Als noch kein Journalist ihn befragt, kein Kameramann ihn gefilmt, kein Fernsehmoderator ihn zum Gespräch gebeten hat, als die Welt ihn noch nicht kennt, steht Thomas Herndon in einem Aufzug und bewegt sich auf eine Rechenaufgabe zu. Es ist der 5. September 2012, kurz vor halb zehn morgens. Herndon studiert Volkswirtschaftslehre an einer unbedeutenden Universität in der Kleinstadt Amherst im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts. An diesem Tag soll er das Thema für eine Hausarbeit bekommen.

Im neunten Stock des Fakultätsgebäudes steigt Herndon aus. Er betritt den Seminarraum und setzt sich ans Fenster, wie meistens. Herndon, ein pausbäckiger 27-Jähriger mit schwerer Brille, ist im staubigen Texas aufgewachsen, das satte Grün im Nordosten der USA fasziniert ihn noch immer.

Der Professor verteilt die Aufgaben. Die Studenten sollen wirtschaftswissenschaftliche Studien nachrechnen. Sie sollen begreifen, wie Ökonomen zu ihren Ergebnissen kommen. Sie haben mehrere Monate Zeit.

Es ist nicht geplant, dass neben dem Professor und den Studenten jemand diese Seminararbeiten lesen wird.

Der Professor stellt eine Studie vor, von der er sagt, sie gefalle ihm besonders gut, weil sie eine durchschlagende politische Wirkung erzielt habe. Mit wissenschaftlichen Mitteln hätten die Autoren es geschafft, eine großartige Geschichte zu erzählen. Die Geschichte von der Staatsverschuldung. Herndon meldet sich als Erster.

So erinnern sich der Student und der Professor, heute, im Sommer 2013.

Jener Septembertag ist der Anfang eines unglaublichen Schauspiels um die Wirkung einer einzigen Zahl. Ein unbekannter Student tritt auf und ein berühmter Ökonom. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble wird eine Rolle spielen, das Computerprogramm Excel und ein griechischer Krankenpfleger namens Augustinos Mouzakitis. Als bewegliche Kulisse zieht die Euro-Krise im Hintergrund vorbei, und am Ende des Stücks wird die Wirtschaftspolitik eines ganzen Kontinents als großer Irrtum erscheinen.

Am frühen Nachmittag des 4. Januar 2010, mehr als zweieinhalb Jahre bevor Thomas Herndon das Thema seiner Hausarbeit erhält, betritt Kenneth Rogoff den Marquis Ballroom im Marriott Hotel von Atlanta. Zu diesem Zeitpunkt stehen in den Zeitungen Artikel über Griechenland schon nicht mehr im Reiseteil, sondern auf den Wirtschaftsseiten. Sorge um Griechenland, Hellenische Last, Der griechische Patient lauten die Überschriften, aber noch hat die europäische Politik nicht reagiert, noch sind keine Rettungspakete geschnürt, keine Schutzschirme aufgespannt, das Wort Euro-Krise ist noch nicht erfunden.

Rogoff ist damals 56 Jahre alt, ein hagerer Mann mit schmalem Haarkranz, der aussieht, als habe er zu wenig Sonne abbekommen. Als 16-Jähriger verließ er Ende der sechziger Jahre die Highschool, um professioneller Schachspieler zu werden. Er verdiente Geld, indem er vor Zuschauern gegen fünfzig Gegner gleichzeitig spielte. Er lebte monatelang im damaligen Jugoslawien, um mit den besten Spielern der Welt zu trainieren. Als er gegen den nur zwei Jahre älteren Russen Anatoli Karpow, den späteren Weltmeister, verlor, gestand er sich ein, dass er es nie zur Nummer eins bringen würde. Er gab das Schachspielen auf und studierte Ökonomie.

An diesem Januartag 2010 findet in dem Hotel in Atlanta eine wirtschaftswissenschaftliche Tagung statt. Rogoff ist zu diesem Zeitpunkt bereits einer der bekanntesten Ökonomen der Welt. Er war Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), jetzt ist er Professor an der Harvard University. Gerade hat er ein Buch über die Geschichte der Finanzkrisen veröffentlicht (Dieses Mal ist alles anders) , das sich hervorragend verkauft. Viel weiter kann man es als Wirtschaftswissenschaftler nicht bringen. Jetzt will Rogoff seine neueste Arbeit vorstellen.

Es ist jene Studie, die sich Thomas Herndon 32 Monate später für seine Semesterarbeit aussuchen wird. Sie heißt Growth in a Time of Debt – "Wachstum in einer Zeit der Verschuldung". In dieser Untersuchung versucht Rogoff gemeinsam mit seiner Kollegin Carmen Reinhart jene Frage zu beantworten, die sich in den kommenden Monaten der Euro-Krise jeden Tag aufs Neue stellen wird: Sind Staatsschulden gefährlich?

