Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

In der Zeitung stand, dass sie bei der Integration von toten Muslimen Fortschritte machen. Winfried Kretschmann, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, habe erklärt: "Solange sich Menschen nicht dort begraben lassen, wo sie gelebt haben, sind sie nicht voll integriert." Die muslimische Tradition sieht vor, dass Verstorbene in einem Tuch bestattet werden, nicht in einem Sarg. Dem stand bisher die deutsche Sargpflicht entgegen. Viele deutsche Muslime ziehen es deshalb vor, ihre Angehörigen im Ausland zu bestatten, dort, wo man es mit der Sargpflicht nicht so genau nimmt. Wenn der deutsche Sprachrat mal wieder nach dem deutschesten deutschen Wort sucht, dann heißt mein Kandidat: Sargpflicht. Ich bin nicht aus dem Land, wo die Zitronen blühen. Ich bin aus dem Land, wo die Sargpflicht herrscht. In Baden-Württemberg soll jetzt die Sargpflicht gelockert werden. Da dachte ich: Halleluja. In Deutschland wird endlich mal eine Vorschrift abgeschafft. Dank seiner Muslime.

Dann habe ich das Kleingedruckte gelesen. Der Transport der Verstorbenen zum Grab muss, "aus hygienischen Gründen", weiterhin im Sarg erfolgen. An der Grube darf die muslimische Trauergemeinde ihren Toten aus dem Sarg herausholen und, in ein Tuch eingewickelt, zur ewigen Ruhe betten. Die Muslime müssen also auch in Zukunft einen Sarg kaufen. Ich glaube nämlich nicht, dass die Bestatter Leihsärge anbieten. Allein schon aus hygienischen Gründen werden sie es nicht tun. Die Sargbenutzungspflicht wurde also, genau genommen, durch eine Sargkaufpflicht ersetzt. In der Zeitung stand, dass die Begeisterung der Muslime über die baden-württembergische Sargpflichtreform sich sehr in Grenzen hält.

Das neue Gesetz soll auch nur für Muslime gelten. Für Christen, Agnostiker und alles Übrige gilt weiterhin strengste Sargbenutzungspflicht in Tateinheit mit Sargkaufpflicht. Nun ist es aber so, dass Muslime keinen schriftlichen Religionsnachweis beibringen können, das Bekenntnis zum Islam erfolgt mündlich. Der Sargpflichtumgehung durch Islamvorspiegelung sind folglich Tür und Tor geöffnet. Baden-württembergische Christen mit gesundheitlichen Problemen, die nicht in den Sarg hineinwollen, könnten sich einen Vollbart wachsen lassen. Alte Schwäbinnen können, kurz vor dem Ende, noch schnell ein Kopftuch anziehen. Die Entscheidung darüber, wer ein echter baden-württembergischer Muslim im Sinne des reformierten Sargpflichtgesetzes ist, trifft künftig der Standesbeamte. Standesbeamter ist jetzt in Schwaben ein echter Knochenjob.

Bisher mussten in Baden-Württemberg zwischen dem Tod und der Bestattung mindestens 48 Stunden verstreichen. Damit sollten Scheintote geschützt werden. Den Scheintotenschutz wollen sie seltsamerweise abschaffen. Auf die Integration der Scheintoten legen sie keinen Wert. Die Scheintoten sind die großen Verlierer bei der Grabrechtsreform.

In den Gesetzesberatungen ging es auch um Urnen. Viele Menschen möchten die Asche ihres Angehörigen zu Hause aufbewahren. In zahlreichen Ländern ist dies möglich. Im Landtag gab es gegen eine Lockerung Bedenken. Es hieß, die Pietät sei gefährdet. Zitat: "Was, wenn die Urne am Ende in einem Kellerloch steht?" Mein Staat ist so fürsorglich, dass er sogar meine Urne mit einem Gesetz vor Spinnweben schützt. Wenn aber ein bösartiger Hinterbliebener, der beim Erben zu kurz gekommen ist, auf mein Grab uriniert, dann bin ich da unten durch meinen Sarg hygienisch vor dem Gröbsten geschützt. Ich bin aus dem Land, wo die Sargpflicht herrscht.

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