KroatienEin "Švabo" in Split

Für die Einheimischen von Split bleibt Nicol Ljubić ein Schwabe. Doch er hat in der Stadt an der Adria den Kroaten in sich entdeckt. Eine Liebeserklärung zum EU-Beitritt von Nicol Ljubic

Split vom Wasser aus gesehen

Split vom Wasser aus gesehen  |  © pantomimik / photocase

Edi bestellt einen kava, holt seinen Tabak aus der Tasche und dreht sich die erste Zigarette. "Du rauchst immer noch nicht, oder?" Ich schüttele den Kopf, und er sagt: "Ich glaube, du bist doch ein Švabo." So nennt man die Deutschen in Kroatien: Schwaben. Wir sitzen im Café Bajamonti auf der Prokurative, einem Platz, der dem Markusplatz in Venedig nachempfunden ist: von drei Seiten umfasst von Gebäuden im Stil der Neorenaissance, Arkadengänge, darüber Fenster mit grünen Markisen. Auf der vierten Seite öffnet er sich zum Meer hin. Vor der Bucht liegen die Inseln Brač und Šolta. Im Hafen weiße Fähren, weit draußen sehe ich Schaumkronen.

Denke ich an Split, denke ich an all die Stunden, die ich mit Edi in Cafés verbracht habe. Wir haben uns im Mai vor zwei Jahren kennengelernt, als ich vier Wochen lang in dieser Stadt lebte, dank eines Schreibstipendiums. In Split hat man immer Zeit für einen kava, einen Kaffee. Egal, zu welcher Stunde. Anfangs fiel es mir schwer, jeden Tag in irgendwelchen Cafés zu sitzen, ich hatte mit meiner inneren Unruhe zu kämpfen und fing sogar an, die Zigaretten zu zählen, die Edi sich genüsslich drehte und dann rauchte. Als ich sagte, ich sei doch hier, um zu schreiben, sah mich Edi an, als täte ich ihm leid oder besser: als täte ihm der Švabo in mir leid. Am Ende aber hat diese Stadt den Kroaten in mir geweckt. Und vielleicht habe ich sie deswegen so ins Herz geschlossen.

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Dazu muss man wissen: Ich bin beides. In Kroatien, damals noch Jugoslawien, geboren, in Deutschland aufgewachsen, Mutter Deutsche, Vater gebürtiger Kroate, für Kroaten bin ich einer der "Ihren" und doch auch nicht, was daran liegt, dass ich in Deutschland lebe und kein Kroatisch spreche.

Ich muss an die Artikel denken, die ich vor meiner Abreise in deutschen Zeitungen gelesen habe. Es ging um den EU-Beitritt Kroatiens. Da stand etwas vom nächsten Milliardengrab. Und dass die Kroaten die nächsten Griechen seien. Das heißt: Statt fürs Bruttosozialprodukt zu schuften, sitzen sie in Cafés und starren aufs Meer. Edi erzählt mir an diesem Vormittag eine andere Geschichte: von einer jungen, wunderschönen Frau, gerade mal 22, die sich in wenigen Tagen ins Eheleben stürzen wird. Am 1. Juli heiratet sie einen Mann, der Geld hat und sie an die Hand nehmen kann. Aber es ist nicht die große Liebe. Beide sind jetzt schon mit den Alltagssorgen beschäftigt: Wer kümmert sich um den Haushalt? Die dreckigen Socken? Der Mann hat Angst, sie könnte sein Geld verprassen, und sie, er könnte ihr zu viele Vorschriften machen. Edi hat diese Geschichte von der Hochzeit zwischen Kroatien und der EU vor Kurzem auf einem literarischen Abend in Split vorgetragen. 600 Leute waren gekommen, um zu hören, was eine Runde von Autoren über die Europska Unija, die Europäische Union, zu sagen habe. Das Motto der Lesung: "EU Ropska Unija". Ein Wortspiel. Ropska bedeutet Sklaverei. So viel zu den Erwartungen an diese Ehe.