Ökonomische Laien mag es verwundern, dass dieses Thema der wissenschaftlichen Analyse bedarf. Ist es nicht offensichtlich, dass ein Staat verarmt, wenn er dauerhaft mehr Geld ausgibt, als er einnimmt? Was gibt es da zu forschen?

Ein hoch verschuldeter Staat muss so schnell wie möglich seine Ausgaben kürzen. Er muss Sozialleistungen streichen, Behörden schließen, dann kann er seine Schulden zurückzahlen. Auch unter Wirtschaftswissenschaftlern ist dies eine verbreitete Meinung.

Aber es existiert auch eine gegenteilige Sicht. Es gibt nicht wenige Ökonomen, die sagen, dass man einen verschuldeten Staat anders betrachten muss als eine verschuldete Privatperson. Steckt ein Privatmann in den roten Zahlen, hilft es ihm, auf Kinobesuche und Urlaubsreisen zu verzichten. Sparen rettet ihn. Kürzt aber ein Staat seinen Angestellten die Gehälter, haben also Lehrer, Feuerwehrleute und Ärzte weniger Geld zur Verfügung, besteht die Gefahr, dass bald auch in Supermärkten und Kaufhäusern die Umsätze sinken. Dann gehen Unternehmen pleite, die Arbeitslosigkeit steigt. Am Ende bricht die Wirtschaft zusammen.

Schulden seien brandgefährlich, ein verschuldeter Staat müsse radikal sparen, sagen die einen.

Radikales Sparen mache alles nur schlimmer, sagen die anderen. Es genüge, die Schulden langsam und behutsam abzubauen.

Als Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart in Atlanta ihre neue Studie vorstellen, ist dies der Endpunkt einer langen Forschungsarbeit. Sieben Jahre lang haben sie Bibliotheken durchsucht und in Archiven gewühlt. Obwohl kaum ein wirtschaftspolitisches Problem weltweit eine solch bedeutende Rolle spielt wie die Staatsverschuldung, gibt es kaum öffentlich zugängliche historische Daten dazu.

Wie Archäologen tragen Reinhart und Rogoff ihre Fundstücke zusammen. Sie entdecken unerforschte Archive des Völkerbundes in Genf, finden Zahlen über die Verbindlichkeiten des österreichischen Kaisers Franz Joseph I., stoßen auf Informationen über den Silbergehalt des russischen Rubels im späten 18. Jahrhundert, erhalten geheimes Material aus der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.

Jede Zahl tippen Reinhart und Rogoff eigenhändig in ihre Computer ein. Sie verzichten auf die Hilfe von Assistenten, sie wollen sich auf sich selbst verlassen. So legen sie eine riesige Datenbank an. 66 Länder, fünf Kontinente, 800 Jahre. Wieder und wieder jagen sie die Werte durch ihre Rechenprogramme, sie suchen nach dem großen Zusammenhang, dem Muster in den Zahlenkolonnen.

Schließlich finden sie es. Staatsschulden sind verkraftbar, lautet das Ergebnis ihrer Studie, aber nur bis zu einem neuralgischen Punkt. "Das ist wie beim Bergaufstieg in große Höhen. Erst gibt es lange keine Probleme, dann kommt abrupt die Atemnot", wird Rogoff wenig später in einem Interview sagen.

Sobald die Staatsschulden einen Wert von mehr als 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also der jährlichen Wirtschaftsleistung dieses Landes, erreichen, beginnt die Höhenkrankheit. Das ist das Ergebnis der Berechnungen von Reinhart und Rogoff. Von da an wächst die Wirtschaft nicht mehr, sie schrumpft schlagartig, das Land verarmt.

Kaum eine Studie schafft es, den akademischen Kosmos zu verlassen

Anfang 2010, als die beiden Ökonomen ihre Studie vorstellen, liegen die Staatsschulden Griechenlands bei 120 Prozent. Demnach muss das Land dringend anfangen zu sparen. Die Griechen brauchen Sauerstoff, sie müssen runter ins Tal, so schnell wie möglich.

Just zu dem Zeitpunkt, als Europa anfängt, sich wegen seiner Schulden zu sorgen, ist da diese Zahl: 90 Prozent. Jetzt ist sie in der Welt. Ein Ökonom, der damals im Marriott Hotel dabei war, erinnert sich, dass es im Anschluss an Rogoffs Präsentation ein paar Fragen gab, Anregungen, Gemurmel. Dann begann der nächste Vortrag.

Noch existiert die Zahl nur in der Welt der Wissenschaft, sie wird in einem Fachjournal veröffentlicht und tritt ihren Weg in die Hörsäle und Seminarräume an. Noch ist es gut möglich, dass sie für immer dort bleibt. Jedes Jahr gibt es auf der Welt Hunderte ökonomischer Fachtagungen, Tausende Studien werden vorgestellt, Zehntausende Zahlen. Kaum eine schafft es, den akademischen Kosmos zu verlassen.

