»Ich fühle mich oft wie ein kleines Kind« Nuria López, 29, studierte Psychologin © Ofelia de Pablo & Javier Zurita/laif

"Hier ist mein Gefängnis", sagt Nuria López. Die zierliche junge Frau steckt den Schlüssel ins Schloss, stemmt sich gegen die Stahltür, betritt das Gebäude, in dem sie seit 29 Jahren lebt. Es riecht nach kaltem Rauch, faustdicke Eisenstäbe versperren den Blick aus den Fenstern des Erdgeschoss-Apartments. Die Verwalter des Wohnblocks haben alles vergittern lassen, seit Diebe ein Uralt-Sofa im Gemeinschaftsbereich gestohlen haben. Solche Amateureinbrüche häufen sich hier in Torrejón de Ardoz und anderen Trabantenstädten von Madrid. "Viele Leute in der Gegend sind mittlerweile obdachlos", sagt Nuria.

Sie selbst hat einen Platz zum Schlafen, in ihrem alten Mädchenzimmer. Nuria wohnt wieder bei ihren Eltern. Sie ist 29 Jahre alt, studierte Psychologin, jetzt jobbt sie in einer Sprachschule – als Aushilfslehrerin für Englisch. Gerade einmal 550 Euro im Monat verdient sie dort, und damit mehr als manch anderer Akademiker aus der "generación cero", wie die Spanier ihre 20- bis 35-Jährigen nennen: null reguläres Einkommen, null Aussichten auf eine geregelte Arbeit, null Hoffnung.

Die Generation null war einmal Spaniens Zukunft. Nie zuvor hat die Nation eine Alterskohorte von so gut ausgebildeten jungen Menschen hervorgebracht. Hunderttausende ceros haben studiert, Fremdsprachen gelernt, sie sind mit dem Internet groß geworden, sie twittern und bloggen, wollen etwas leisten für ihr Land und für sich. Aber sie dürfen nicht. Sie sind die Kollateralschäden der großen Krise.

37 Prozent der unter 35-Jährigen finden keinen Job – das sind 2,7 Millionen junge Menschen, dreimal so viele wie 2007. Bei den unter 25-Jährigen sind es noch mehr. Sie zahlen den Preis für die Immobilienblase, die Banken- und Korruptionsskandale, die Verschwendungssucht ihrer Politiker. Anfangs haben sie sich gewehrt, sind auf die Straße gegangen. Aber nichts hat sich gebessert für sie. Jetzt verlassen sie ihr Land. Oder sie resignieren.

Düster ist es in Nurias Acht-Quadratmeter-Zimmer, das Fenster zum Hinterhof ist winzig. Auf dem Bett sitzen ein Teddy und ein Hühnchen aus Plüsch; Sonne, Mond und Sternchen lachen von der Wand. Über dem Schreibtisch hängt ein Pocahontas-Poster, seit fast 20 Jahren. Es abzureißen sei ihr nicht in den Sinn gekommen, sagt Nuria. "Ich fühle mich ja oft noch wie ein kleines Kind." Die Welt da draußen lässt sie nicht erwachsen werden, auf eigenen Füßen stehen.

Nuria wollte keine Null werden. Sie hat monatelang in einer Epilepsie-Klinik und einem Alzheimer-Zentrum schwer kranke Patienten betreut, als unbezahlte Praktikantin. Sie ist zweimal als Au-pair nach Irland gegangen, der Sprache wegen. Hat ihr Psychologie-Studium an einer Madrider Top-Uni überdurchschnittlich gut abgeschlossen. Und als sie dann auf ihre 60 oder 70 schriftlichen Bewerbungen keine einzige Antwort bekam, hat sie sich in Schale geworfen und sich bei allen psychiatrischen Kliniken in der Umgebung persönlich vorgestellt. Überall sagte man ihr: "Wir rufen an, wenn wir etwas für Sie haben." Da wusste sie schon, dass es wieder nichts wird.

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Die Kliniken müssen sparen, Mitarbeiter entlassen. Wie fast alle Unternehmen im rezessionsgeplagten Land. Neue Stellen werden kaum noch geschaffen. Wenn doch, so bieten die Betriebe fast immer "Müllverträge" an, wie sie bei den Jungen heißen: Arbeit auf Zeit, schlecht bezahlt, ohne Perspektive auf dauerhafte Beschäftigung. Oder es ist gleich Schwarzarbeit. Als das Madrider Prado-Museum kürzlich einmal elf feste Stellen ausschrieb, gingen 18.524 Bewerbungen ein – für Posten als Saalwärter, monatliches Grundgehalt 929,93 Euro.

Diese Missstände haben sich seit Jahren abgezeichnet, doch Spaniens Entscheider, ob links oder rechts, sind nicht entschieden gegen sie vorgegangen. So verhandelten Unternehmens- und Gewerkschaftsvertreter anderthalb Jahre lang über eine Reform der Arbeitsgesetze, blockierten sich gegenseitig und scheiterten schließlich. Die Politiker ließen sie gewähren. "Spaniens Eliten haben das strukturelle Problem der Jugendarbeitslosigkeit verharmlost", sagt Thomas Stehling, Büroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Madrid. "Erst jetzt, da es brennt, merken sie, dass sie sich nicht mehr wegducken können."

Der Premier Mariano Rajoy übt sich derweil in Aktionismus. Er hat Europas Regierungen um Kredite gebeten für finanzschwache spanische Kleinbetriebe, die neue Stellen schaffen; Berlin und Paris haben angekündigt, eine "Wachstumsinitiative" auf den Weg zu bringen. Rajoy selbst definiert in seiner "Strategie für Unternehmensgründung und junge Arbeit 2013–2016" gleich einhundert Maßnahmen, mit denen Berufseinsteiger gefördert werden sollen. Es ist ein bunter Strauß aus wolkig definierten "Bildungsmaßnahmen", darunter die Einrichtung einer längst überfälligen Jobdatenbank für ganz Spanien und kleine Anreize für Arbeitgeber, zum Beispiel 500 Euro Sozialversicherungsrabatt für den ersten unbefristeten Arbeitsvertrag.

Dass diese Mini-Maßnahmen keine Masseneinstellungen auslösen werden, das weiß auch Rajoy. Deshalb will er das Land dazu bringen, sich selbst Arbeitsplätze zu schaffen. Unternehmensgründer können sich neuerdings auf einen Schlag das gesamte Arbeitslosengeld auszahlen lassen. "Spanien", beschwört Rajoy, "ist ein Land der Entrepreneure."

Quique Arias, 33 Jahre, könnte es schaffen. Aber nicht dank, sondern trotz des Staates. Der frühere Grafikdesigner lehnt am Tresen von La Bicicleta im Herzen des Ausgehviertels Malasaña, schüttelt in einer Tour Hände, umarmt, begrüßt die Gäste seiner neuen Bar. Quique betreibt Madrids erste Fahrradkneipe. Tretlager schmücken die Wände, Luftpumpen und Werkzeug stehen im Keller bereit. Hier können sich Radfahrer ausruhen, sich mit Gleichgesinnten austauschen oder bei einer "Coffee and Ride"-Tour durch die Stadt radeln, die Quique mit seiner Partnerin Tamy alle paar Tage organisiert und über alle erdenklichen Sozialen Netzwerke anpreist.

Der Netzwerkgedanke zieht offenbar: Die 5.300 Euro teure Maschine für den angeblich "besten Espresso der Stadt" haben Quiques Gäste selbst finanziert, Crowdfunding nennt sich das. Im Gegenzug bekommen die Geldgeber kostenloses Frühstück und ein paar Päckchen hauseigenen Spezialkaffee.