Deutscher Schlager : Verdammt, ich lieb' ihn

Der deutsche Schlager hat Konjunktur. Das Publikum fürchtet seine Spießigkeit nicht mehr. Am Wochenende ziehen Zehntausende beim "Schlagermove" durch Hamburg.

Vielleicht gehört die Zukunft einem Girl aus Halberstadt namens Linda Hesse. Punktgenaue Landung heißt ihr soeben erschienenes Debüt, und ein einziger Blick genügt, um sich von der Richtigkeit der Angaben zu überzeugen. Linda ist eine Liebe, das sieht man an ihrem blondgoldenen Haarhelm genauso wie an dem großzügig hergeschenkten Lächeln. Außerdem mahnt sie ihre Fans auf Facebook, doch bitte den Muttertag nicht zu vergessen. Dass sie trotzdem nicht von gestern ist, signalisiert ihr Markenzeichen: ein Paar Herrenhosenträger, das ihren in Feinripp gehüllten Busen überspannt. Linda Hesse, ein Typ zum Pferdestehlen. 10.968 Freunden gefällt das.

Erst einmal aber hat das Rennen Beatrice Egli gemacht. Der Ex-Kinderstar aus der Schweiz ist aus sämtlichen Demütigungen, die die Kandidaten von Deutschland sucht den Superstar vor versammeltem Publikum erleiden müssen, siegreich hervorgegangen: Platz eins, das war nicht abzusehen gewesen, es heißt, Jury-Oberhaupt Dieter Bohlen habe bereits weitere Erfolge für sie in petto. Für den hinter der Bühne erlittenen Zusammenbruch – Beatrice wurde wegen ihres leichten Übergewichts gemobbt – rächt sie sich auf ihrer aktuellen CD Feuer und Flamme mit Betrachtungen zu Schlankheitswahn und Geschlechterkrampf. Ein bisschen kritisch, ein bisschen bodenständig: 231.858 Freunden gefällt das, 26.345 sprechen darüber. Sage keiner, der deutschsprachige Schlager sei ein Auslaufmodell.

Statt still und leise abzutreten, ist er gerade dabei, sich für eine weitere Runde fit zu spritzen. Neue Zeiten, neue Helden: Linda, Beatrice, Dagobert und wie sie alle heißen sind die Sternchen einer Generation, die weiß, dass das Leben kein Ponyhof ist, die in jeder freien Minute auf ihren Smartphones herumdrückt und vor den heimischen Fernseher nur noch zu bewegen ist, wenn Soaps oder Castingshows laufen. Den Eurovision Song Contest begeht sie in einer Kneipe, in der die Übertragung auf Riesenbildschirmen läuft – wer nicht mitkreischt, der hat was verpasst. Was früher einmal Schlager genannt wurde, entwickelt sich mit Riesenschritten zu einem Spektakel, das dem Sport ebenso viel verdankt wie der Partykultur. Dass der Schlager einmal ideologisch verdächtiges Gelände war, das hingegen ist nur noch ein fernes Gerücht. Was soll schlimm daran sein, mit Freunden zu feiern? So viel zur Zukunft.

Schon in der Gegenwart ist der Schlager erstaunlich untot. Die beliebtesten deutschsprachigen Unterhaltungskünstler sind nicht etwa Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg, the winner is ... Andrea Berg! Niemand hat in den letzten zehn Jahren mehr Platten verkauft, ihre Klickzahlen auf YouTube bewegen sich in Dimensionen, die selbst Michael Jacksons Thriller um ein Vielfaches übertreffen. Dicht auf den Fersen ist ihr Helene Fischer mit ihrem akrobatischen Verständnis von Schlager-Entertainment. Und dann wäre da noch Heino. Es gibt ihn nicht nur noch immer, seine Einschlagerung alternativen Liedguts hat ihn soeben in seinen siebten Frühling katapultiert. Ohne die Erschließung schlagerferner Schichten geht so etwas nicht. Bedeutsamer als der kommerzielle Erfolg des Schlagers ist seine kulturelle Nobilitierung. Die schamhaft ins Knopfloch vergossene Träne beim Nana-Mouskouri-Konzert war einmal, heute weint man in aller Öffentlichkeit gemeinsam.