Mitte Oktober 2012. Thomas Herndon sitzt auf der tiefen Ledercouch in seinem Wohnzimmer, den Laptop auf den Knien. In der Ecke stehen seine Gitarren. Herndon liebt Musik, früher hat er in mehreren Bands gespielt.

Herndon lebt mit seiner Freundin und einem weiteren Mitbewohner in einem grauen Holzhaus aus den dreißiger Jahren. Die drei haben einen kleinen Hinterhof. Im Frühjahr wollen sie die Erde umgraben und Gemüse säen.

Herndon hat viel zu tun in diesem Semester. Er liest Bücher über die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre und Aufsätze über die Europäische Währungsunion. Jetzt tippt er auf seinem Laptop herum. Er klickt die Internetseite an, auf der Reinhart und Rogoff ihren riesigen Datensatz veröffentlicht haben, die Grundlage ihrer Studie. Herndon lädt sich die Zahlen herunter.

Am Kopfende eines Festsaals in Europas größtem Bürogebäude, dem Bundesfinanzministerium (BMF) in Berlin, setzt Kenneth Rogoff einen schwarzen Kopfhörer auf, um zu verstehen, was der freundlich lächelnde Mann neben ihm sagt. Breite Säulen rahmen den Raum ein, 250 Menschen sitzen vor ihm, Bankmanager, Bundestagsabgeordnete, Ministerialbeamte, Journalisten.

Der Mann neben Rogoff ist Wolfgang Schäubles Staatssekretär Steffen Kampeter. Er hat Rogoff eingeladen. Kampeter stellt seinen Gast vor, der Simultandolmetscher übersetzt, dann beginnt Rogoff seinen Vortrag, Titel der Veranstaltung: "BMF im Dialog".

Es ist der 2. März 2011, die Euro-Krise ist jetzt Thema in fast jeder Nachrichtensendung, Berichte über Griechenland stehen auf den Titelseiten der Zeitungen.

Lange war nicht klar, wer schuld ist an dieser Krise. Die Spekulanten? Die Banken? Die verschwenderische Regierung in Athen? Es gab verschiedene Interpretationen, es galt, sich an neue Begriffe zu gewöhnen. Europäische Finanzstabilisierungsfazilität, kurz EFSF, Europäischer Stabilitätsmechanismus, kurz ESM. Die Krise war so komplex, dass der Einzelne sie kaum begriff. Umso größer der Wunsch nach Politikern, die das alles verstehen.

Die Bundesregierung war von Anfang an der Überzeugung, nur eisernes Sparen könne die Krise beenden. Im Frühsommer 2010 hat sie in Europa ein erstes hartes Sparprogramm für Griechenland durchgesetzt. Die Auseinandersetzung über den richtigen Weg aber ist dadurch nicht beendet. Fast täglich melden sich jetzt Befürworter und Gegner der Kürzungen zu Wort. Ihr Streit begleitet jedes Gipfeltreffen, jede Krisensitzung.

Äußerlich bleiben die Regierenden gelassen. Schäuble gibt sich so zuversichtlich, als gehe es bloß um ein neues Abfallwirtschaftsgesetz. Was bleibt ihm auch übrig? Er muss Entscheidungen treffen, er muss sie begründen.

Der Ökonom füllt Säle, die Politik ist dankbar für seine Zahl

Jetzt steht da jemand in seinem Ministerium, der eine gute Begründung für die Sparpolitik gefunden hat. Er hat eine Zahl: 90 Prozent.

Rogoff lässt in seinem Vortrag Kurven und Ziffern an der Wand aufleuchten, er erzählt von Finanzkrisen der Vergangenheit, analysiert die Währungssysteme der Gegenwart. Am nächsten Tag schreibt der Berliner Tagesspiegel, Rogoff habe mit "der charmanten Souveränität eines amerikanischen Professors" gesprochen.

Im Nachhinein fällt auf, dass Rogoff in seinem Vortrag im Ministerium nicht näher auf seine Studie eingeht. Auch das Wort Höhenkrankheit fällt nicht. Einer von Schäubles engsten Mitarbeitern wird später sagen, die Fachleute im Ministerium seien trotzdem wie elektrisiert gewesen von Rogoffs Fachkenntnis. Und die Studie steht ja im Internet, man muss sie nur herunterladen.

In Massachusetts hat Thomas Herndon jetzt alle Daten von Reinhart und Rogoff auf seinem Computer. Es wird ihn ein paar Stunden kosten, sie nachzurechnen, vielleicht Tage, dann wird auch er die 90-Prozent-Schwelle ermittelt haben. So denkt er sich das.

