Morgens um vier dringen sie in die Wohnung ein. Zwanzig Polizisten in Zivil stürmen in die drei Zimmer, holen Mustafa Saygili und seine Eltern aus den Betten, reißen Schränke und Schubladen auf. Sie nehmen sich Disketten, Bücher, Notizblocks mit. Weitere Beamte umstellen das fünfstöckige Wohnhaus im Istanbuler Stadtteil Kartal. Der 21-jährige Student Mustafa Saygili hat nur wenige Minuten, um in seine Hosen zu schlüpfen, dann sitzt er schon im Polizeiwagen einer Anti-Terror-Einheit in Richtung Metis-Gefängnis. Er ist nur einer von vielen.

Eine massive Verhaftungswelle geht über die Türkei hinweg. Nach der Auflösung der Proteste auf dem Taksim-Platz am vergangenen Wochenende fahnden die Ermittler in vielen Städten nach den Anführern. Allein in Istanbul wurden im Juni fast tausend Menschen festgenommen.

Mit dunkler Sonnenbrille im Gesicht hat Ministerpräsident Tayyip Erdoğan zu Wochenbeginn die Arbeit der Polizei als "heroisch" gepriesen. Großartig seien die Gas- und Knüppeleinsätze gegen das "Lumpenpack" im Gezi-Park gewesen. Vorbildlich arbeiteten die staatlichen Behörden, um die "Drahtzieher" zur Rechenschaft zu ziehen. Erdoğan will die Proteste in Istanbul und über 80 Städten der Türkei ein für alle Mal ersticken. Wie, das erzählen Anwälte und Angehörige von Verhafteten.

Mustafa war nur zwei Tage im Metis-Gefängnis, berichtet sein Vater Kamber Saygili. Dann wurde er in die "Typ F"-Sonderhaftanstalt in Tekirdag verlegt, wo auch mutmaßliche Terroristen sitzen. Warum der 21-jährige Student dort landete, ist unklar. "Auf den Demonstrationen im Gezi-Park war er nie an vorderster Front", sagt der Vater. Er, ein Linker und eingefleischter Erdoğan-Kritiker, war in den vergangenen Wochen mit seinem Sohn und auch seiner Frau auf dem Taksim-Platz. Mustafa hatte an zwei ruhigen Nächten im Gezi-Park übernachtet, tagsüber demonstrierte er, doch den Polizisten wich er aus. Er musste sich vor dem Tränengas in Acht nehmen, weil er an Asthma leidet. Die Polizei aber zeigte ihm ein Foto, auf dem er mit einer Flasche in der Hand abgebildet war. Darin sei Essig gegen Reizgas gewesen, sagt Kamber Saygili. Die Polizei aber behauptete, es handele sich um einen Brandsatz. Das reichte für die Verlegung in das Sondergefängnis. Seitdem hat er seinen Sohn nicht mehr sehen können.

Für Mustafa arbeiten nun Juristen vom Istanbuler "Bund fortschrittlicher Rechtsanwälte", die nicht nur Betroffene vertreten, sondern das staatliche Vorgehen dokumentieren. Vom 31. Mai, dem Beginn der Proteste in der Türkei, bis Anfang dieser Woche hat die Polizei allein in Istanbul 911 Menschen verhaftet. 145 davon wurden von Anti-Terror-Einheiten festgesetzt. 70 Menschen wurden in ihren Wohnungen aufgegriffen. Viele Festgenommene sind inzwischen wieder auf freiem Fuß, müssen aber demnächst mit strafrechtlichen Verfahren rechnen. Derzeit sitzen 33 meist junge Istanbuler in Haft und warten wie Mustafa Saygili auf die Anklageschrift und den Prozessbeginn. Am Dienstag gab es eine weitere Verhaftungswelle in Ankara, bei der mindestens 20 Menschen wegen angeblich terroristischer Aktivitäten abgeführt wurden.

Es gibt viele Gerüchte von Misshandlungen. "Doch die passieren eher bei der Verhaftung oder auf dem Weg zum Gefängnis, wenn die Polizei den Knüppel herausholt", sagt die Anwältin Ceren Uysal, die Demonstranten verteidigt. Im Gefängnis selbst käme es selten zu physischer Gewalt. So viel haben die von der EU geforderten Reformen unter Erdoğan und seinen Vorgängern im Strafvollzug dann doch bewirkt.

Heute werde subtiler gearbeitet, sagt Uysal, bisweilen mit Schlafentzug oder verschlossenen Toiletten. Maximal vier Tage lang kann die Polizei Festgenommene ohne Haftbefehl hinter Gittern halten. Für Uysal beginnt das größte Problem, wenn der Haftbefehl erst einmal ausgestellt ist: Dann können die Betroffenen "für unbegrenzte Zeit im Untersuchungsgefängnis sitzen, ohne je ihre Anklageschrift zu sehen".