Fotografie : Macht euch nackig!

Der Fotograf Ruben Brulat (24) über seine Faszination für menschliche Körper in unberührter Natur und die Geschichten hinter seinen Wimmelbildern.

DIE ZEIT: Herr Brulat, Sie fotografieren Menschen splitternackt in weiten Landschaften, oft an den entlegensten Orten der Welt. Was fesselt Sie an diesem Arrangement?

Ruben Brulat: Mich interessiert vor allem die Gefühlsintensität, die durch die freie, wilde Natur hervorgerufen werden kann. Vor vier Jahren habe ich das selbst zum ersten Mal am eigenen Leib verspürt. Ich wanderte durch die isländische Wildnis und war von wunderschönen Felsen umgeben. Plötzlich spürte ich diesen Drang: Ich musste mich sofort ausziehen und irgendwo hinlegen. Das fühlt sich einzigartig an, diese Mischung aus Adrenalin und Verletzbarkeit. Danach begann ich, mich in dieser Pose in der Natur zu fotografieren.

ZEIT: In Ihrer Fotoserie Paths sind aber nicht Sie selbst zu sehen, sondern Reisebekanntschaften, die sich für Sie entkleidet haben. Warum haben Sie sich selbst aus Ihren Bildern zurückgezogen?

Brulat: Ich wollte die Erfahrungen, die ich durch diesen speziellen Umgang mit der Natur gemacht hatte, mit anderen teilen. Und das gelang mir zum ersten Mal auf einer mehrmonatigen Reise durch Indien, Patagonien und Nepal.

ZEIT: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Nackten?

Brulat: Ja, natürlich. Das war ein spanischer Abenteurer namens Jorge. Ich stand in Patagonien an der Ruta 40 und wollte in Richtung Anden trampen. Da hielt eine orangefarbene Ente aus den Sechzigern, vollgestopft mit verrücktem Kram. Die Dreadlocks des Fahrers reichten ihm bis zu den Hüften. Jorge faszinierte mich. Nachdem wir in dem alten Auto Tausende von Kilometern durch die raue Landschaft gefahren waren, fragte ich ihn ganz vorsichtig, ob er sich vorstellen könne, zu tun, was ich von ihm wollte. Er reagierte zunächst zurückhaltend – er hatte Angst, die Fotos könnten zu intim sein. Aber ich beruhigte ihn: Wir machen das Foto nur, wenn es so sein soll.

ZEIT: Was bedeutet denn das?

Brulat: Bei dem Projekt ging es mir darum, die Dinge geschehen zu lassen. Ich wollte nichts forcieren, nur um meine Bilder zu bekommen. Alles sollte sich wie von selbst ineinanderfügen: die Menschen, die bereit sind, sich draußen auszuziehen, die umwerfende Landschaft, das richtige Licht. Wenn alles passt, geschieht es. Wenn nicht, geht die Reise weiter.

ZEIT: Und bei Jorge hat alles gepasst?

Brulat: Ja, das war sehr aufregend. Er legte sich in eine Landschaft, die von halb toten Bäumen bedeckt war. Drum herum blühte es blau, gelb, grün. Ein unvergesslicher Moment.

ZEIT: Ihre Fotografien leben von der Spannung zwischen der Weite scheinbar völlig unberührter Landschaften und dem überraschenden Auftauchen nackter Menschen darin. Die Personen sind aus großer Ferne abgelichtet und zeigen sich – wie in einem Wimmelbild – oft erst auf den zweiten Blick. Waren Sie denn beim Fotografieren immer so ungestört, wie es die Bilder vermuten lassen?

Brulat: Man kann natürlich nie sicher sein, dass nicht doch jemand vorbeikommt. Und in Ländern, wo Nacktheit in der Öffentlichkeit ein großes Tabu ist, war die Angst, erwischt zu werden, deshalb auch ständig präsent. Bei einer Reise in den Iran zum Beispiel lernte ich in Esfahan einen jungen Mann kennen, der mit seiner Familie in der Altstadt lebte. Wir verbrachten viel Zeit zusammen. Auf die Gefahr hin, ihn zu verschrecken, zeigte ich ihm nach ein paar Tagen einige meiner Arbeiten. Er dachte einen Tag lang nach und ließ mich schwören, niemandem seinen Namen zu verraten. Dann schlug er vor, in die Wüste zu gehen. Da war kein Mensch. Leider ist das Foto nicht in der Serie enthalten, weil der Film auf dem Weg ins Labor bei der thailändischen Post verloren ging.

ZEIT: Welches Ihrer Fotomodelle hatte denn die meisten Vorbehalte gegen eine Aufnahme?

Brulat: Das war wohl Yaïr, ein Israeli, den ich im Himalaya traf. Er hatte eine große Abneigung meinem Projekt gegenüber. Nachdem wir zehn Tage durch die Schneelandschaft in der Annapurna-Runde marschiert waren, kamen wir zum Tilichosee, einem der höchstgelegenen Seen der Erde. Und in dieser fantastischen Umgebung änderte er seine Meinung. Er legte seinen bloßen Körper in den rauen Schnee. Ein umwerfendes Bild.

ZEIT: Klingt allerdings nicht so gemütlich... Die Menschen in Ihren Aufnahmen wirken ja oft sehr schutzlos. Hat sich eigentlich schon mal jemand während der Aufnahmen verletzt?

Brulat: Nein, das nicht, jedenfalls nicht schlimm. Einmal war ich in Nepal morgens mit zwei Bekannten, Maxime und Lionel, wandern. Unterwegs stießen wir auf einen prachtvollen Rhododendron-Dschungel, der in blauen Nebel gehüllt war. Die beiden mussten ein wenig klettern, um an die Stelle zu kommen, an der ich sie fotografieren wollte. Dort legten sie sich in die Blätter. Als sie wieder aufstanden, hatten sich an jedem von ihnen ungefähr 15 Blutegel festgesaugt. Aber nun... So kamen auch mal die Tiere auf ihre Kosten.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Sehr faszinierende Bilder

Es sind tolle, faszinierende Bilder - DANKE an die Zeit für dieses Thema. Es sind Bilder mit einer tiefen poetischen und auch philosophischen Dimension. Und in diesem Kontext ist es interessant, sich auch das "Diary" von Ruben Brulat ein wenig anzuschauen: http://thediary.rubenbrul...

und auch die Entwicklung, die hinführt zu "Paths", über "Immaculates" und "Primates". Es sind Bilder, die Fragen stellen, in denen jemand auf der Suche ist. Das Reisen selbst, als Bewegung, als Einlassen auf Neues, Unbekanntes, das Gehen unbekannter Wege, das Leben selbst ist ja eine Suche, eine Bewegung in einen unbekannten Raum hinein - diese Bilder machen dies sichtbar ... und das Nacktsein bedeutet in diesem Kontext auch, reduziert auf sich selbst zu sein, ohne Kleidung und anderes, wodurch wir uns sonst definieren. Es hat viele Dimensionen: eine sinnliche, aber auch die der Einsamkeit, des Eingebettetseins in die Natur, aber auch das Ausgeliefertsein, die Spannung, die besteht zwischen einer eher menschenabweisenden Natur wie der Wüste und dem nackten, einzelnen Menschen darin.

Nur, sorry, die Überschrift ist daneben ...