Herndon aber schafft es nicht, die einzelnen Werte zueinander in Bezug zu setzen, die Verschuldungsdaten, die Wachstumsziffern. Wie er sie auch gewichtet, wie er die mathematischen Gleichungen auch zusammenfügt, er kommt nicht auf diese eine Zahl. Das Jahr 2012 geht zu Ende, und Herndon hat die 90 Prozent noch immer nicht gefunden.

Als Wolfgang Schäuble in Berlin ans Pult des Bundestags rollt, hat er die gelbe Mappe mit seinem Redemanuskript rechts zwischen sich und die Lehne des Rollstuhls geklemmt. Es ist der 6. September 2011, ein Dienstag. Schäuble will vor den Abgeordneten erneut für seinen Sparkurs werben.

Seit er Finanzminister ist, hat Schäuble sich abgewöhnt, frei zu sprechen. Er hält sich jetzt immer genau an den Text, den ihm seine Mitarbeiter aufgeschrieben haben. Seine Worte werden in der ganzen Welt gehört. Zu groß ist die Gefahr, mit einem falschen Halbsatz die Finanzmärkte zu verstören.

Schäuble legt die Mappe vor sich auf das Rednerpult und schlägt sie auf. Er spricht über die hohen Staatsschulden in mehreren Euro-Ländern. Er sagt, Deutschland sei wegen seiner Forderung nach einem harten Sparkurs im Süden Europas erheblicher Kritik ausgesetzt.

Nach knapp elf Minuten kommt Schäuble zur entscheidenden Stelle seiner Rede. Er liefert die Untermauerung für seine Politik. Er sagt: "Man muss daran erinnern, dass die US-Ökonomen Reinhart und Rogoff vor Kurzem in einer viel beachteten Studie dargelegt haben, dass das Wirtschaftswachstum ab einem bestimmten Verschuldungsgrad durch öffentliche Verschuldung gedämpft wird." Da sind sie, die 90 Prozent.

Schäuble sagt, es gehe jetzt darum, hart zu sparen. "Das ist die richtige Politik."

Es ist der Augenblick, in dem die Zahl die Welt der Wissenschaft verlässt und die deutsche Politik erreicht. In den kommenden Monaten werden die 90 Prozent zum wiederkehrenden Element in Schäubles Reden und Stellungnahmen zur Euro-Krise. Rogoffs Zahl liefert die Begründung für die von der Bundesregierung vorangetriebenen Kürzungsprogramme in Südeuropa.

In Athen läuft Augustinos Mouzakitis im hellblauen Kittel einen Krankenhausgang entlang. Er schiebt ein fahrbares Bett vor sich her, auf dem Bett liegt ein Mann, er hat sich das Bein gebrochen, Mouzakitis bringt ihn in die Chirurgie. Der nächste Patient hat vielleicht nur eine Platzwunde, oder aber einen Hirnschlag, dann geht es um sein Leben, und Mouzakitis wird rennen, so schnell er kann.

Augustinos Mouzakitis arbeitet als Hilfskrankenpfleger im Evangelismos-Krankenhaus, 1884 gegründet, elf Stockwerke hoch, fast 1.000 Betten, die größte Klinik in Athen. Ein Krankenhaus wie eine Festung.

Als Wolfgang Schäuble im September 2011 im Bundestag spricht, ist Mouzakitis 36 Jahre alt. Nach Schule und Wehrdienst hat er sich mit Gelegenheitsjobs in Fabriken und auf dem Bau durchgeschlagen, dann, im Jahr 2000, bekam er die Stelle in der Klinik, ihm war, als habe es das Schicksal gut mit ihm gemeint. Mouzakitis hebt Kranke von Tragen auf Betten, von Betten in Rollstühle, 40 Stunden in der Woche, im Dreischichtbetrieb, morgens, abends, nachts. 1.300 Euro im Monat bekommt er dafür, oder genauer, so viel bekam er früher, bevor das erste Sparprogramm in Kraft trat.

Zeitungen bezeichnen Reinhart und Rogoff als "Leuchttürme der Krisenanalyse"

Mouzakitis ist Angestellter des griechischen Staates. Der Staat muss sparen, also hat er den Krankenpflegern das Gehalt gekürzt, auch allen Lehrern, Feuerwehrleuten, Polizisten.

Im September 2011 verdient Mouzakitis nur noch knapp über 1.000 Euro. Seine Frau hat gerade ihren Teilzeitjob in einem Supermarkt verloren. Die Umsätze sind stark gesunken, seit die Leute weniger Geld verdienen.

Reich war sie nie, die Familie Mouzakitis mit ihren beiden kleinen Kindern, jetzt muss sie sich noch mehr einschränken, aber bald wird seine Frau wieder Arbeit finden, hofft Augustinos Mouzakitis, lange kann die Krise ja nicht mehr dauern.