Edi heißt Matić mit Nachnamen, er ist Schriftsteller und ein echter Splićanin, er wurde in Split geboren und lebt seit 51 Jahren in dieser Stadt. Als ich das erste Mal hierherkam, holte Edi mich am Flughafen ab. Von Weitem sieht Split nicht gerade einladend aus: wie eine Trabantenstadt aus Hochhäusern mit tausend Satellitenschüsseln auf den Balkonen. Wir fuhren über eine breite Ausfallstraße, vorbei am Industriehafen und an Shoppingmalls. "Schöne Stadt", sagte Edi, und ich dachte, er mache Scherze. Bis wir endlich in die Altstadt kamen. Split ist wie ein in Zeitungspapier eingewickeltes Schmuckstück.

Diffuse Hoffnungen sind mit dem EU-Beitritt verbunden

Aber es liegt auch an Edi, dass ich mich hier so wohlfühle. Wenn Edi sagt, Split sei ein Ort zum Entspannen, dann ist er selbst die beste Werbung für diese Stadt. Ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals in Eile erlebt zu haben. Und ich bin mir sicher: Das wird auch kein EU-Beitritt ändern. 67 Prozent der Kroaten haben beim Referendum vor anderthalb Jahren für den Beitritt gestimmt, allerdings lag die Wahlbeteiligung bei gerade mal 43 Prozent.

Wäre Edi zu der Zeit nicht außer Landes gewesen, er hätte für die Ehe gestimmt, das Problem nur: Er kann nicht so genau sagen, warum. Das geht allen so, mit denen ich in diesen vier Tagen rede. Es sind diffuse Hoffnungen auf weniger Arbeitslosigkeit und Korruption, mehr Ordnung und Struktur in der Verwaltung. Ich frage mich: Wird sich die Stadt ändern? Und hat sich schon etwas verändert, seit ich vor zwei Jahren hier war? Ich habe mich also noch einmal auf den Weg gemacht, um einen letzten Blick auf die Braut zu werfen, bevor sie den Bund der Ehe eingeht.

"Bist du froh, wieder hier zu sein?", fragt Edi. "Da", sage ich. Viel mehr gibt mein kroatischer Wortschatz nicht her. Er raucht noch eine letzte Zigarette, dann muss er zu seiner Mutter, sie hat gekocht. Auch das gehört hier zum Leben, dass 51-jährige Kinder regelmäßig bei den Eltern essen. Und wer sich darüber wundert, muss ein Švabo sein. "Vidimo se", sagt er, wir sehen uns.

Leserkommentare
  1. 1. Stark

    Lieder Herr Ljubic,

    starker Artikel. Würde mir mehr solcher Beiträge wünschen.

    Stifler

  2. Es heisst EINE kava (weiblich). Jedna kava ..um genau zu sein. Und es sind DIE ProkurativeN. Zudem heisst es Peristil und nicht Peristyl.
    br der folgende Satz ist eine Armutszeugnis an Uniformiertheit und Fehlinformation,die gar vom verleumdeten Herrn Gotovina mit rechtlichen Schritten gegen Sie beantwortet werden könnte:
    "Es war der Švabo in mir, der nicht begreifen konnte, dass das Foto eines Kriegsverbrechers auf einem der Hauptplätze hing wie ein Heiligenbild"

    -->Herr Gotovin ist RECHTSKRÄFTIG vom Hager UN-Tribunal JEGLICHER Vorwürfe freigesprochen worden!! Daher zum Mitschreiben:Mit der Verleumdung,dass Herr Gotovina ein "Kriegsverbrecher" wäre bewegen Sie Sich auf ganz dünnem Eis. Rechtlich gesehen.

    Zudem würde es Ihnen gut zu Gesicht stehen sich ein wenig genauer zu informieren über die Periode von 1990-1995.Dann wäre Ihnen nicht entgangen, dass die Krajina-Serben eine gewaltsame Rebellion gegen Kroatien begannen, die mit der Ermordnug von 16500 Kroaten und der Vertreibung von rund 300000 Kroaten und Nichtserben von 1/3 des Territoriums Kroatiens,das diese Seben gewaltsam besetzt hielten von 1991 bis 1995, zur Folge hatte. Ziel war es diesen okkupierten Tel Kroatiens an ein Gross-Serbien anzuschliessen. Die EU, Ihre SPD sowie der Rest der Welt schaute 5 Jahre lang weg, während Kroatien blutete und Vukovar dem Erdboden gleichgemacht wurde.Gotovina befreite diesen Teil Kroaties 1995. Ohne ihn wäre Kroatien ein okkupierter Staat wie Bosnien und niemals in der EU

