An der größten Outletshoppingmall der Stadt kann man sie erleben, gleich an der Tung-Chung-U-Bahn-Station. Den Typus "Tourist aus Festlandchina", den sie hier Heuschrecke nennen. Er versetzt halb Hongkong in Schrecken.

Sie drängen aus den Toren der Mall, beladen wie Erdbebenopfer, doch mit seligem Lächeln. Sie schleppen Koffertrolleys, Tüten und Taschen voller Gucci, Prada, Louis Vuitton. Alles billiger als auf dem Festland, wo eine üppige Luxussteuer erhoben wird. Auf dem Trottoir rasten Familien so entspannt, als säßen sie vor ihrem Bauernhaus. Ein Mann trinkt Bier, die Schuhe hat er ausgezogen, eine Frau hält ein Kind zum Pinkeln über den Asphalt.

Liu Waitong, 37, Dichter und Fotograf, sitzt in einem Café gegenüber und betrachtet das Treiben mit neugieriger Milde. Liu hat in Peking studiert, er spricht ein exzellentes Mandarin, seine Frau kommt vom Festland. Das Wort Heuschrecken gefällt ihm nicht, er findet es "hässlich und nazimäßig" und wirbt für Differenzierung. "Man sollte das Politische und das Private trennen. Die Chinesen sind nicht ihre Regierung." Stets hat er seine Mithongkonger zur Mäßigung aufgerufen, wenn der chinesisch-chinesische Kulturkampf mal wieder ausbrach. Also eigentlich: immer.

Da war etwa im vergangenen Jahr der Streit in der U-Bahn, in einem Handyvideo dokumentiert. Ein Hongkonger stört sich daran, dass ein Mädchen vom Festland in der U-Bahn isst, es kommt zum Streit, das Mädchen spuckt seine Nudeln auf den Boden. Für viele Hongkonger bewies das erneut:

Die vom Festland! Haben Geld, aber kein Benehmen! Kommen hierher, kaufen alles weg, können nicht anstehen, machen, was sie wollen!

Die Antwort vom Festland ließ nicht lange auf sich warten, Kong Qingdong, Professor der Peking-Universität, schäumte in einer Videonachricht: "Die Hongkonger sehen sich einfach nicht als Chinesen. Sie sind Bastarde, gewohnt, den britischen Imperialisten wie Hündchen nachzulaufen!"

Da waren, ebenfalls im vergangenen Jahr, die wütenden Kundgebungen vor dem Dolce & Gabbana Flagship Store, als ein Mitarbeiter Hongkonger ermahnte, doch bitte keine Fotos zu machen, das dürften nur Festlandchinesen und andere Touristen. Da waren die Protestveranstaltungen, bei denen Demonstranten die britische Flagge wehen ließen. Da war die Umfrage der South China Morning Post im März, die weder repräsentativ noch wissenschaftlich, aber trotzdem erstaunlich war: Mehr als 90 Prozent der Teilnehmer wünschten sich zurück in die koloniale Vergangenheit. Eine Gruppe streitet für ein unabhängiges Hongkong, andere fordern, ausgerechnet im liberalen Hongkong die Reisebeschränkungen zu verschärfen. In den Krankenhäusern wurde kürzlich eine Nullquote für Schwangere vom Festland verhängt – ganze Gruppen waren angereist, um ihre Babys in Hongkong zur Welt zu bringen und dadurch Zugang zum dortigen Erziehungs- und Bildungssystem zu erhalten. An den Universitäten stöhnen Studenten, die Festlandskonkurrenz schnappe ihnen Stipendien und begehrte Studienplätze weg.

Fotograf Liu fand die Erregung oft überzogen und Nostalgie mit Blick auf die koloniale Vergangenheit unangebracht. "Sie hat doch vor allem damit zu tun, dass es den Hongkongern in den Achtzigern wirtschaftlich viel besser ging. Doch auch das war eine Blase. Man muss doch nicht den Briten hinterhertrauern, nur weil man mit der chinesischen Regierung unzufrieden ist."