Die Einkommenskürzungen würden die griechische Wirtschaft kurzfristig schwächen, prognostiziert der Internationale Währungsfonds, der die Sparmaßnahmen mit entworfen hat, im September 2011. Dann aber werde das Land eben dank dieser Sparmaßnahmen neue Kraft schöpfen.

Am 4. Februar 2013 öffnet Thomas Herndon sein E-Mail-Programm und tippt die Adressen von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in die Empfängerzeile. Sein Professor versteht nicht, weshalb Herndon mit seiner Arbeit nicht weiterkommt. Die Studie von Reinhart und Rogoff sei methodisch wenig anspruchsvoll, die meisten anderen Studenten hätten weit kompliziertere Untersuchungen zu überprüfen. Herndon zweifelt an sich. Ist er zu dumm für diese Aufgabe?

Herndon schreibt an Rogoff und Reinhart: "Ich weiß, Sie haben viele Anfragen, aber ich schaffe es nicht, Ihre Ergebnisse nachzuvollziehen." Er bittet die beiden Professoren, ihm neben den Daten auch die Analysegleichungen zur Verfügung zu stellen, mit denen sie die Zahlen ihrer Studie zueinander in Bezug gesetzt haben. "Das wäre sehr hilfreich", schreibt Herndon. Dann schickt er die E-Mail ab.

Am 22. September 2011, knapp drei Wochen nach Schäubles Auftritt im Bundestag, ist Rogoff wieder in Deutschland, zum dritten und letzten Mal in dieser Geschichte sitzt er in einem Saal voller Menschen, diesmal in Frankfurt, in der Goethe-Universität.

Rogoff erhält eine vom Stiftungsfonds Deutsche Bank finanzierte Auszeichnung, den Deutsche Bank Prize in Financial Economics, der alle zwei Jahre an einen bedeutenden Wirtschaftswissenschaftler verliehen wird. In der Jury sitzen Professoren, Journalisten, Finanzökonomen. Josef Ackermann, damals noch Vorstandschef der Bank, hält die Laudatio. "Es gibt viele dornige Themen in der Finanzwelt, und Rogoff hat viele kleine Wahrheiten herausgefunden", sagt Ackermann vor mehreren Hundert Gästen.

Am nächsten Tag schreibt die Süddeutsche Zeitung: "Da schaute Rogoff kurz auf, der schmale Mann mit der dunkel gerahmten Brille, und schmunzelte das erste Mal. Es ist ja durchaus nicht leicht, die richtige Mimik zu finden, wenn andere einen vor großem Publikum über den grünen Klee loben."

Ackermann überreicht Rogoff eine aus dünnen Metallstreifen geflochtene, fußballgroße Kugel, die Trophäe. 50.000 Euro Preisgeld werden folgen. Gemeinsam stellen sich Ackermann und Rogoff vor eine Leinwand in den Farben der Deutschen Bank. Lächeln. Blitzlicht. Ruhm.

"Der Preis ehrt einen international anerkannten Wissenschaftler[...], dessen Arbeit zu praxis- und politikrelevanten Ergebnissen geführt hat." So steht es in den Statuten des Preises.

Zu diesem Zeitpunkt erfüllt Rogoff dieses Kriterium wie kaum ein anderer Ökonom. Die 90 Prozent sind das vielleicht klarste, das härteste Argument in der Schuldendebatte. Eine wissenschaftlich ermittelte Zahl ist kein Glaubenssatz, keine Ideologie. Eine Zahl ist objektiv. Sie ist wie eine Wahrheit.

Der Aufsatz Growth in a Time of Debt avanciert zu einer der einflussreichsten wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsarbeiten der vergangenen Jahrzehnte. Nun, da die Zahl die wohltemperierte Welt der Wissenschaft verlassen hat, ist sie in die Hitze des politischen und medialen Betriebs geraten.

Zeitungen bezeichnen Reinhart und Rogoff als "Leuchttürme der Krisenanalyse", von der "kritischen Rogoff-Marke" ist die Rede, von Rogoff, dem "Krisenversteher", von der "Maginot-Linie" der 90 Prozent.

Alle leiten aus der Studie dasselbe ab: Sparen, sparen, sparen!

An dieser Stelle des Schauspiels wird es voll auf der Bühne. Bekannte Gesichter treten auf. Peer Steinbrück, damals noch nicht SPD-Kanzlerkandidat, sondern scheinbar am Ende seiner Karriere, sagt in einem Zeitungsinterview: "Staatsschulden erdrosseln alles. Eine Untersuchung der US-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff zeigt, dass Staaten mit einer Verschuldungsquote von oberhalb 90 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung ihr Wachstumspotenzial eher abwürgen."

