Man kann etwas erschaffen, kontrollieren kann man das Geschaffene nur schlecht. Man kann ein Kind zeugen, es erziehen, und dann macht es doch, was es will. Man kann mit äußerster Genauigkeit ein Abendessen planen, mit Gästen, die einander wohlgesinnt sein müssten, und das Tischgespräch ist dann doch beherrscht von unterdrückter Gereiztheit und peinlichen Schweigeminuten, ohne dass man letztlich wüsste, weshalb. Der Mensch ist ein Demiurg, ein zweifelhafter Schöpfer, ein schlechter Handwerker nur, kein Gott, der das Erschaffene auch lenken könnte. Er steht ratlos vor seinem Werk, das ihm schneller entgleitet, als er begreifen kann.

Der Mensch vermag Schöpfer zu sein, sein Werk aber entfaltet ein nicht zu bändigendes Eigenleben – dieser Gedanke ist der glühende Kern der ungemein dichten, weitverzweigten Familiengeschichte, die Jérôme Ferrari in seinem Roman Predigt auf den Untergang Roms entfaltet, mit dem er vergangenes Jahr den wichtigsten französischen Preis für Gegenwartsliteratur, den Prix Goncourt, erhielt. Im Zentrum der düsteren, mitunter heiter-sarkastischen Handlung stehen zwei Freunde, die sich von klein auf kennen. Libero, der sich im Studium mit Augustinus beschäftigt hat, und Matthieu, ein eifriger Leser der Werke von Leibniz.

Die beiden jungen Männer entschließen sich zum Missfallen ihrer Eltern, auf Korsika eine heruntergekommene Kneipe fernab des Meeres zu übernehmen, und es gelingt ihnen, obgleich alles dagegen spricht, diese zu einem beliebten und lukrativen Treffpunkt der Einheimischen und Touristen zu machen – dank einer simplen und geschäftstüchtigen Idee, nämlich der Einstellung von vier jungen und lebhaften Kellnerinnen, die auf die von "sexueller Not verwüstete Gegend" eine ziemliche Anziehungskraft ausüben. Und genau in der Mitte des Romans sind die Pächter der Bar und ihre Kellnerinnen auch auf dem Gipfel des Glücks und der Lust angelangt: Man teilt sich abends den Alkohol und munter die Matratzen, und Matthieu denkt nach langer Zeit wieder an Leibniz "und erfreute sich des Ortes, der nun der seine war, in der besten aller möglichen Welten, und beinahe hätte er Lust gehabt, sich vor der Güte Gottes zu verneigen, dem Herrn der Welten, der jegliche Kreatur an die richtige Stelle setzte".

Es gehört zum eigentümlichen Reiz und Humor dieses Buches, dass banalste Ereignisse und allzu menschliche Verwerfungen über weite Strecken im hohen Predigerton abgefasst sind, als handele es sich bei diesem Roman um ein langes biblisches Gleichnis, das für die Entwicklung des ganzen Menschengeschlechts einzustehen hat. Es geht in der korsischen Schmuddelkneipe noch einmal um christliche Großbegriffe und historische Großereignisse des Abendlands: um den dunklen, nicht darstellbaren Ursprung allen Seins, um das Zusammenbrechen von Welten, die Apokalypse, den Untergang Roms, um Geschichtsphilosophie – und damit natürlich auch um den Sündenfall. Den jungen Pächtern war schließlich im Vorfeld von einem im Gastronomiewesen erfahrenen Kollegen aus der Halbwelt folgender dringender Ratschlag gegeben worden, den man nicht befolgte: "Die Leute lassen ihr Geld nicht bei euch, um zu sehen, dass ihr die Kellnerinnen fickt. Ihr, ihr könnt die Gäste ficken, aber nicht die Kellnerinnen."

Für eine Flattersekunde fällt in der Neo-Kommune des Romans der Sündenfall mit dem Paradieszustand in eins. Es scheint, als vereinte man sich, um es mit Leibniz zu sagen, in "prästabilierter", also vorherbestimmter Harmonie. Allerdings ist das Kneipenleben nur die schnöde Schöpfung zweier der Philosophie abtrünniger Studenten, und diese Schöpfung "entwischt" ihnen, "überflügelt" sie, zerstört schließlich die Schöpfer selbst. Der Roman endet, so viel sei verraten, im Blutrausch und in hässlicher Ekstase, und das geschieht mit einer Folgerichtigkeit, als sei am Ende doch ein Gott am Werk – allerdings ein strafender, der es sich zur lustvollen Aufgabe gemacht hat, die schlechteste aller Welten zu erschaffen. Ferrari ist auch ein Wiedergänger Voltaires, der einst den Optimismus von Leibniz verspottet hatte.

Man kann es auch so wenden: Der strafende Gott ist der Erzähler, der die Figuren wie Marionetten über ein Spielfeld zieht, ohne dass diese sich wehren könnten. Der Roman suggeriert damit, ein heiliger Text zu sein, der unter anderem vom Auszug der Franzosen in fremde Länder erzählt: In weiträumigen Exkursen werden die Vorfahren Matthieus in Kolonialreiche geschickt, die den Kolonialisten vor allem exotische Krankheiten bringen und Einsamkeit. Die Protagonisten erleiden zwei Weltkriege, Katastrophen, gewissermaßen immer wieder aufs Neue den Untergang Roms, sie erleben das Ende von Welten und den Beginn von neuen.

"Schaut her", schrieb Augustinus, der Gewährsmann des Kneipiers Libero, "sie sagen, Rom fällt, und es fällt auch das Christentum. Aber bei der christlichen Religion geht es doch nicht um den Zustand einer Stadt. Es geht dabei doch nicht um Steine und Holz oder schöne Gebäude und Mauern. Das, was der Mensch baut, zerstört er auch. Das ist nichts Neues." Libero verachtet die augustinische Gelassenheit, der Kirchenvater erscheint ihm als unkultivierter Barbar, "der sich über das Ende der Welt freute", über den Aufstieg "von Durchschnittsmenschen und triumphierenden Sklaven". Dem Roman ist damit eine überaus pessimistische Gegenwartsdiagnose eingeschrieben, handelt er doch von der Verwüstung Korsikas durch den Tourismus, von der Prostitution der Insulaner, vom Zusammenbruch sozial stabiler Strukturen, der Gewalt freisetzt, kurzum: vom Niedergang der Zivilisation, dem man nicht gelassen begegnen kann. Frankreich ist keine Insel mehr, die sich abschotten könnte von äußeren Einflüssen, und jeder französische, vom Antiamerikanismus beseelte Leser weiß natürlich, worauf Ferrari mit seiner Untergangsprosa abzielt – auf die globalisierte angloamerikanische Massenkultur, die als barbarische Invasion empfunden wird: "Die Passagierdampfer entluden ihre monströse Fracht Fleisch. Überall waren Unmengen von Menschen, Shorts, Flip-Flops." Man kann das, je nach Neigung, als anmaßend oder gewagt empfinden: Der 45-jährige Ferrari, der mit diesem, seinem fünften Roman in Frankreich einen Bestsellererfolg landete, parallelisiert Unglücke welthistorischen Ausmaßes mit der gegenwärtigen Identitätskrise der Franzosen, was diese natürlich sehr erhebend und bedeutsam macht.