Gleich wird das Auto durch die Leitplanke rasen. Später, im Film, wird es sich überschlagen und erst unten in der Schlucht zum Liegen kommen. Das ist die eine Szene, die sie nur ein einziges Mal drehen kann. Caroline Link mag gar nicht hinsehen. Sie hat sich hundert Meter vom Drehort entfernt auf eine Mauer gesetzt, den Kopf abgewandt, sie spielt mit den Fingern an den Fransen ihres Halstuchs, mit einer Hand hält sie ihren Cowboyhut auf dem Kopf fest, damit er nicht wegfliegt. Es ist windig hier oben im Gebirge, rötlicher Staub wirbelt die kargen Hänge hoch. Link zieht den Cowboyhut in die Stirn. Sie will auch nicht, dass ihr jemand dabei zusieht, wie sie nicht hinsehen kann. Sie ist immerhin die Regisseurin am Set, die Chefin. Es ist Sommer 2012, und die Oscar-Preisträgerin Caroline Link dreht hier in Marokkos Hinterland ihren neuen Film Exit Marrakech.

Dass Caroline Link diese Unfallszene nur ein einziges Mal drehen kann, liegt nicht allein daran, dass danach das Auto und die Leitplanke Schrott sind. Es liegt auch daran, dass dieses besondere Licht der Dämmerung nur etwa fünfzehn Minuten hält. Es geht also nur jetzt, um Viertel nach acht. Ärgerlich. So viel Stress für so wenig Gefühl.

Caroline Link mag einfach keine Actionszenen. "Ich bin dann am liebsten Regisseurin, wenn ich feinjustieren kann, wenn ich zwei gute Schauspieler in einem Raum habe", sagt Link. Und genau dann sind auch ihre Filme am besten. Es sind die Momente, in denen sich gar nichts bewegt, die ihr Kino ausmachen. In denen sich einfach zwei oder drei Menschen so nah sind, wie es nur geht. In Nirgendwo in Afrika gibt es diese besondere Szene. Die kleine Familie liegt gemeinsam in einem Bett aus dunklem Holz, ganz eng beieinander, und der Vater sagt leise, mehr zu sich als zu den anderen: "Alles, was ich liebe, liegt hier in diesem Bett."

Auch in ihrem neuen Film, der am 28. Juni in München das Filmfest eröffnen wird, gibt es eine jener leisen Szenen, wie Caroline Link sie immer gern einbaut. Eine Szene, in der die Protagonisten sich öffnen, sich erklären oder verraten. Heinrich steht neben seinem Sohn, den er vor ein paar Tagen noch mit den Worten "Bist du aber groß geworden" begrüßt hat, auf einem Hoteldach in Marokko. Die beiden sind die einzigen Gäste. Ulrich Tukur spielt einen Theaterregisseur, der in Marrakesch das Stück Emilia Galotti inszeniert, ansonsten am Hotelpool liegt, Sherry trinkt und lauthals darüber lacht, wie pointiert in dem Buch, das er gerade liest, der Verfall Marokkos beschrieben wird, des Landes, das hinter den Hotelmauern anfängt. Und dann ist da noch Ben, sein Sohn, über den er so gut wie nichts weiß, weil der bei der Mutter lebt und er sich bei dem Jungen nur meldet, wenn er von seiner Exfrau dazu ermahnt wird. Ben, gespielt von Samuel Schneider, ist 17 und hat keinen eigenen Antrieb außer dem Trotz gegenüber seinem Vater. Diese beiden stehen nun also auf dem Hoteldach. Ben kifft. Und Heinrich kifft mit, weil in diesem Hotel kein Alkohol ausgeschenkt wird. Sie beginnen miteinander zu reden, vielleicht ist es das erste richtige Gespräch zwischen ihnen. Vater und Sohn fangen an, sich zu kabbeln, erst mit Worten, dann körperlich. Und irgendwie tut es ihnen gut. Weil es Wut abbaut, weil es ihnen ermöglicht, einander anzufassen, weil vieles, was sie nicht sagen können, darin zum Ausdruck kommt: auch dass sie sich lieben.

Was Caroline Link inszeniert, sind keine Geschichten, sondern Gefühle. Die Actionszenen in ihrem bisherigen Werk: vielleicht mal eine schnelle Fahrradfahrt durch München oder ein heftig bremsender Pick-up in Kenias Wüste. Das war’s. Irre Wendungen: Fehlanzeige. Nicht mal Missverständnisse werden eingeführt, um sie nachher aufzulösen. Ihr Film Nirgendwo in Afrika wurde von der Kritik als "Kammerspiel in Kenia" bezeichnet. Das trifft es recht gut. "Im Grunde habe ich nicht mal richtige Plots", sagt Link. Das ist etwas kokett gesagt. Natürlich haben alle hier am Set in der Wüste irgendwo südlich von Marrakesch ein Drehbuch in der Hand, 121 Seiten Text. Trotzdem: Müsste man den Film in einem Satz zusammenfassen, dann wäre es keine Handlung, die ihn beschreibt, sondern ein Konflikt. Der Konflikt zwischen einem Vater und seinem Sohn. Einem Sohn, der den Vater nicht mehr braucht. Eigentlich. Aber trotzdem wissen muss, ob der Vater ihn nun liebt oder nicht. Dieser Vater, der sich weigert, Vater zu sein, so wie es von Müttern erwartet wird: sorgend, selbstlos. Der stattdessen Mann sein will, erfolgreicher Mann, attraktiver Mann. Kann ein Kind akzeptieren, dass ein Elternteil für sich lebt, nicht für die Elternschaft?