu sein, vieles klingt spielerisch, beinahe tänzelnd. Doch jede einzelne von ihnen ist streng komponiert, verfügt über ein beeindruckendes Tempo, ist kurzsatzig, aber nie kurzatmig.

Noch ein Grund, sich nicht auf die georgische Heimat der Autorinnen zu versteifen, ist übrigens ihr starker Bezug zum Deutschen. Eine mehrfache Jelinek-Übersetzerin ist unter ihnen. Eine andere spielt mit Schlagern ("rote Sonne im Meer bei Capri") und Eichendorff-Motiven ("im Mondschein leuchtende Marmorbüsten"). Kafka oder Kaukasus: Literarisch ist die Verwischung der Ländergrenzen auf jeden Fall geglückt.

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    • Schlagworte Georgien | Kasachstan | Kaukasus | Autor | Roman | Buch
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