Die größte Lüge, die es über Twitter gibt, heißt: Es geht um 140 Zeichen. Bei Twitter geht es nicht um 140 Zeichen. Bei Twitter geht es um viel weniger. Es geht um das eine Wort, das mit einer Raute, dem sogenannten Hashtag, belegt werden kann. Das als Schlagwort in den Kommunikationsdschungel geschoben wird, auf dass es Freunde findet, die es weitertragen und es im seltenen, aber natürlich besten Falle zu einem Massenphänomen wird.

Als am Freitag der #aufschrei, dieser wirkungsmächtigste Hashtag der deutschsprachigen Twitter-Diskursgeschichte, den Grimme Online Award gewann, siegte nicht nur der Inhalt. Es siegte nicht nur die Empörungsdebatte über sexuelle Belästigungen, die mit einem Artikel im stern über das Gebaren von Rainer Brüderle angestoßen wurde. Es siegte die Form. Das Prinzip. Die totale Reduktion, die das perfekte Mittel zur Debattenentzündung und Debattenfokussierung ist.

Debatten haben häufig einen konkret benennbaren Ausgangspunkt. Das Interview mit Günter Grass, in dem er über seine Zeit bei der Waffen-SS spricht. Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab. Oder eben das Brüderle-Porträt. Von diesem Schlüsselereignis ausgehend, entwickeln sich rasch Subdiskursstränge, die teilweise nur noch wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun haben. Bei der Günter-Grass-Debatte ging es nach einigen Tagen vermehrt darum, ob der Diskurs über den Zweiten Weltkrieg zu sehr von Zeitzeugen geprägt wird, bei Sarrazin um das gute oder weniger gute Zusammenleben zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Und im Falle Brüderle hießen die großen Fragen: Verändert sich das Verhältnis von Politikern und Journalisten? Wie haben alte Männer mit jungen Frauen umzugehen?

Bei der Sexismusdebatte gibt es nun aber einen entscheidenden Unterschied: Die Logik des Diskursraums Twitter führt dazu, dass das eine Wort, der Hashtag, die Debattenstränge viel enger zusammenfügt, als das jemals zuvor möglich gewesen wäre. Er ist das Ordnungsprinzip, das sie immer wieder zurückführt auf die Ausgangssituation. Der Hashtag bündelt. Nur tut er das – und das ist seine zweite essenzielle Wirkung – keineswegs als wertneutraler Mittelsmann. Im Wettstreit der Deutungen kann beim Kampf um den Hashtag nur einer als Sieger hervorgehen. Das diskursbestimmende Wort gibt die Richtung vor. Gerade deshalb hatte der "Aufschrei" eine solche Wucht: weil er an Eindeutigkeit und an Parteinahme nicht zu überbieten war.

Diskurse kämpfen um Macht, sie definieren, was wahr und was falsch ist. Damit üben sie gesellschaftliche Macht aus. In diesem gesellschaftlichen Aushandel-system fungiert der Hashtag als Brandbeschleuniger. Der Einzelbegriff, auf den sich die Masse einigt, trägt seine eigene Wahrheit in sich. Er schafft eine von seinen Erfindern gewollte Asymmetrie, die den Diskurs um ihn und seine Botschaft anheizt. Die Stränge, die sich bislang verlaufen konnten, werden dauerhaft per Hashtag rückgekoppelt. Sie sind – bildlich gesprochen – wie eine Ziege, die eine Kette um den Hals trägt und an einem Granitstein in der Mitte der Wiese angebunden ist.

Kein Wunder, dass Facebook, der große Bruder von Twitter, seinem kleinen Bruder nacheifert und das Prinzip Hashtag vor wenigen Tagen auch auf seinen Seiten eingeführt hat. Gerade dort, wo das große Rauschen des permanenten Miteinander-Redens die Existenzprämisse ist, wird ein klares, ordnungsschaffendes Prinzip dringend benötigt. Und eines ist auch klar: Die Vorstellung von den Diskursen und Subdiskursen als Ziegen, die nur noch an der Kette der Einzelbegriffe grasen und aus dem eigenen Hoheitsgebiet nicht weglaufen können, war für Mark Zuckerberg, den Einverleiber jeglicher gesellschaftlicher Kommunikation, einfach zu verlockend, als dass er sie der Konkurrenz überlassen konnte.