Drei Großmächte hat dieser 30-Jährige schon in eine diplomatische Krise verwickelt; auf einen weiteren halben Erdteil, Lateinamerika, strahlt sie aus. Die Geschichte um Edward Snowden, seine Geheimnispreisgabe und seine Flucht, ist nicht nur ein Krimi, ein Modellversuch in Sachen Kontrolle und Transparenz im 21. Jahrhundert, ein Rechts- und Moraldrama: Held oder Verräter, gut oder böse? Sie ist auch ein Machtspiel im großen Stil, ein Stück Welt- und Geopolitik.

Der Großmachtkonflikt spielt zwischen den USA auf der einen Seite und China und Russland auf der anderen. Beide Länder hat Washington ungewöhnlich deutlich als Helfer eines amerikanischen Staatsfeindes beschuldigt und ihnen mit Konsequenzen gedroht. In Ecuador hat Snowden Asyl beantragt. Auch das ist eine politisch explosive Wahl. Nicht nur haben die Vereinigten Staaten Lateinamerika zwei Jahrhunderte lang als ihren Hinterhof betrachtet. Sondern Ecuador ist auch, wie Venezuela und Kuba, Teil einer linken, "antiimperialistischen" Allianz, die sich der amerikanischen Hegemonie widersetzt. Die Snowden-Affäre wird zum Testfall dafür, wie stark die Supermacht USA (noch) ist – und wie sehr ihre Gegenspieler auf Konfrontationskurs gehen.

Wer Schutz vor dem Zugriff der Vereinigten Staaten sucht, wird sich logischerweise an ihre Rivalen und Feinde wenden. Für einen Idealisten stellen Snowdens internationale Unterstützer allerdings eine zweifelhafte Gesellschaft dar. China ist eine lupenreine Diktatur und Russland ein mindestens halb autoritärer Staat; beide treten Bürgerrechte und Informationsfreiheit routinemäßig mit Füßen. Ecuador besitzt größere demokratische Glaubwürdigkeit; allerdings schikaniert die Regierung die Presse und lässt in Radio und Fernsehen kritische Stimmen kaum zu Wort kommen. Wird Snowdens Zweckbündnis mit solchen Partnern seine moralische Autorität und damit auch seine politische Wirksamkeit beschädigen? Linksliberale in den USA, die einen David-gegen-Goliath-Kampf mit dem Überwachungsstaat eigentlich mit Sympathie betrachten, reagieren auf die China- und Russland-Connection jedenfalls allergisch. (Wobei die Vereinigten Staaten bei der Wahl ihrer Verbündeten im Kampf für die gute Sache auch nicht immer wählerisch waren.)

Nun bestreiten Peking und Moskau, dass es eine solche Connection überhaupt gibt. Die Chinesen wollen mit Snowdens Abreise aus Hongkong (obwohl ein amerikanisches Auslieferungsbegehren vorlag) nichts zu tun gehabt haben. Die Russen erklärten noch am Dienstag, dass Snowden (weil im Transitbereich eines Moskauer Flughafens) sich gar nicht wirklich auf ihrem Territorium befinde. Aber das sind natürlich Ausreden. Beide Länder sind sich der Gelegenheit voll bewusst, den Amerikanern die Grenzen ihrer Macht vorzuführen – und finden es vorteilhaft, diese Gelegenheit wahrzunehmen.

China hat dabei besonderes Glück gehabt – und besonderes Geschick gezeigt. Seit Monaten wird das Land aus den USA wegen Cyber-Attacken auf amerikanische Einrichtungen angeprangert. Dank Edward Snowdens Enthüllungen steht jetzt Amerika selbst als Internet-Schurkenstaat da. Gleichzeitig haben die Chinesen Snowdens heiklen Hongkong-Aufenthalt in einer genau dosierten Mischung von Provokation und Besonnenheit gehandhabt. Den Flüchtling auszuliefern wäre ein unerwünschter Kotau vor Washington und bei der Bevölkerung in Hongkong wahrscheinlich unpopulär gewesen. Aber ihn dazubehalten und ihm womöglich Schutz zu gewähren hätte die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten übermäßig belastet. Mit der Ausreise nach Moskau wurde man ihn los und hatte die USA trotzdem gequält – ideal.

Russland folgt stärker noch als China der Tendenz, amerikanische Pläne und Absichten fast schon reflexhaft zu durchkreuzen, den Vereinigten Staaten das Spiel zu verderben; das ist gewissermaßen Moskaus außenpolitischer genetischer Code. Syrien ist im Augenblick das ernsteste, dramatischste Beispiel. Oft freilich geht es dabei mindestens so sehr um Symbolik wie um reale Interessengegensätze. So hat ein führender Abgeordneter der Duma, des russischen Parlaments, erklärt, dass man den Fall Snowden aus Gründen der "politischen Zweckmäßigkeit" nutzen müsse. Er dachte dabei weniger an konkreten Gewinn (wie die Abschöpfung von Informationen) als an Prestigefragen: Russland soll sich als eigenständige Macht präsentieren, die den Amerikanern die Stirn bieten kann. Die Hilfe für Leute, die Praktiken westlicher Geheimdienste publik machen, hat dabei in Moskau Tradition. So konnte 2001 das Buch The Big Breach des ehemaligen britischen Agenten Richard Tomlinson im Schutz sorgfältig gewahrter Diskretion in Russland erscheinen.