Der Ökonom und Harvard-Professor Kenneth Rogoff © Eduardo Munoz/Reuters

Als noch kein Journalist ihn befragt, kein Kameramann ihn gefilmt, kein Fernsehmoderator ihn zum Gespräch gebeten hat, als die Welt ihn noch nicht kennt, steht Thomas Herndon in einem Aufzug und bewegt sich auf eine Rechenaufgabe zu. Es ist der 5. September 2012, kurz vor halb zehn morgens. Herndon studiert Volkswirtschaftslehre an einer unbedeutenden Universität in der Kleinstadt Amherst im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts. An diesem Tag soll er das Thema für eine Hausarbeit bekommen.

Im neunten Stock des Fakultätsgebäudes steigt Herndon aus. Er betritt den Seminarraum und setzt sich ans Fenster, wie meistens. Herndon, ein pausbäckiger 27-Jähriger mit schwerer Brille, ist im staubigen Texas aufgewachsen, das satte Grün im Nordosten der USA fasziniert ihn noch immer.

Der Professor verteilt die Aufgaben. Die Studenten sollen wirtschaftswissenschaftliche Studien nachrechnen. Sie sollen begreifen, wie Ökonomen zu ihren Ergebnissen kommen. Sie haben mehrere Monate Zeit.

Es ist nicht geplant, dass neben dem Professor und den Studenten jemand diese Seminararbeiten lesen wird.

Der Professor stellt eine Studie vor, von der er sagt, sie gefalle ihm besonders gut, weil sie eine durchschlagende politische Wirkung erzielt habe. Mit wissenschaftlichen Mitteln hätten die Autoren es geschafft, eine großartige Geschichte zu erzählen. Die Geschichte von der Staatsverschuldung. Herndon meldet sich als Erster.

So erinnern sich der Student und der Professor, heute, im Sommer 2013.

Jener Septembertag ist der Anfang eines unglaublichen Schauspiels um die Wirkung einer einzigen Zahl. Ein unbekannter Student tritt auf und ein berühmter Ökonom. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble wird eine Rolle spielen, das Computerprogramm Excel und ein griechischer Krankenpfleger namens Augustinos Mouzakitis. Als bewegliche Kulisse zieht die Euro-Krise im Hintergrund vorbei, und am Ende des Stücks wird die Wirtschaftspolitik eines ganzen Kontinents als großer Irrtum erscheinen.

Am frühen Nachmittag des 4. Januar 2010, mehr als zweieinhalb Jahre bevor Thomas Herndon das Thema seiner Hausarbeit erhält, betritt Kenneth Rogoff den Marquis Ballroom im Marriott Hotel von Atlanta. Zu diesem Zeitpunkt stehen in den Zeitungen Artikel über Griechenland schon nicht mehr im Reiseteil, sondern auf den Wirtschaftsseiten. Sorge um Griechenland, Hellenische Last, Der griechische Patient lauten die Überschriften, aber noch hat die europäische Politik nicht reagiert, noch sind keine Rettungspakete geschnürt, keine Schutzschirme aufgespannt, das Wort Euro-Krise ist noch nicht erfunden.

Rogoff ist damals 56 Jahre alt, ein hagerer Mann mit schmalem Haarkranz, der aussieht, als habe er zu wenig Sonne abbekommen. Als 16-Jähriger verließ er Ende der sechziger Jahre die Highschool, um professioneller Schachspieler zu werden. Er verdiente Geld, indem er vor Zuschauern gegen fünfzig Gegner gleichzeitig spielte. Er lebte monatelang im damaligen Jugoslawien, um mit den besten Spielern der Welt zu trainieren. Als er gegen den nur zwei Jahre älteren Russen Anatoli Karpow, den späteren Weltmeister, verlor, gestand er sich ein, dass er es nie zur Nummer eins bringen würde. Er gab das Schachspielen auf und studierte Ökonomie.

An diesem Januartag 2010 findet in dem Hotel in Atlanta eine wirtschaftswissenschaftliche Tagung statt. Rogoff ist zu diesem Zeitpunkt bereits einer der bekanntesten Ökonomen der Welt. Er war Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), jetzt ist er Professor an der Harvard University. Gerade hat er ein Buch über die Geschichte der Finanzkrisen veröffentlicht (Dieses Mal ist alles anders) , das sich hervorragend verkauft. Viel weiter kann man es als Wirtschaftswissenschaftler nicht bringen. Jetzt will Rogoff seine neueste Arbeit vorstellen.

