Ein junger Mann ist auf der Flucht, und die Welt schaut zu. Sie schaut zu, weil Edward Snowden es mit der Weltmacht USA und nun auch noch mit Großbritannien, Australien und Neuseeland aufnimmt. Wenn es doch bloß ein Spektakel wäre. Aber es ist so viel mehr: Was der frühere Mitarbeiter des US-Geheimdienstes aufgedeckt hat, ist noch immer kaum zu glauben. Regierungen der westlichen Welt haben sich gegen ihre Bürger verbündet, indem sie zugelassen, indem sie angeordnet haben, dass ihre Geheimdienste ein weltumspannendes Abhörsystem errichten.

Diese, man muss schon fast sagen, Konspiration gegen die Bürger der westlichen Welt hat die Freiheitsrechte eines jeden Deutschen verletzt. Denn die Geheimdienste verstoßen gegen das Grundrecht auf Privatsphäre – das Bundesverfassungsgericht hat es das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung genannt. Sie verstoßen gegen das Grundrecht auf Post- und Telekommunikationsgeheimnis und gegen das Grundrecht auf die Unverletzlichkeit der Wohnung.

Ein Eingriff mit eklatanten Folgen. Wer schickt angesichts dessen, was er jetzt weiß, noch unbefangen eine E-Mail? Wer begibt sich noch bedenkenlos in einen Chat? Wer fragt sich nicht beklommen, welche Wörter er bei Google eingetippt, welche Bücher er bei Amazon bestellt hat. Wen er zufällig kennt, der jemanden kennen könnte, der extreme Ansichten hegt?

Tragisch daran ist, dass nicht das organisierte Verbrechen das Netz zu einem Ort des Misstrauens gemacht hat, auch nicht die sogenannten Schurkenstaaten oder Staatshacker aus Fernost. Nein, es sind die Sicherheitsbehörden von zwei Nationen, die Vorbild für unsere westlichen Demokratien waren. Und der deutsche Innenminister hat in den ersten Tagen des Skandals fleißig applaudiert.

Die westlichen Demokratien verlieren dadurch ihre Glaubwürdigkeit in einer entscheidenden Frage. Denn was, wenn nicht das Internet und das dadurch erneuerte Freiheitsversprechen, hat dem Westen in den vergangenen Jahren neuen Kredit in der übrigen Welt gebracht? Egal, was man über die Weltmacht USA dachte, man bewunderte, dass dort das mächtige Freiheitsinstrument namens Internet entstanden ist und Internetfirmen aus Kalifornien die Werkzeuge zur Selbstermächtigung der Völker scheinbar kostenlos in aller Welt verbreitet haben.

Dass sich nun auch Großbritannien, die Heimat des Aufklärers John Locke, als Überwachungsstaat entpuppt, ist eine weitere bittere Wendung in der Geschichte der westlichen Demokratien. Locke entwickelte vor 300 Jahren die Vorstellung, dass Bürger einen Gesellschaftsvertrag schließen, sie sich als freie Menschen zusammenfinden und dem Staat zwar Aufgaben übertragen, dieser Staat ihnen aber Rechenschaft schuldet, es ein System von checks and balances geben muss – also Vertrauen und Kontrolle. Der moderne Rechtsstaat fußt auf dieser Idee.

Zwar ist richtig: Was geschehen ist, entspricht formell den jeweiligen nationalen Gesetzestexten, aber im internationalen Zusammenspiel haben Geheimdienste eine Methode entwickelt, um die rechtlichen Grenzen, die sich Gesellschaften wohlweislich geben, zu umgehen. Insofern mögen die Gesetze zum massenhaften Ausspähen von Internetkommunikation den Buchstaben westlicher Verfassungen entsprechen, aber sie verletzen deren Geist. Dass sich die Exekutive der Kontrolle durch Parlament und Bürger entzieht, war nie vorgesehen, denn es ebnet Willkür und Tyrannei den Weg.

Snowden hinterlässt uns nun einen Auftrag und eine große Frage: Wie bewahren wir unsere Freiheitsrechte und balancieren sie mit den berechtigten Sicherheitsinteressen aus? Wie bändigen wir diese Dienste und auch die Regierungen, die sie losschicken? Wie zwingen wir die eigene Regierung, diesem Treiben entschlossen entgegenzutreten? Wie bringen wir eine Bundeskanzlerin, die das Internet noch immer als "Neuland" bezeichnet, dazu, diesen Konflikt ernst zu nehmen und auszutragen?