Edi bestellt einen kava, holt seinen Tabak aus der Tasche und dreht sich die erste Zigarette. "Du rauchst immer noch nicht, oder?" Ich schüttele den Kopf, und er sagt: "Ich glaube, du bist doch ein Švabo." So nennt man die Deutschen in Kroatien: Schwaben. Wir sitzen im Café Bajamonti auf der Prokurative, einem Platz, der dem Markusplatz in Venedig nachempfunden ist: von drei Seiten umfasst von Gebäuden im Stil der Neorenaissance, Arkadengänge, darüber Fenster mit grünen Markisen. Auf der vierten Seite öffnet er sich zum Meer hin. Vor der Bucht liegen die Inseln Brač und Šolta. Im Hafen weiße Fähren, weit draußen sehe ich Schaumkronen.

Denke ich an Split, denke ich an all die Stunden, die ich mit Edi in Cafés verbracht habe. Wir haben uns im Mai vor zwei Jahren kennengelernt, als ich vier Wochen lang in dieser Stadt lebte, dank eines Schreibstipendiums. In Split hat man immer Zeit für einen kava, einen Kaffee. Egal, zu welcher Stunde. Anfangs fiel es mir schwer, jeden Tag in irgendwelchen Cafés zu sitzen, ich hatte mit meiner inneren Unruhe zu kämpfen und fing sogar an, die Zigaretten zu zählen, die Edi sich genüsslich drehte und dann rauchte. Als ich sagte, ich sei doch hier, um zu schreiben, sah mich Edi an, als täte ich ihm leid oder besser: als täte ihm der Švabo in mir leid. Am Ende aber hat diese Stadt den Kroaten in mir geweckt. Und vielleicht habe ich sie deswegen so ins Herz geschlossen.

Dazu muss man wissen: Ich bin beides. In Kroatien, damals noch Jugoslawien, geboren, in Deutschland aufgewachsen, Mutter Deutsche, Vater gebürtiger Kroate, für Kroaten bin ich einer der "Ihren" und doch auch nicht, was daran liegt, dass ich in Deutschland lebe und kein Kroatisch spreche.

Ich muss an die Artikel denken, die ich vor meiner Abreise in deutschen Zeitungen gelesen habe. Es ging um den EU-Beitritt Kroatiens. Da stand etwas vom nächsten Milliardengrab. Und dass die Kroaten die nächsten Griechen seien. Das heißt: Statt fürs Bruttosozialprodukt zu schuften, sitzen sie in Cafés und starren aufs Meer. Edi erzählt mir an diesem Vormittag eine andere Geschichte: von einer jungen, wunderschönen Frau, gerade mal 22, die sich in wenigen Tagen ins Eheleben stürzen wird. Am 1. Juli heiratet sie einen Mann, der Geld hat und sie an die Hand nehmen kann. Aber es ist nicht die große Liebe. Beide sind jetzt schon mit den Alltagssorgen beschäftigt: Wer kümmert sich um den Haushalt? Die dreckigen Socken? Der Mann hat Angst, sie könnte sein Geld verprassen, und sie, er könnte ihr zu viele Vorschriften machen. Edi hat diese Geschichte von der Hochzeit zwischen Kroatien und der EU vor Kurzem auf einem literarischen Abend in Split vorgetragen. 600 Leute waren gekommen, um zu hören, was eine Runde von Autoren über die Europska Unija, die Europäische Union, zu sagen habe. Das Motto der Lesung: "EU Ropska Unija". Ein Wortspiel. Ropska bedeutet Sklaverei. So viel zu den Erwartungen an diese Ehe.

Edi heißt Matić mit Nachnamen, er ist Schriftsteller und ein echter Splićanin, er wurde in Split geboren und lebt seit 51 Jahren in dieser Stadt. Als ich das erste Mal hierherkam, holte Edi mich am Flughafen ab. Von Weitem sieht Split nicht gerade einladend aus: wie eine Trabantenstadt aus Hochhäusern mit tausend Satellitenschüsseln auf den Balkonen. Wir fuhren über eine breite Ausfallstraße, vorbei am Industriehafen und an Shoppingmalls. "Schöne Stadt", sagte Edi, und ich dachte, er mache Scherze. Bis wir endlich in die Altstadt kamen. Split ist wie ein in Zeitungspapier eingewickeltes Schmuckstück.

Diffuse Hoffnungen sind mit dem EU-Beitritt verbunden

Aber es liegt auch an Edi, dass ich mich hier so wohlfühle. Wenn Edi sagt, Split sei ein Ort zum Entspannen, dann ist er selbst die beste Werbung für diese Stadt. Ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals in Eile erlebt zu haben. Und ich bin mir sicher: Das wird auch kein EU-Beitritt ändern. 67 Prozent der Kroaten haben beim Referendum vor anderthalb Jahren für den Beitritt gestimmt, allerdings lag die Wahlbeteiligung bei gerade mal 43 Prozent.

Wäre Edi zu der Zeit nicht außer Landes gewesen, er hätte für die Ehe gestimmt, das Problem nur: Er kann nicht so genau sagen, warum. Das geht allen so, mit denen ich in diesen vier Tagen rede. Es sind diffuse Hoffnungen auf weniger Arbeitslosigkeit und Korruption, mehr Ordnung und Struktur in der Verwaltung. Ich frage mich: Wird sich die Stadt ändern? Und hat sich schon etwas verändert, seit ich vor zwei Jahren hier war? Ich habe mich also noch einmal auf den Weg gemacht, um einen letzten Blick auf die Braut zu werfen, bevor sie den Bund der Ehe eingeht.

"Bist du froh, wieder hier zu sein?", fragt Edi. "Da", sage ich. Viel mehr gibt mein kroatischer Wortschatz nicht her. Er raucht noch eine letzte Zigarette, dann muss er zu seiner Mutter, sie hat gekocht. Auch das gehört hier zum Leben, dass 51-jährige Kinder regelmäßig bei den Eltern essen. Und wer sich darüber wundert, muss ein Švabo sein. "Vidimo se", sagt er, wir sehen uns.