In Tamaras Hand lag ein Stück Plastik, das an einen Fiebermesser erinnerte, und es enthielt eine wichtige Botschaft. Mit dem Stück Plastik in der Hand kam Tamara die Treppe hoch, betrat das Badezimmer und setzte sich auf den Rand der Badewanne. In die Mitte des Plastiks war ein kleines Fenster gestanzt, und darin schimmerten zwei rote Striche, und einer dieser Striche teilte von nun an unser Leben in ein Vorher und ein Nachher.

Sie zeigte mit dem Finger auf den Strich und sagte kein Wort.

Wenn wir im Vorher über ein Kind gesprochen hatten, dann drehten sich die Gespräche um Zeit und Geld: Wer von uns beiden wie viel arbeiten wird, wer wie viel verdient, wie wir uns aufteilen. Wie das Kind aussehen oder wie es sich verhalten soll, war nie ein Thema. Auch im Nachher war es kein Thema, jedenfalls in den ersten Wochen nicht. Die ersten Wochen waren friedliches Warten. Bis zum Termin bei der Frauenärztin.

Das Kind war jetzt acht Millimeter lang, es hatte die Form einer Bohne, Kopf und Oberkörper hatten begonnen, sich zu bilden.

Bei der Ultraschalluntersuchung war auf dem Monitor eine schwarze Kugel zu sehen, wie ein Schatten, und an der Seite der kleine Punkt, das neue Leben. Die Frauenärztin zeigte Tamara eine Broschüre über den Ersttrimestertest, der beim nächsten Termin durchgeführt würde. Der Ersttrimestertest ist eigentlich eine Serie von Tests und macht eine Erkrankung oder Fehlbildung des Kindes ausfindig – in der Medizin Pränataldiagnostik genannt.

Tamara sagte: "Das Kind ist, wie es ist, und daran lässt sich nichts ändern."

Ich fand das seltsam.

In Sachen Medizin glaubt Tamara an Kartoffelwickel, Essigsocken und Ruhe. In ihrer Familie gibt es Nomaden aus Tibet und Bauern. In meiner Familie gibt es Ärzte und Biochemiker, ich glaube an Ponstan und Antibiotika. Das Aussehen und das Verhalten des Kindes wurde jetzt zum Thema, und dies obwohl es noch ein Mensch ohne Stimme und ohne Geruch war, es war ein Mensch ohne Gesicht, und es würde noch mehrere Wochen dauern, bis sich dieser Mensch mit Stupsern an die Innenseite des Bauches bemerkbar machte.

Tamaras Argument gegen den Test war nicht der Test an sich. Der Test ist ein Mittel der Diagnose, er ist die logische Entwicklung der technischen Möglichkeiten. Tamaras Argument war die Frage der Moral. Denn der Test zielt darauf ab, das ungeborene Kind auf Trisomie 21 zu untersuchen, auf das Downsyndrom. Dabei werden zuerst die Nackenfalte des Kindes gemessen und die Hormonwerte der Frau im Blut analysiert. Weichen die Resultate von der Norm ab, gibt es weitere Tests des Blutes der Mutter, und allenfalls die riskante invasive Methode, bei der eine Nadel durch die Bauchdecke der Frau in die Gebärmutter gesteckt wird, um genetisches Material des Kindes zu entnehmen. Experten gehen davon aus, dass 90 bis 98 Prozent aller Frauen abtreiben, die nach diesen Tests eine Downsyndrom-Diagnose bekommen.

Ist es moralisch vertretbar, ein Kind abzutreiben, dessen Aussehen und Intelligenz nicht der Norm entsprechen? Ein Kind, das seine Eltern überfordert? Tamara fand Nein. Ich fand Ja. Aber da war noch ein Punkt: Tamara sagte, sie würde eine Abtreibung nicht verkraften. Das machte den Test für sie irrelevant.

Es gab auch eine Kluft in unserem Bekanntenkreis. Der Großteil von Tamaras Freunden war der Ansicht, sie solle die Tests nicht machen, meine Freunde sagten das Gegenteil. Ich bemerkte, wie wenige Paare nach außen hin über das Thema Behinderung sprechen. Und wenn sie dann doch darüber sprechen, verstricken sie sich in ein endloses Hin und Her von Diskussionen, wobei einige argumentieren, sie könnten sich unter keinen Umständen vorstellen, ein behindertes Kind großzuziehen.

2005 investierte die EU mehr als eine Million Euro in ein Projekt namens EDIG (Ethical Dilemmas due to Prenatal and Genetic Diagnostics) . Die Studie untersuchte, wie sich die Pränataldiagnostik auf die Beziehung zwischen Partnern auswirkt. Die Studie kam zu dem Schluss, die Partner seien mit der Entscheidung über Leben und Tod ihrer ungeborenen Kinder überfordert, und prognostizierte, dass dies eines der großen ethischen Dilemmata in modernen Gesellschaften der Zukunft sein wird. Nicht zuletzt deshalb, weil es keine öffentliche Diskussion zum Thema gibt. Die Tabuisierung der Pränataldiagnostik hat zur Folge, dass viele Frauen die Tests in Anspruch nehmen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, welche Entscheidungen auf sie zukommen können. Sie werden sich dessen erst bewusst, wenn ihr Kind schon abgetrieben ist. Die deutsche Journalistin Monika Hey schrieb mit Mein gläserner Bauch ein Buch darüber, wie sie in einen Strudel der Panik geriet und sich zu Entscheidungen gedrängt fühlte, die sie für den Rest ihres Lebens bereuen würde.

Ein Test für die Minderheit wird zum Test für die breite Masse

Beim nächsten Termin war das Kind sechs Zentimeter groß, es wog etwa 14 Gramm, es hatte Arme und Beine, die Ohrmuscheln hatten sich gebildet.

Auf dem Ultraschall war zu sehen, wie es die Arme hob, das sah aus, als würde es winken.