Jean-Claude Trichet, damals Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), erläutert: "Es gibt Belege für einen negativen Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum, vor allem bei einem sehr hohen Schuldenniveau."

Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank, stellt fest: "Eine Studie von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff besagt, dass ein Schuldenstand von mehr als 90 Prozent das Wirtschaftswachstum reduziert."

Timothy Geithner, damals Finanzminister der USA, ist der Meinung: "Eine exzellente Studie, die das Risiko eher noch unterschätzt."

George Osborne, britischer Finanzminister, ist sich sicher: "Die neueste Forschung besagt: Sobald die Schulden ein Niveau von etwa 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen, erhöht sich das Risiko eines stark negativen Einflusses auf das langfristige Wachstum deutlich."

Paul Ryan, damals Kandidat der US-Republikaner für das Amt des Vizepräsidenten, gibt bekannt: "Ökonomen, die die Staatsverschuldung untersucht haben, sagen uns, dass ein Anstieg der Verschuldung auf über 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts das Wachstum hemmt und das Risiko einer Wirtschaftskrise erhöht."

Die Investmentgesellschaft Pimco, der größte Anleihenhändler der Welt, entwickelt, basierend auf Reinharts und Rogoffs Analyse, den "Ring of Fire", eine Grafik, bei der Länder, deren Schulden sich der 90-Prozent-Marke nähern, von einem Feuerring umschlossen werden. Zeitungen drucken das Diagramm, Internetseiten verbreiten es um die Welt.

Nur eines scheint gegen den Verbrennungstod zu helfen: sparen, so hart und schnell wie möglich.

Griechenland kürzt das Kindergeld.

Spanien schafft ein Viertel der Krankenhausbetten ab, Notaufnahmen werden geschlossen.

Irland senkt den Mindestlohn und streicht jede zehnte Stelle im Staatsdienst, insgesamt 25.000 Jobs.

Portugal senkt die Bildungsausgaben auf das Niveau des Jahres 2001.

Einer der mächtigsten Akteure in der Euro-Krise ist der Rat der EU-Wirtschafts- und -Finanzminister, der Ecofin-Rat. Jedes Sparprogramm wird hier beschlossen. Am 13. Februar 2013 schickt der EU-Währungskommissar Olli Rehn den Ecofin-Ministern einen vier Seiten langen vertraulichen Brief, Kopien gehen an EZB-Präsident Mario Draghi und IWF-Direktorin Christine Lagarde. Der Brief liegt der ZEIT vor. Rehn, der von sich selbst sagt, Ökonomie sei nicht nur sein Job, sondern auch sein Hobby, setzt sich darin dafür ein, den harten Sparkurs beizubehalten, er schreibt: "Es beruht auf seriösen wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass, wenn die Staatsverschuldung auf über 90 Prozent steigt, dies einen negativen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung hat."

Am Nachmittag des 4. April 2013 sitzt Thomas Herndon wieder auf seinem Ledersofa, wieder mit dem Laptop auf dem Schoß. Reinhart und Rogoff haben auf seine erste E-Mail nicht geantwortet. Er hat ihnen zwei weitere E-Mails geschickt.

"Wir haben ganz andere Positionen vertreten"

Um 17.43 Uhr blinkt in Herndons Posteingang ein Name auf. Carmen Reinhart. "Lieber Thomas", schreibt sie, "im Anhang die Tabelle mit den Daten." Es handle sich um einen "SEHR einfachen" Rechengang. Sie habe nicht früher geantwortet, sorry, aber sie habe mit ihren eigenen Studenten schon genug zu tun.

Der Student stellt fest: Der Professor beherrscht Excel nicht

Herndon klickt auf den Anhang. Langsam baut sich das Tabellenkalkulationsprogramm Excel auf. Zeilen und Spalten voller Zahlen in verschiedenen Farben. Das Programm ist seit bald 25 Jahren auf dem Markt, es wurde immer wieder weiterentwickelt und verbessert. Mit wenigen Mausklicks lassen sich lange Zahlenreihen addieren, multiplizieren, zu komplizierten Gleichungen zusammenfügen. Es geht ganz schnell und sieht so einfach aus.

Herndon braucht ein paar Minuten, um sich zu orientieren. Reinhart und Rogoff haben die von ihnen analysierten Länder nach der Höhe ihrer Verschuldung gruppiert und dann jeweils die durchschnittliche Wachstumsrate ausgerechnet. Deutschland steht in Zeile 42 der Excel-Tabelle, Japan in Zeile 38. Herndon prüft die Zahlen. Gleich wird er feststellen, warum er nicht auf die 90 Prozent kam. Gleich wird er seinen Fehler finden.