Es ist jene Studie, die sich Thomas Herndon 32 Monate später für seine Semesterarbeit aussuchen wird. Sie heißt Growth in a Time of Debt – "Wachstum in einer Zeit der Verschuldung". In dieser Untersuchung versucht Rogoff gemeinsam mit seiner Kollegin Carmen Reinhart jene Frage zu beantworten, die sich in den kommenden Monaten der Euro-Krise jeden Tag aufs Neue stellen wird: Sind Staatsschulden gefährlich?

Ökonomische Laien mag es verwundern, dass dieses Thema der wissenschaftlichen Analyse bedarf. Ist es nicht offensichtlich, dass ein Staat verarmt, wenn er dauerhaft mehr Geld ausgibt, als er einnimmt? Was gibt es da zu forschen?

Ein hoch verschuldeter Staat muss so schnell wie möglich seine Ausgaben kürzen. Er muss Sozialleistungen streichen, Behörden schließen, dann kann er seine Schulden zurückzahlen. Auch unter Wirtschaftswissenschaftlern ist dies eine verbreitete Meinung.

Aber es existiert auch eine gegenteilige Sicht. Es gibt nicht wenige Ökonomen, die sagen, dass man einen verschuldeten Staat anders betrachten muss als eine verschuldete Privatperson. Steckt ein Privatmann in den roten Zahlen, hilft es ihm, auf Kinobesuche und Urlaubsreisen zu verzichten. Sparen rettet ihn. Kürzt aber ein Staat seinen Angestellten die Gehälter, haben also Lehrer, Feuerwehrleute und Ärzte weniger Geld zur Verfügung, besteht die Gefahr, dass bald auch in Supermärkten und Kaufhäusern die Umsätze sinken. Dann gehen Unternehmen pleite, die Arbeitslosigkeit steigt. Am Ende bricht die Wirtschaft zusammen.

Schulden seien brandgefährlich, ein verschuldeter Staat müsse radikal sparen, sagen die einen.

Radikales Sparen mache alles nur schlimmer, sagen die anderen. Es genüge, die Schulden langsam und behutsam abzubauen.

Als Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart in Atlanta ihre neue Studie vorstellen, ist dies der Endpunkt einer langen Forschungsarbeit. Sieben Jahre lang haben sie Bibliotheken durchsucht und in Archiven gewühlt. Obwohl kaum ein wirtschaftspolitisches Problem weltweit eine solch bedeutende Rolle spielt wie die Staatsverschuldung, gibt es kaum öffentlich zugängliche historische Daten dazu.

Wie Archäologen tragen Reinhart und Rogoff ihre Fundstücke zusammen. Sie entdecken unerforschte Archive des Völkerbundes in Genf, finden Zahlen über die Verbindlichkeiten des österreichischen Kaisers Franz Joseph I., stoßen auf Informationen über den Silbergehalt des russischen Rubels im späten 18. Jahrhundert, erhalten geheimes Material aus der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.

Jede Zahl tippen Reinhart und Rogoff eigenhändig in ihre Computer ein. Sie verzichten auf die Hilfe von Assistenten, sie wollen sich auf sich selbst verlassen. So legen sie eine riesige Datenbank an. 66 Länder, fünf Kontinente, 800 Jahre. Wieder und wieder jagen sie die Werte durch ihre Rechenprogramme, sie suchen nach dem großen Zusammenhang, dem Muster in den Zahlenkolonnen.

Schließlich finden sie es. Staatsschulden sind verkraftbar, lautet das Ergebnis ihrer Studie, aber nur bis zu einem neuralgischen Punkt. "Das ist wie beim Bergaufstieg in große Höhen. Erst gibt es lange keine Probleme, dann kommt abrupt die Atemnot", wird Rogoff wenig später in einem Interview sagen.

Sobald die Staatsschulden einen Wert von mehr als 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also der jährlichen Wirtschaftsleistung dieses Landes, erreichen, beginnt die Höhenkrankheit. Das ist das Ergebnis der Berechnungen von Reinhart und Rogoff. Von da an wächst die Wirtschaft nicht mehr, sie schrumpft schlagartig, das Land verarmt.