Der Mann, der durch Kanak Attack bekannt wurde, muss jetzt ran, dazu noch ein berühmter Sozialphilosoph, eine Frontfrau des neuen deutschen Feminismus – und wenn das nicht reicht, kann ja noch die Ex-Super-Nanny von RTL ihre pädagogischen Fähigkeiten einbringen. Was Peer Steinbrück und Jürgen Trittin bisher nicht gelungen ist, sollen nun Feridun Zaimoglu, Axel Honneth, Kathy Meßmer und Katharina Saalfrank hinbekommen: dem Wahlkampf von Rot-Grün Leben einhauchen. Und, wenn irgend möglich, den betreffenden wie betroffenen Mitgliedern und Anhängern ein wenig Zuversicht vermitteln.

Ein Kanzlerkandidat, der weint, ein SPD-Chef, der schon an das Danach denkt, eine Troika, die längst zerbrochen ist, ein desillusionierter Juniorpartner in Blassgrün und eine Gegnerin im Allwetter-Popularitätshoch. Die einen können nicht – und die andere will nicht. So tot wie in diesem Sommer war ein Bundestagswahlkampf rund 90 Tage vor Stimmabgabe noch nie. Und deshalb übernehmen nun die Hintersassen und die Prominenten.

66 Männer und Frauen, Sozialdemokraten und Grüne der zweiten Reihe sowie "Vertreter des öffentlichen Lebens", starten einen Wiederbelebungsversuch für Rot-Grün. Bewegung jetzt – so heißt, nicht unpassend für eine Reanimierungsübung, ein neunseitiges "rot-grünes Manifest 2013", das den beiden Parteien und ihren potenziellen Wählern erklären soll, "warum unser Land einen politischen Frühling braucht". An diesem Mittwochabend sollte es beim geselligen Beisammensein der Erstunterzeichner in einem Biergarten direkt neben dem Kanzleramt vorgestellt werden. Beim Bier die Erstarrung lösen und dabei dem Objekt der Begierde schon mal zuprosten.

Die Initiatoren von Bewegung jetzt sind ein rot-grünes Quartett, bestehend aus Kerstin Andreae und Hubertus Heil, den Fraktionsvizevorsitzenden von Grünen und SPD, sowie Peter Siller von der Heinrich-Böll-Stiftung und Tobias Dürr vom Thinktank Progressives Zentrum. Andreae nennt sie "unsere Denker".

Die Zeiten, in denen Manifeste halfen, sind eigentlich vorbei. Doch für Rot-Grün bietet es vielleicht die einzige Chance, die Methode Merkel, die Streitvermeidung, zu unterlaufen. Im ersten Teil attackieren die Autoren daher zunächst die den Niederungen der Innenpolitik entschwebte Kanzlerin frontal, bevor Rote und Grüne ihr Verhältnis kurz klären: Nicht mehr das Koch-Kellner-Prinzip ist stilprägend, sondern die Begegnung auf Augenhöhe. Ein Tribut an die Stärke der Grünen, deren größtes Handicap die SPD geworden ist. Im zweiten Block präsentieren die Autoren "10 Punkte für den rot-grünen Aufbruch 2013".

Politischer Mehltau liege auf Merkelland – so beschreiben sie den Zustand der Republik im achten Regierungsjahr der Kanzlerin. Hinter der "medial inszenierten Betriebsamkeit" des Merkelschen Gipfel-Hoppings verberge sich "die gähnende Leere des Machterhalts". Merkel zögere und laviere sich durch sämtliche Krisen, der von ihr verursachte Stillstand werfe das Land zurück. Das "System Merkel" sei eine Blackbox: Alles hänge von der Kanzlerin ab, "aber kein Mensch weiß, was sie vorhat, ... wohin sie mit der Gesellschaft will". Alles diene dem Machterhalt als Selbstzweck, der Demobilisierung von Gegner und Öffentlichkeit. Ergo: "Das System Merkel verhindert nicht nur politische Gestaltung, es lähmt unsere Demokratie."

Dagegen wird im Manifest munter aufgebrochen: in "die nachhaltige Industriegesellschaft", "eine erneuerbare Zukunft", "die Teilhabegesellschaft", "ein solidarisches Land", "ein europäisches Deutschland", "eine lebendige Demokratie", "in eine faire Marktwirtschaft", "zu starken Kommunen", "in eine gleichberechtigte Gesellschaft" und "in eine offene Gesellschaft". Diese Aufbrüche verbinden, wie es im Manifest heißt, "materiellen Wohlstand für alle mit dem Reichtum einer intakten Natur", sie schaffen eine "saubere, sichere und bezahlbare Energiewende", sie verwandeln Schulen in "Orte der Zukunftshoffnung", sie wirken für eine gerechtere Welt.