Er findet ihn nicht. Aber etwas anderes kommt ihm merkwürdig vor. Die Daten für Australien, Belgien und Dänemark sind in Reinharts und Rogoffs Berechnung nicht enthalten, auch Kanada und Österreich fehlen. Es sieht aus, als ob... ja, tatsächlich, Reinhart und Rogoff haben wohl nicht alle Staaten angeklickt, bevor sie ihren Computer rechnen ließen. Ihre Analysegleichung berücksichtigt zwar die Zeilen 30 bis 44 der Excel-Tabelle, lässt aber die Zeilen 45 bis 49 aus.

Herndon findet eine weitere Ungenauigkeit. Bei den Daten für Neuseeland sind ausgerechnet jene Jahre nicht berücksichtigt, in denen die Wirtschaft des Landes trotz sehr hoher Schulden stark gewachsen ist. Das verfälscht den Durchschnittswert.

Herndon holt seine Freundin. Sie studiert Soziologie. Von Wirtschaft hat sie wenig Ahnung, aber mit dem Computerprogramm Excel kennt sie sich aus. Sie schaut sich die Tabellen an, vergleicht die Daten. Auch sie sieht die Fehler.

"Auf die Seite, auf die Seite, ich habe einen Notfall, auf die Seite!" Augustinos Mouzakitis rennt durch den Krankenhausflur, vor ihm im Bett liegt ein röchelnder Mann, Herzinfarkt, er droht zu sterben, aber Mouzakitis hat keinen Platz, dauernd muss er ausweichen, die Gänge sind voll, Betten stehen herum, leere, kaputte Betten, die niemand repariert, Betten mit Patienten, für die kein Zimmer da ist. Jeden Monat wird das Krankenhaus voller. Denn viele kleinere Kliniken in Athen wurden geschlossen. Mouzakitis kann den Fortgang der Wirtschaftskrise am Gedränge auf den Gängen ablesen.

Fast zwei Jahre sind vergangen seit Schäubles Rede im Bundestag, in Griechenland läuft das sechste Sparprogramm, oder ist es das siebte, das achte? Mouzakitis hat aufgehört mitzuzählen. Seine Frau hat noch immer keinen neuen Job. Arbeitslosengeld erhält sie schon lange nicht mehr, eine Grundsicherung wie in Deutschland die Sozialhilfe gibt es in Griechenland nicht.

Mouzakitis verdient nur noch 880 Euro im Monat, davon muss die Familie nun leben. Bei seinem Schwager hat er sich 400 Euro geliehen, seine Kreditkarte ist mit 1000 Euro belastet, jeden Monat fallen Zinsen an. Weil Griechenland spart, hat Mouzakitis jetzt Schulden.

Thomas Herndon spricht mit seinem Professor. Reinhart und Rogoff hätten sich verrechnet, sagt er, die Studie sei falsch. Der Professor hört ihm zu, runzelt die Stirn. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Student glaubt, er habe eine Koryphäe widerlegt. Rechnen Sie noch mal, sagt der Professor.

Herndon geht erneut die Tabellen durch, es bleibt, wie es ist. Vergessene Zahlen, Klickfehler. Später wird eine Zeitung schreiben, das Computerprogramm Excel verleite geradezu zu solchen Schludrigkeiten. Weil alles so einfach aussehe, sei die Verlockung groß, auf eine strenge Kontrolle zu verzichten.

Schon vor dem Fall Reinhart und Rogoff mussten mehrere Finanzunternehmen ihre Bilanzen wegen Excel-Fehlern korrigieren. Bei einem Investmentfonds vergaß ein Rechnungsprüfer ein Minuszeichen, als er Daten von einem Excel-Rechenblatt auf das andere übertrug – schon war der Wert um Milliarden Dollar gewachsen.

Am 17. April 2013 erscheint in der Financial Times ein Artikel, geschrieben von Thomas Herndons Professor und einem weiteren Ökonomen der Universität. Sie listen Rogoffs und Reinharts Fehler auf. Dann erläutern sie, was passiert, wenn man die Versäumnisse korrigiert: Die Zahl 90 verschwindet. Es gibt keine 90-Prozent-Schwelle mehr. Zwar ist in Ländern mit sehr hohen Staatsschulden das Wirtschaftswachstum tatsächlich etwas niedriger, aber der Unterschied ist zu gering, um eine eindeutige Aussage abzuleiten, außer dieser: Staatsschulden sind manchmal gefährlich und manchmal nicht. Bevor man ein Land zu massiven Sparmaßnahmen zwingt, sollte man lieber etwas genauer hinschauen.

Scharfe Kritik an der berühmten Rogoff-Studie, Wirtschaftspolitik mit Rechenfehler – so lauten jetzt die Überschriften der Zeitungen. Ein Wort für die Affäre um Reinhart und Rogoff ist schnell gefunden: Excelgate, in Anlehnung an den Watergate-Skandal der siebziger Jahre.