Andrea Berg zum Beispiel – sie singt den Blues der gereiften Frau

Unüberzeugte sollten bei Andrea Berg Anschauungsunterricht nehmen. Sie entert die Bühne in geschmacklich fragwürdigen Lederkorsagen, sie hat Krähenfüße um die Augen, doch der Saal tobt. Andrea Berg ist der unbekannteste Superstar der deutschen Unterhaltung, allürenfrei, aber tough in der Gesamtnote – vor ihrer Karriere war sie Krankenschwester auf einer Krebsstation. "Bauspardomina" wurde sie wegen ihres Outfits genannt, doch wäre ihre Musik nicht eindeutig Schlager, man würde ihren Typ eher am Tresen einer amerikanischen Truckerkneipe verorten. Andrea Berg singt den Blues der gereiften Frau: "Du hast mich tausendmal belogen, du hast mich tausendmal verletzt, ich bin mit dir so hoch geflogen, doch der Himmel war besetzt." Das gefällt der Generation 50 plus, aber auch Leuten, die sonst ganz andere Musik hören, man klatscht jede Zeile freudig mit, und niemand findet es seltsam. Der Schlager von heute spielt nicht an den Rändern, er ist mitten unter uns.

Überraschend ist dieser Befund nur auf den ersten Blick. Schon immer war der Schlager erfolgreicher als sein Ruf. Und schon immer ist er mit der Zeit gegangen. Es war der Schlager, der als "leichte Muse" Zuwächse verzeichnete, als die deutsche Kulturindustrie noch in Trümmern lag. Die Kulturrevolution des Rock ’n’ Roll konnte ihn nur kurzfristig erschüttern, er erfreute mit B-Versionen der Originale. Selbst in den Sechzigern, dem einzigen Jahrzehnt, in dem es wirklich schlecht um ihn bestellt zu sein schien, führten die einheimischen Hitparaden nicht die Rolling Stones an, sondern Jodelkönig Franzl Lang und die Original Oberkrainer. Seither hat er es verstanden, unterschiedlichste Einflüsse in sich aufzusaugen, er wilderte in Mode und Tourismus, er kehrte als Neue Deutsche Welle wieder oder als bumsfideler Skihütten-Techno eines DJ Ötzi. Der Schlager ist das Stehaufmännchen der deutschen Popkultur, er geht aus jeder Modernisierungskrise gestärkt hervor. Was er in all den Jahren nicht loswurde, ist sein Image als Opium des Kleinbürgers.

Die Gründe dafür sind bekannt. Vom Verdacht, historische Altlasten wegzuschunkeln, hat der Schlager sich nur langsam erholt, besorgt beugte man sich im In- und Ausland über diesen Sonderweg der Unterhaltungsgeschichte. Zu behaupten, der Schlager habe nicht alles unternommen, um seinem eigenen Klischee zu entsprechen, wäre gelogen. Es sind die vielen Bierzeltszenarien und landsmannschaftlichen Umzüge, in denen die Kulturkritik eine gnadenlose Form von Gemütlichkeit am Werk sah. Das Bild des hässlichen Deutschen begleitete den Schlager bis in die Siebziger, als er längst das Loblied auf griechischen Wein und mexikanisches Feuerwasser sang. Doch zum einen handelt es sich bei der sogenannten volkstümlichen Musik um einen extremen Fall industriell produzierter Folklore, und zum Zweiten ist kein Schlager besser als seine Zeit. Als magischer Versuch, die Folgen gesellschaftlicher Umbrüche abzupuffern, bleibt er ästhetisch uneindeutig. Zu seinen Widersprüchen gehört es, rückwärtsgewandt und fortschrittlich zugleich zu sein.

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