StudentenStil, Demut, Widerstand

Wir haben Hochschullehrer gefragt, was sie von ihren Studenten gelernt haben – und überraschende, berührende Antworten bekommen von 

Für eine Idee brennen

Nach einer ganz konkreten Verbesserung streben, und dieses Streben aufrechterhalten! Darauf kommt es eigentlich an, wenn man als Wissenschaftler erfolgreich und als Mensch glücklich sein will – das habe ich von einer Studentin gelernt. Nach zehn Jahren als Professor erhielt ich eine Einladung von einer meiner Pädagogikstudentinnen zu einer Preisverleihung. Sie und ihre Schülerinnen und Schüler bekamen für ein Schulprojekt den Bertini-Preis. Allein hinten im Publikum im Hamburger Ernst Deutsch Theater sitzend, wurde mir klar, dass es nicht die großen Drittmittelsummen, Projekte und Exzellenzcluster sind, die mich ausmachen, sondern mein (früheres) Brennen für eine ganz konkrete Idee. Mir scheint, dass heute im Laufe einer wissenschaftlichen Bilderbuchkarriere gerade das Verfolgen einer eigenen guten Idee und die Begeisterung für eine Sache systematisch und nicht nur zufällig verloren gehen. Die Studentin hat mir unbewusst geholfen, diese Begeisterung wiederzuentdecken.

Jens Siemon lehrt Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg

Vier Erkenntnisse

Lehren ist sexy.
Ausdauer bringt Erfolg.
Kunst beflügelt.
Sehen.

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Joachim Becker lehrt Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin

Dinge neu überdenken

Es sind jene unbekümmerten und lässigen Fragen der Studierenden, auf die ich als Lehrender nicht sofort eine Antwort parat habe, die mich dazu zwingen, bestimmte Sachverhalte neu zu überdenken. Und es sind jene feinen Entdeckungen der Studierenden auf Bildern, die Veranlassung geben, das kunsthistorische Standardwissen als ungesichert und vielfach überholt zu begreifen. Wissenschaft ist Glück!

Michael Glasmeier lehrt Kunstwissenschaft an der Hochschule für Künste Bremen

Stilvoll bleiben

Ich komme immer im Anzug zur Vorlesung, was heute eher ungewöhnlich ist. Anfangs habe ich mir dabei gar nichts gedacht, war aber dann sehr überrascht, als eines Tages ein Großteil des Auditoriums ebenfalls mit Anzug oder Abendkleid im Hörsaal saß. Ich habe mich erst erschrocken und geglaubt, ich hätte einen wichtigen Termin – ein Fakultätsfest oder Ähnliches – vergessen. Es war aber als ein nettes Kompliment gedacht. In der Evaluation schrieben die Studenten, dass sie es schätzen, wenn die Vorlesung einen stilvollen Rahmen hat.

Stephan Sieber lehrt Chemie an der TU München

Probleme sind relativ

Wenn unter unseren ausländischen Gästen der indische Doktorand Seite an Seite mit dem Studenten aus Pakistan arbeitet und die Studentin aus einem arabischen Land mit dem Gast aus Israel gemeinsame Experimente plant – dann lerne ich, dass Frieden im Kleinen immer möglich ist. Wenn eine Promotionsstudentin von einem Heimaturlaub aus Kamerun zurückkehrt und berichtet, dass sie jetzt gegen zwei Säcke Reis und drei Flaschen Öl verheiratet wurde – dann lerne ich, dass Probleme, die hier bereits gelöst werden, woanders noch tief verwurzelt sind.

Inga Neumann lehrt Neurobiologie an der Universität Regensburg

Respekt und Demut

Ich hatte eine fast blinde Psychologiestudentin, die kaum noch sehen konnte und deshalb nur mit starker Vergrößerung lesen konnte. Trotzdem brachte sie gute Leistungen. Später erfuhr ich dann auch noch, dass sie herztransplantiert war. Als ich schließlich ihre hervorragende Diplomarbeit korrigierte, verspürte ich Respekt und Demut. Ich lernte, alles wieder im richtigen Licht zu sehen: meine eigenen kleinen Probleme als klein und ihre großen Leistungen als groß.

Rolf van Dick lehrt Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Die Bedeutung des Wendelkneters

Ich hatte einen türkischen Studenten aus Bochum, dessen Vater ganz plötzlich verstorben war, sodass er von einem Tag auf den nächsten die Leitung der familieneigenen Großbäckerei übernehmen musste. Trotzdem wollte er unbedingt noch seine Diplomarbeit schreiben. Wir haben dann überlegt, dass er doch über das Thema "Konzentration und Wettbewerb in der Backwarenbranche unter Berücksichtigung von Herstellung, Großhandel und Einzelhandel: Eine ökonomische Analyse der Entwicklung seit 1980" schreiben könnte. Gegenstand war also die zunehmende Konzentration bei Bäckereiketten. Aus der Arbeit habe ich unheimlich viel gelernt, zum Beispiel dass der technische Fortschritt mit der Erfindung des Wendelkneters, der Verbreitung kleiner Backstationen und neuer Backmischungen dazu geführt hat, dass die optimale Betriebsgröße wesentlich größer ist als früher.

