türkische ProtesteWir sind so stolz auf euch

Deutschtürken wie ich schauen fasziniert auf die Demonstranten in Istanbul. Sie kämpfen für ein Leben, das uns selbstverständlich ist. von 

Ich habe die Türkei noch nie so geliebt wie in diesen Tagen.

Und wohl noch nie so verachtet. Die Proteste im Gezi-Park haben das schöne und das hässliche Gesicht der Türkei zum Vorschein gebracht. Und wir, die in Deutschland aufgewachsen sind, aber für immer mit der Türkei verbunden sein werden, schauen fasziniert hin. Das hier ist auch unsere Türkei.

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Ob Deutschtürken, Aleviten, Kurden – jeder von uns, der die Proteste, sagen wir: zugewandt verfolgt hat, kann seit Wochen nicht mehr ruhig schlafen. Tanten, Großeltern, Cousins, zurückgekehrte Eltern, Freunde, Kollegen, Bekannte leben dort; Menschen, die dieses Land zu einem besonderen für uns machen. Die Türkei ist uns näher als jemals zuvor. Wahrscheinlich auch jenen, die die Gezi-Bewegung skeptisch sehen. Aufgewühlt scheinen die meisten. Die Amtssprache der Deutschtürken, normalerweise eine Mischung aus Deutsch und Türkisch, wobei Deutsch definitiv dominiert, ist plötzlich Türkisch. Sogar für Leute, die es sonst meiden wie eine anstrengende Gymnastikübung. Es gibt nur noch ein Thema. Plötzlich kriegt man Zehntausende Türkischstämmige unterschiedlichster politischer Ausrichtung auf die Straße, so wie am vergangenen Wochenende in Köln. In meinem Bekanntenkreis, ob säkular oder fromm, ob die Proteste unterstützend oder kritisch hinterfragend, versuchen gerade viele, nach Istanbul zu kommen. Einfach, um irgendwie da zu sein.

Die Türkei ist nicht Ägypten

Ich, ein Kind türkischer Gastarbeiter, gehöre zu denen, die die Ereignisse zugewandt begleiten. Nicht weil ich denke, dass das ein "Türkischer Frühling" ist. Die Türkei ist nicht Ägypten oder Bahrain. Auch nicht deshalb, weil sich die Proteste gegen Premier Tayyip Erdoğan richten – vor allem in den ersten Jahren seiner Regierung hat sich die Türkei Themen gegenüber geöffnet, die lange niemand anfassen wollte. Rechten von Minderheiten beispielsweise. Zuletzt brachte er Gespräche mit den Kurden auf den Weg (auch wenn sich der Premierminister davon verspricht, dass ihm die Kurden dabei helfen, 2014 Staatspräsident zu werden).

Es geht um etwas anderes: um ureuropäische Werte. Selbstbestimmung, Sicherheit, Bürgerrechte. Und für mich gehört die Türkei nun einmal zu Europa. Es gibt viele, die so denken. Die seit Wochen nichts anderes machen, als Protestbriefe und Informationsflyer zu verfassen, Diskussionsrunden zu veranstalten oder Solidaritätsdemonstrationen zu organisieren. Ständig Nachrichten und Erzählungen aus der Türkei auf Twitter und Facebook ins Deutsche zu übersetzen.

Es geht um europäische Innenpolitik

Plötzlich stellen wir Deutschtürken fest, dass jene, die die Proteste auf dem Taksim-Platz intellektuell anführen und so viele mitreißen konnten, uns ähnlicher sind, als wir jemals gedacht haben. Als wir jemals bei unseren privaten oder beruflichen Reisen in die Türkei geahnt hätten. Sie wollen das, was wir in Deutschland recht leicht bekommen haben: ein europäisches Leben. Uns fiel dieses Leben zu, weil unsere Eltern die Türkei verlassen haben. Vielleicht spürt der eine oder andere deshalb sein schlechtes Gewissen, fühlt zumindest eine Verantwortung und will etwas tun. Irgendetwas. Denn während wir dieses europäische Leben durch eine Entscheidung unserer Eltern, die ihnen und uns lange wehtat, einfach so bekommen haben, zeigen unsere Altersgenossen in der Türkei, was es heißt, sich dieses Leben zu erobern – und zwar ohne die Werte des eigenen Landes oder den Stolz darauf zu verleugnen. Deshalb das rote Fahnenmeer bei den Demonstrationen, deshalb das Konterfei des Staatsgründers Atatürk überall. Deshalb die kleinen Zeltmoscheen im Gezi-Park.

