Wenn man zur Rushhour die im Minutentakt unter den Wolkenkratzern entlang rasende Hongkonger U-Bahn nimmt und aus Rolltreppenschlünden emporgleitet in ein urbanes Gewimmel aus Menschen, grell blinkender Reklame, Smartphones und hupenden Taxis, wenn man weiter durch den 35 Grad heißen Monsunregen eilt und mit einem überfüllten Aufzug in den 21. Stock eines silbrigen Bürogebäudes fährt – dann meint man plötzlich zu verstehen, weshalb der Regisseur Wong Kar-wai seine Sonnenbrille nie ablegt. Die schwarzen Gläser als optische Barrikade, als kleiner Schutzraum in einer der am dichtesten besiedelten Städte der Welt. Tatsächlich muss man dieser Tage, da Hongkong in dampfender Feuchtigkeit versinkt, höllisch aufpassen, nicht die Metallstreben von circa sieben Millionen durch die Straßen flitzenden Regenschirmen ins Auge gepikst zu bekommen.

"Ich mag die Stadt auch in dieser anstrengenden Jahreszeit", sagt Wong Kar-wai, "sie wirkt dann so unwirklich." Wie er da in seinem mit lichtem Holz verkleideten Produktionsbüro steht, schwarz gekleidet, von Angestellten umgeben, könnte er auch ein Gangster oder ein Geschäftsmann sein, was nicht nur in Hongkong oft dasselbe ist. In jedem Fall wirkt Director Wong, wie ihn seine Mitarbeiter in E-Mails nennen, unendlich lässig. Ein Prince of the City, der über dem östlichen Hochhausmeer der Insel thront.

Immer wieder war dieses Interview verschoben und zwischendurch auch mal abgesagt worden, die Fragen mussten im letzten Moment an seine Assistentin geschickt werden, zwecks Vorbereitung des Meisters. Und nun sitzt Wong Kar-wai grinsend an einem riesigen Tisch, den ausgedruckten Zettel vor sich. "So viele? Daraus könnte man ein Buch machen!", sagt er. "Lassen Sie uns erst einmal Tee trinken und auf die Stadt blicken."

Hongkong. Die Stadt, die Wong seit dreißig Jahren in seinen stilisierten Filmwelten ganz beiläufig dokumentiert, begleitet und irgendwie auch feiert. In seinem Regiedebüt, dem 1988 gedrehten Gangsterfilm As tears go by, werden die engen Gassen und Garküchen zum Überdruckkessel einer Gewalt, die auch die Kamera mitreißt. Die Insel Lan Tau, heute Sitz des futuristischen, mit einer Expressbahn an die Stadt gekoppelten Flughafens, ist hier noch ein Fischerort, in dem die von Maggie Cheung gespielte Freundin des Helden lebt.

In Chungking Express, seinem durchgeknallten Film über Verlassene und Liebessucher, verewigt Wong Kar-wai die Chungking Mansions, einen von Indern, Pakistani und Nepalesen bewohnten und betriebenen Geschäftskomplex. Hier erscheint Hongkong auf der Leinwand plötzlich als multikulturelle Einwandererstadt, sieht man Menschen, die sich in billigen Absteigen zu zwanzig Personen in einem Raum mit Etagenbetten stapeln. In dem melancholischen Liebesreigen In the Mood for Love wiederum überhöhte Wong das Hongkong der sechziger Jahre mit Zeitlupen, warmen Farben und dämmrigem Licht zu einem Sehnsuchtsort. Tony Leung elegisch rauchend und Maggie Cheung im eleganten Etuikleid. Immer wieder begegnen sich die beiden in den engen Fluren eines verwinkelten Mietshauses mit Mahjong spielenden Nachbarn und neugieriger Vermieterin. Der nostalgische Blick auf die Stadt wird zur ebenso nostalgischen Vision einer nicht gelebten Liebe, und ihr Refrain ist ein Song von Nat King Cole.

"Chinas Modernisierung kann nicht nur darin liegen, dem Westen nachzueifern"

Ein Mitarbeiter bringt den Tee. Als der heiße Dampf in dem arktisch klimatisierten Raum Wong Kar-wais Brille beschlägt, nimmt er sie kurz ab, um sie an seinem Hemd zu putzen. Seine blinzelnden Augen wirken warm, und man fühlt sich fast wie ein Voyeur.

"Meine früheren Filme handelten von Menschen, die bereits hier leben" sagt er. "In The Grandmaster wollte ich zeigen, wo diese Leute herkommen. Die meisten stammen aus China. Aus dem Süden, aus dem Norden, mit vollkommen unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Ich wollte zeigen, wie sie zu Hongkong werden."