Wenn in der arabischen Welt in jüngerer Zeit Menschenmassen auf die Straße gingen, gab es in der Regel drei Erklärungen: Die Diktatoren waren zu brutal, die Brotpreise zu hoch, die Behörden zu korrupt geworden. Oder alles zusammen.

Am vergangenen Dienstag verstopften Abertausende Palästinenser die Straßen von Gaza. Nicht um zu protestieren. Sondern um ihn zu feiern: Mohammed Assaf, 23, Hochzeitssänger aus dem Flüchtlingslager Khan Younis, hat die Castingshow Arab Idol gewonnen. Im Finale, live aus einem Hotel in Beirut übertragen, schlug er die Konkurrenz aus Ägypten und Syrien.

Man könnte glauben, dass die Menschen zwischen Damaskus und Kairo derzeit andere Sorgen haben, als per SMS-Abstimmung ihre Superstars zu suchen. Dass es schizophren ist, in Aleppo mit der blond gelockten Farah Youssef zu fiebern, während Bomben einschlagen. Oder in Alexandria, wo einem die Salafisten im Nacken sitzen, nicht zu Allah, sondern für den Zuckerpop von Ahmed Gamal zu beten.

Stimmt, es ist verrückt. Und zugleich völlig normal. Und erstaunlich subversiv. Da verfolgen Abermillionen in den arabischen Ländern eine Show, in der Männer und Frauen gemeinsam auftreten, in der getanzt und geschmachtet und jedes fundamentalistische Musikverbot, jeder Schleierbefehl einfach weggeschnulzt wird. Kein Wunder, dass die islamistische Hamas den Kandidaten zunächst nicht ausreisen lassen wollte und in den Moscheen von Gaza gegen den verweichlichenden Einfluss westlicher Kulturimporte wettern ließ.

Genutzt hat es nichts, Palästinenser in Gaza, im Westjordanland und in der Diaspora simsten den Hochzeitssänger zum Sieg – und Hamas-Vertreter mussten zähneknirschend mitfeiern. Schon weil es die politische Konkurrenz der Fatah auch tat. Musik, auch kitschige, verändert nie die Politik. Aber sie kann sie manchmal gnadenlos vorführen.

Die nächste Castingshow in Beirut kommt bestimmt – schon allein, weil es kommerziell ein Riesenerfolg war. Und weil der Libanon in Sachen Schizophrenie absolut Spitze ist. Von allen Seiten drängt der syrische Bürgerkrieg herein, aber im Land geht jetzt die Festivalsaison los. Die große Elvis Presley Tribute Show ist schon vorbei, Lana del Rey, Cheb Khaled und der Zirkus der chinesischen Staatsakrobaten stehen noch an. Es wird gefeiert, bis es nicht mehr geht. Verdrängung ist ein Menschenrecht. Und manchmal hochpolitisch.