Das grundlegende Dilemma ist so einfach wie brutal: Sind die Proteste der letzten Jahre Zeichen einer globalen Krise, die uns langsam, aber sicher erreicht? Oder handelt es sich nur um kleinere Widerstände, die schnell eingegrenzt werden können? Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die lokalen Unruhen Zeichen einer globalen Anpassung an eine neue Fortschrittsepoche sind.

Die Weihnachtsausgabe des Spectator teilte uns am 15. Dezember 2012 mit, "warum 2012 das beste Jahr der Geschichte war". Das Editorial stellte sich gegen die Behauptung, dass wir in einer "gefährlichen, brutalen Welt leben, in der die Zustände schlecht sind und immer kritischer werden". Der Eröffnungsabsatz las sich so:

"Vielleicht fühlt es sich nicht so an, aber 2012 war das beste Jahr der Geschichte. Das scheint eine extravagante Behauptung zu sein, aber es gibt genügend Beweise dafür. Nie gab es weniger Hunger, weniger Krankheit und mehr Wohlstand. Der Westen erlebt zwar eine ökonomische Flaute, aber die meisten Entwicklungsländer preschen voran. Nie zuvor sind die Menschen in derartigem Tempo der Armut entkommen. Die Zahl der Toten, die aus Kriegen und Naturkatastrophen hervorgehen, ist ebenfalls gering. Wir leben in einem goldenen Zeitalter."

Ein wenig nüchterner formulieren es die Massenmedien, wenn sie – vor allem in nicht europäischen Ländern – fragen: "Krise, welche Krise?" Schaut man sich Brasilien, Russland, Indien und China an oder Polen, Südkorea, Singapur, Peru, sogar viele Staaten südlich der Sahara: Überall sieht man Fortschritt. Zu den Verlierern gehören nur Westeuropa und, zu einem gewissen Grad, die USA. Dies ist also keine globale Krise, sondern lediglich eine Verschiebung der Fortschrittsdynamik – vom Westen weg. Doch obwohl (einige) dieser Entwicklungen sicherlich stimmen, sollte man nicht vergessen, dass die echte Linke seit Marx nie einfach fortschrittsgläubig war. Marx war vom Kapitalismus fasziniert, von der nie dagewesenen Produktivität, die er auslöste. Marx hat jedoch immer darauf hingewiesen, dass Erfolg nie ohne Konsequenzen bleibt.

Die größte Gefahr für China ist sein neuer Reichtum

Die Menschen gehen nicht auf die Straße, wenn die Zustände wirklich schlimm sind, sondern wenn ihre Erwartungen enttäuscht werden. Die Ägypter wandten sich 2011 gegen das Mubarak-Regime, weil es wirtschaftlich aufwärtsging und schließlich eine ganze Generation junger, gebildeter, digital partizipierender Menschen aufbegehrte. Aus demselben Grund reagieren die Kommunisten in China panisch, denn heute sind die meisten Chinesen deutlich wohlhabender als vor 40 Jahren. Die sozialen Gegensätze explodieren, und die Erwartungen sind dementsprechend hoch. Das ist das Problem aller Entwicklung und allen Fortschritts: Sie geschehen immer ungleichmäßig, und sie bringen neue Instabilität und Gegenentwicklungen hervor, neue Erwartungen, die nicht erfüllt werden können.

Kurz vor dem Ausbruch des Arabischen Frühlings lebten die Menschen in Tunesien oder Ägypten durchaus besser als in den vorausgegangenen Jahrzehnten, aber der Standard, an dem sie ihre Unzufriedenheit maßen, lag viel höher. In einer seiner Hollywood Elegien hat Bertolt Brecht diese Spannung einmal so ausgedrückt: Das Dorf Hollywood sei entworfen nach den Vorstellungen

Die man hierorts vom Himmel hat. Hierorts
Hat man ausgerechnet, daß Gott
Himmel und Hölle benötigend, nicht zwei
Etablissements zu entwerfen brauchte, sondern
Nur ein einziges, nämlich den Himmel. Dieser
Dient für die Unbemittelten, Erfolglosen
Als Hölle.

Gilt das nicht auch für das heutige globale Dorf, besonders für "Dörfer" wie Katar oder Dubai, in dem es Luxus für die Reichen gibt und Beinahe-Sklaverei für Arbeitermigranten? Der Spectator hat also im Prinzip recht, doch der Fortschritt, der hier betont wird, schafft erst den Nährboden für Aufstand und Unruhe.

In welcher Weise bedrohen die derzeitigen Protestbewegungen tatsächlich das globale System? Das Rätselhafte dieser Proteste ist ja, dass sie nicht in erster Linie an den schwächsten Stellen des Systems durchbrechen, sondern an Orten, die bislang als erfolgreich galten. Ärger in der Hölle ist einleuchtend. Aber warum bebt es im Paradies – in wohlhabenden oder zumindest schnell wachsenden Staaten wie der Türkei, Brasilien? Im Nachhinein sehen wir nun, dass die erste "Ärger im Paradies" bereits die Chomeini-Revolution 1979 im Iran war, in einem Land, das offiziell blühte, das auf der westlich-modernen Überholspur war. Vielleicht stimmt einfach etwas nicht mit unserer Vorstellung vom Paradies.