Justus Haucap lehrt Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Leserkommentare
  1. Naja, wann haben Sie denn mal etwas von einer Menschenmasse gelernt? Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, waren es doch in eigentlich allen Fällen einzelne Menschen, die mich zu einem Perspektivwechsel angeregt haben. Und genau um so etwas soll es doch im Artikel gehen.

  2. Die Lehrer haben von den Studenten etwas gelernt. Wieso teilen
    die dann nicht ihr dickes Gehalt zu den Studenten. Wozu sind
    die Lehrer da? Die sollen die Studenten betreuen und nicht demoralisieren oder ver...schen.

  3. Am heute sich zum vierzigsten Mal jährenden Todestag von Max Horkheimer sei es gestattet, danach zu fragen, ob den gegenwärtig Studierenden tatsächlich der kategorische Imperativ zur eigenen Sache geworden ist, damit die Mission der westlichen Länder für eine lange Zeit unabweisbar umrissen bleibt, wie der Sozialphilosoph gegen Ende seines Lebens nicht allein gegen deren Anwürfe sich zu verteidigen hatte; obwohl bis in die fernste Zukunft hinein darin lediglich innezuhalten ist.

    Eine Leserempfehlung
  4. Kunstpädagogik, Kulturwissenschaften,Kulturbetriebslehre etc. Meine Herren das sind Fächer.
    Das soll kein Aufruf sein zu es geht bergab blabla. Aber weniger Kunst und Kultur wäre auch für de Zeit angemessen.

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    Es sind auch Chemie, Neurobiologie, Epidemiologie und Volkswirtschaftslehre darunter. Von BlaBla kann keine Rede sein.

    Die Vorstellung, dass weniger Kultur angemessen seien sollte ist ja doch ziemlich absurd. Wissen Sie eigentlich was Sie da fordern? Sollen wir allesamt zurück auf die Bäume? Menschlichkeit definiert sich über Kunst und Kultur und wenn sie die beiden Begriffe schon getrennt verwenden, sollte Ihnen auch klar sein, was der eine und der andere bedeutet.

    Ich weiß nicht, was Ihre persönliche Utopie ist, aber anscheinend ist es eine Welt, in der jeder Mensch um 6 Uhr morgens aufsteht, zur Arbeit geht, nach Hause kommt, ins Bett geht und sich keiner Minute seines 24 Stunden währenden Tages freut. Im laufe der Jahre seines armseligen Lebens zeugt er noch 2,4 Kinder für die trostlose Nachwelt, die dann ebenfalls ihr eintöniges von jeglicher "Kunst und Kultur" beraubtes Leben leben dürfen. Bis in alle Ewigkeit. Amen.

    Ist das wirklich die Welt die Sie wollen?

  5. Es sind auch Chemie, Neurobiologie, Epidemiologie und Volkswirtschaftslehre darunter. Von BlaBla kann keine Rede sein.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Studiengänge"
  6. Die Vorstellung, dass weniger Kultur angemessen seien sollte ist ja doch ziemlich absurd. Wissen Sie eigentlich was Sie da fordern? Sollen wir allesamt zurück auf die Bäume? Menschlichkeit definiert sich über Kunst und Kultur und wenn sie die beiden Begriffe schon getrennt verwenden, sollte Ihnen auch klar sein, was der eine und der andere bedeutet.

    Ich weiß nicht, was Ihre persönliche Utopie ist, aber anscheinend ist es eine Welt, in der jeder Mensch um 6 Uhr morgens aufsteht, zur Arbeit geht, nach Hause kommt, ins Bett geht und sich keiner Minute seines 24 Stunden währenden Tages freut. Im laufe der Jahre seines armseligen Lebens zeugt er noch 2,4 Kinder für die trostlose Nachwelt, die dann ebenfalls ihr eintöniges von jeglicher "Kunst und Kultur" beraubtes Leben leben dürfen. Bis in alle Ewigkeit. Amen.

    Ist das wirklich die Welt die Sie wollen?

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Studiengänge"
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    Lustig was sie mir alles unterstellen. Dabei habe ich gerade mal zwei Sätze geschrieben. Um es salopp zu sagen " habe ich wohl einen Nerv getroffen".
    Trotz Kultur und Kunst schlachten sich die Menschen ab, sehe nicht wie menschliche Konstrukte es verbessern oder ändern.
    Aber das war gar nicht meine Intention. Mir ging es eher darum das 50% das Wort Kunst vor ihrem Fach stehen haben und somit in oben aufgeführten Artikel über präsentiert sind.
    But nvm sie wissen ja haargenau wie ich ticke.

    • 2b
    • 07. Juli 2013 23:39 Uhr
    8. [...]

    Entfernt. Kein Artikelbezug. Wenden Sie sich mit derartigen Anliegen gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/sam

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