Thomas Herndon tritt in Radiosendungen und Fernsehshows auf, BBC und CNN berichten. Nur Rogoff schweigt. Journalisten rufen ihn an, auch die ZEIT versucht, ihn zum Gespräch zu bewegen, Rogoff antwortet nicht, niemandem, wochenlang, monatelang. Seine Kollegen in Harvard sagen, es gehe ihm nicht gut. Er bekomme Hassmails aus aller Welt, die Leute werfen ihm vor, er sei schuld an Arbeitslosigkeit und Armut.

Am 20. Mai 2013, fünf Wochen nach dem Bekanntwerden von Excelgate, veröffentlicht der Internationale Währungsfonds einen Bericht zur Lage in Griechenland. Mehrere Tage lang waren die IWF-Experten durch das Land gereist.

Der Text liest sich wie ein Schuldeingeständnis. Man habe die Wirkung der Sparmaßnahmen falsch eingeschätzt, steht da. Die griechische Wirtschaft erlebe eine "viel tiefere Rezession als erwartet", mit "außergewöhnlich hoher Arbeitslosigkeit".

Von neuer Stärke ist in Griechenland nichts zu bemerken. Das Land hat fast ein Viertel seiner Wirtschaftskraft verloren. Der IWF räumt ein, künftig müsse man mehr Rücksicht auf die individuelle Situation eines Landes nehmen.

Rogoff schweigt noch immer.

Der Weg zu seinem Büro führt an der Statue von John Harvard vorbei, dem Mäzen einer Schule, aus der später die berühmte Universität hervorging. Am Sockel der Statue prangt das Wappen, das überall in den Fakultäten und Instituten hängt: drei offene Bücher, auf jedem eine Silbe des lateinischen Wortes veritas. Wahrheit.

Auf einem dunkelbraunen Plastikschild neben einer abgewetzten Holztür steht "Kenneth Rogoff". Es ist ein Tag in der vergangenen Woche. Die Tür ist verschlossen, seine Assistentin im Büro nebenan sagt, Rogoff sei nicht da. Man solle ihm doch noch einmal eine E-Mail schreiben.

Also ein letzter Versuch: Man stehe auf dem Campus der Uni, ob er nicht doch reden wolle. Nach wenigen Minuten leuchtet Rogoffs Antwort im Posteingang auf. Eine Telefonnummer, ein Satz: "Rufen Sie mich an."

Es wird ein langes Telefonat, das erste Gespräch, das er mit einem Journalisten nach Bekanntwerden seines Fehlers führt.

Rogoff redet schnell, er ist aufgeregt, manchmal schreit er fast. Harte Wörter fallen. Er fühlt sich missverstanden.

Paul Ryan, der Republikaner? "Ich habe ihn nie unterstützt."

Der Sparkurs, für den er jetzt verantwortlich gemacht wird? "Wir haben ganz andere Positionen vertreten."

Rogoff verweist auf ein Interview mit der BBC, in dem er schon 2011 gesagt habe, dass die Sparpolitik in Südeuropa nicht durchzuhalten sei. Er erwähnt einen zweiten Aufsatz, den er und Reinhart im Jahr 2012 veröffentlicht hätten, darin hätten sie ihre Resultate erweitert – und eingeräumt, dass es keine 90-Prozent-Schwelle gebe, dass alles komplizierter sei. Schließlich sei es selbstverständlich, dass Wissenschaftler ihre Ergebnisse korrigieren, wenn sie neue Erkenntnisse haben.

Tatsächlich, man kann sie nachlesen, diese zweite Studie. Sie ist in einem Fachjournal erschienen, genau wie die erste, sie steht im Internet. Aber anders als die erste Studie hat sie die akademische Welt nie verlassen. Sie ist bei Rogoff geblieben, während die 90 hinausflog zu den Krisengipfeln und Parlamentsdebatten. Vielleicht liegt Rogoffs eigentlicher Fehler darin, dass er nicht versucht hat, die Zahl wieder einzufangen. Aus Scham. Oder aus Angst, seinen Ruf zu verlieren, den er am Ende doch nicht schützen konnte.

Es war, als ob die 90 Prozent eine Sehnsucht stillten. Die Sehnsucht nach einer Welt, in der es keinen Richtungsstreit, kein rechts oder links mehr gibt, sondern nur noch richtig und falsch, in der Politiker zu Ärzten werden, die, weltanschaulich neutral, ihre Therapien allein danach aussuchen, was hilft. Ärzte, die das höhenkranke Europa heilen.

Die Zahl ist weg. Die Krise ist noch da. Dafür hat Thomas Herndon, der Student, der nur eine Seminararbeit schreiben wollte, jetzt einen Wikipedia-Eintrag, in Amerika kommt er bei Google auf elf Millionen Treffer, fünfmal so viele wie sein Professor.

Mitarbeit: Ferry Batzoglou