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  3. "Während ich in Deutschland vor dem Fernseher saß, so weit weg und unbeteiligt, als wäre ich ein Švabo, den das alles nichts anginge. Wofür ich mich im Nachhinein schäme. "
    -->Zumindest geben Sie zu,dass Sie von deN serbischen Agressionskriegen gegen seine Nachbarn Kroatien und Bosnien keine Ahnung haben. Ansonsten hätten Sie nicht derartige falschen Verleumdungen über einen der hauptverantwortlichen Menschen für Kroatiens Befreiung, territoriale Integrität, Rückkehr von hunderttausenden kroatischen und nichtserbischen Vertriebenen sowie Kroatiens Beitritt zur EU geschrieben.
    Während Kroatien 1991. Opfer eines brutalen Angriffskrieges zum Zwecke der territorialen Verschiebung der Grenzen Serbiens nach westen wurde, führten die UN ein Waffenembargo gegen das unbewaffnetet Opfer Kroatien und machten sich damit zum Mittäter der hochgerüsteten serbischen Agressoren. auch die EU hatte eine sehr unrühmliche Rolle in diesen Tagen inne. Das ist ein weiterer Grund warum der EU-Beitritt Kroatiens dieser Tage alles andre als euphorisch gefeiert wurde von den Kroaten. Man hat nicht vergessen...

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  4. Ansonsten ist Split mit über 1700 Jahren eine der ältesten Städte Europas und in der Tat ein mediterranes Juwel.Inseln, Klima,wunderbar erhaltene Natur und Meer, tolle mediterrane Küche, umwerfende Altstadt und herzliche ursprüngliche gastfreundliche Menschen machen Split zur wahren Perle der Adria. Dubrovnik ist mittlerweile nur ein ausverkauftes überteuertes Disneyland.

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  5. Bei den Spliter Lokalitäten „Peristil“ und „Prokurative“ handelt es sich um antike bzw. mittelalterliche öffentliche Bauten, deren Entsprechungen auch anderswo im Mittelmeerraum anzutreffen sind. Diese Bezeichnungen sind streng genommen keine Eigennamen und werden in deutschen Texten mit (das) Peristyl (von griech. peristylon = Säulenhof) und (die, Pl.) Prokuratien (von ital. procuratia = eine Verwaltungsbehörde in Venedig) wiedergegeben.

    Zu „kava“: Werden in Übersetzungen Wörter aus der Herkunftssprache übernommen, gleicht man deren grammatisches Geschlecht heute in der Regel dem entsprechenden Geschlecht in der Zielsprache an (z.B. die Bouillon zu dt. die Suppe, die Foie gras zu dt. die Leber). Insofern ist es korrekt, wenn man „der Kava“ (zu dt. der Kaffee) sagt, auch wenn es nicht besonders schön klingt.

    So viel zum Sprachlichen. Im Übrigen wundere ich mich, dass sich jemand berufen fühlt zur Porträtierung einer Stadt und eines Landes, deren Sprache er nicht einmal ansatzweise spricht und deren schwierige Vergangenheit ihn eingestandenermaßen kalt ließ. Woher jetzt dieser Anspruch, „den Kroaten in sich entdeckt“ zu haben? Herr Ljubic, das nennt man Koketterie.

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  6. ... der kroatische Ausdruck für "Deustcher"? Nicht "Nijemac"?

    Is' ja ned, dass mer red't; mer fragt ja bloß ...

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    Svabo (Schwabo) ist in der Tat der übliche Spitzname für Deutsche/Schweizer/Österreicher in Kroatien/Slowenien/Bosnien/Serbien/Montenegro/Mazedonien. allerdings werden auch die Dispora-Kroaten mit dem Begriff Svabo gerne und häufig bedacht.

    In Kroatien ist der Begriff gar nicht mal negativ gemeint.

    • Puella
    • 05. Juli 2013 15:40 Uhr

    Netter Artikel, aber wenn schon babylonische Sprachverwirrung, dann richtig.

    Eine "kava" (f.). Oder man lässt das code - switching ganz bleiben.

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