Die Türken in der Türkei haben die Türken in Deutschland politisiert, und dabei geht es nicht um türkische Innenpolitik, sondern um europäische. "Wir können uns zur Türkei, zu diesem Teil der Türkei bekennen, ohne uns von irgendwelchen Sarrazins nach unser ›Integrationsbereitschaft‹ ausfragen lassen zu müssen", schrieb mein Kollege Deniz Yücel von der tageszeitung. Genau so ist es. Es ist ein Gefühl, das sagt: Sieh her, Deutschland, es läuft viel schief in der Türkei, es gibt Tote zu beklagen, und wenn junge Menschen von der Polizei festgenommen werden, schreien sie laut ihre Namen hinaus, weil sie Angst haben, lange festgehalten zu werden – aber es gibt eine europäische Türkei!

Leserkommentare
  1. "Sie kämpfen für ein Leben, das uns selbstverständlich ist“

    http://www.sueddeutsche.d...

    4 Leserempfehlungen
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    Deine Zitate könnte ich unterstützen. Aber dein Link ist völlig fehl am Platz!

    Anstatt auf das Fehlverhalten von Biodeutschen zu verlinken, hättest du auch Sarrazin zitieren können!

    Dafür kann ich keine Zustimmung geben!

  2. Aber: Dann besorgt doch bitte die Bevölkerung in der Türkei die die Regierung und die Politik in der Türkei wählt, die zu Europa gehören.
    Bisher gibt es das Beides dort nicht in der Zusammenfassung, die es den Europäern erlaubt, die Türkei mit bestem Bedacht in ihren Reihen zu begrüßen.
    In Europa wird Politik gemacht, nicht Religion, die Politik macht.
    Bringt das bitte in die Türkei - und unter die, die auch hier leben und das nicht begreifen wollen/können.
    [...]
    Weil Machtmenschen, wie die nationalistischen Türken (nicht "die Türken"!) und ihr Führer/Sultan die Rechte aufnehmen und sich dieser Rechte bedienen um die Rechte Aller zu zerstören - im Namen ihrer Religion, der alle Rechte gehören.
    Denkt europäisch, werdet europäisch und bewahrt Europa vor Nationalisten und Ultra-Religiösen - und das ist derzeit noch die Türkei, die nicht zu und nach Europa gehört!

    Gekürzt/ds

    6 Leserempfehlungen
    • ZPH
    • 28. Juni 2013 16:53 Uhr

    tatsächlich auch um ein gutes Stück zum Guten verbessert. Aber noch regiert ja Erdoğan mit seinem nationalistischen Denken und der kann damit schon ziemlich, sagen wir mal, irritieren. Und wegen ihm haben einige europäische Staaten nochmal die Verhandlungen auf Eis gelegt, nicht wegen derjenigen, die gegen ihn protestiert haben.

    7 Leserempfehlungen
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    Als Biodeutscher könnte mir die Türkei vollkommen egal sein, weil so vieles wie Erdogan gegen sie spricht. Aber man muss schon blind sein, wenn man nicht die türkische Bewegung zu Menschenrechten und rechtsstaatlicher Demokratie erkennt!

    Özlem Topcu hat im langen Artikel darauf verzichtet, Gräben aufzureißen. Sie verzichtete darauf die Positionen deutscher Parteien zu beschreiben, wenngleich sie einmal Merkels Haltung kritisieren ließ.

    Der Vorsitzende der deutsch-türkischen Gemeinde in NRW sagte im WDR, dass die Zustimmung sogar innerhalb von Familien wechselt, weshalb die Gemeinde nur zum Dialog aufrufen könne. Was anderes kann man erwarten?

    Ich wünschte mir, dass Deutschtürken eher Grün statt Schwarz wählen, weil die Grünen früh vor Ort waren. Cem Özdemir war früh in der Türkei und führte Gespräche. Wahrscheinlich im Sinne von Menschenrechten, aber das wurde nicht öffentlich. Die österreichische grüne Frau Korun war vor Ort. Und Claudia Roth hat sich ihre „Ladung Tränengas abgeholt“, weil sie sich selbst informiert und für Menschenrechte einsteht!

    Aber Grüne lassen Andersdenkenden wie den Anhängern von Erdogan die FREIE Wahl, weil das ein MENSCHENRECHT ist!

    Nur in Europa kann man Menschenrechte einklagen! Der EuGHMR urteilt über die EMRK! Das gibt es auf KEINEM ANDEREN Kontinent!

    Wir sollten Stolz auf alle Menschen sein, die für die UNIVERSALEN MENSCHENRECHTE eintreten!

  3. könnte man meinen die Mehrheit, der in Europa lebenden Türken, unterstützt die Protestierenden. Hier muss man festhalten, dass dem ganz klar nicht so ist. Zumindest nicht hier in Wien, als sich am letzten Wochenende etwa 100 Gezipark-Unterstützer 8000 Pro-Erdogan Demonstranten gegenüber sahen.
    Die Gründe hierfür sollen anderswo diskutiert werden. Sie müssen es sogar. Dieser Artikel aber dreht die Zahlen um und schafft dadurch eine eigene, sehr blumige Realität.

    18 Leserempfehlungen
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    Natürlich gab es eine Demo von etwa 8.000 Austriatürken für Erdogan. Dagegen standen laut Standard aber nicht 100 sondern 600 Austriatürken, was immer noch wenig ist. Ich wies im Standard darauf hin, das sich am gleichen Wochenende in Köln etwa 30.000 bis 40.000 Demonstranten GEGEN Erdogan versammelten.

    Dennoch ist das österreichische Forum durchsetzt von Menschen, die Austriatürken eher heute als morgen ausweisen wollen, obwohl der Standard eher links und liberal orientiert ist. Na ja, Foren kann man kapern!

    Ich sehe selbst die Probleme für einen EU-Beitritt der Türkei. Die Türkei hat in 8 Jahren gerade 1 von 35 Kapitel abschließen können. Wenn das so weiter geht, brauchen sie 280 Jahre bis sie die Kriterien der EU erfüllen. Und dann kommt das Eingeständnis historischer Schuld wie den Genozid an den Armeniern. Und noch so vieles ...

    Aber wenn es EINEN Grund für weitere Verhandlungen gibt, dann sind es die Demonstranten, die meinem Bedürfnis nach Bürgerrechten, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit so nahe kommen!

    Die deutsche Friedensbewegung machte Trainingscamps, um bei ihren Sit-Ins friedlicher zu bleiben als die professionelle Polizei.

    In der Türkei steht ein Mann still auf dem Taksim und schaut auf vor sich hin. Und plötzlich machen es ihm viele Menschen nach! Diese Menschen sind mir näher als die „blauen“ (FPÖ) Österreicher!

    Ich mag friedliche Demokraten mehr als diskriminierende Mehrheiten!

    • hakeen
    • 29. Juni 2013 8:21 Uhr

    Leute in Wien....
    Es war 2 Tage früher als die AKP Kundegebung mit ca 8000 Leute (viele wurden durch Busse aus anderen Städte abgeholt und in Wien gebracht, typische AKP Organization)...

    • Sven77
    • 28. Juni 2013 17:11 Uhr

    Jetzt stören Sie doch bitte die Wunschträume des Autors nicht mit Fakten ;-)

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