Zwei kurze Briefe hat Anton Schmid hinterlassen, nichts Schriftliches sonst; verfasst hat er sie kurz vor seiner Hinrichtung. "Ich will Dir noch mitteilen, wie das ganze kam", schreibt er am 9. April 1942 an seine Frau: "Hier waren sehr viele Juden, die vom litauischen Militär zusammengetrieben und auf einer Wiese außerhalb der Stadt erschossen wurden, immer so 2000–3000 Menschen. Die Kinder haben sie auf dem Wege gleich an die Bäume angeschlagen – kannst Du Dir das vorstellen?"

Vier Tage nachdem er diese Zeilen zu Papier gebracht hat, wird Anton Schmid, 42 Jahre alt, auf einem Gefängnishof in Wilna zusammen mit sechs weiteren Soldaten der Wehrmacht von einem Exekutionskommando niedergeschossen. In den Monaten zuvor hat er versucht, so viele Juden wie möglich vor der deutschen Vernichtungsmaschinerie zu retten. 100 bis 350 entkamen mit Schmids Hilfe aus dem Wilnaer Ghetto. Und sie bewahrten das Andenken an ihn. Ihre Erinnerungen sind fast die einzige Quelle, über die verfügt, wer von Anton Schmid berichten will. Der Freiburger Historiker Wolfram Wette hat es trotzdem gewagt.

Sein Buch ist gleichwohl keine Biografie, dazu fehlt ihm das Material. Der schmale Band zeichnet vielmehr aus wechselnden Perspektiven das tiefenscharfe Bild einer historischen Situation – der acht Monate von September 1941 bis April 1942, in denen der bescheidene Feldwebel aus Wien im litauischen Wilna zu einem Helden wurde, den nicht wenige Überlebende später wie einen Heiligen verehrten.

Das Morden beginnt sofort nach dem Einmarsch der Wehrmacht

Der Name Anton Schmid drang dabei erstmals 1961 während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem an eine breite Öffentlichkeit. Abba Kovner, führender Kopf des jüdischen Widerstands in Wilna, berichtete damals den staunenden, berührten Zuhörern von ihm. "Und in diesen zwei Minuten, die wie ein plötzlicher Lichtstrahl inmitten dichter, undurchdringlicher Finsternis waren", schrieb später Hannah Arendt, "zeichnete ein einziger Gedanke sich ab, klar, unwiderlegbar, unbezweifelbar: wie vollkommen anders alles heute wäre, in diesem Gerichtssaal, in Israel, in Deutschland, in ganz Europa, vielleicht in allen Ländern der Welt, wenn es mehr solche Geschichten zu erzählen gäbe."

Am 24. Juni 1941 erobert die Wehrmacht das etwas mehr als 200.000 Einwohner zählende Wilna. Rund 60.000 von ihnen sind Juden. Die Stadt gilt als "Jerusalem des Ostens", ein Zentrum jüdischen Lebens seit Jahrhunderten. Zwischen 1922 und 1939 gehörte sie zu Polen; nach dem Hitler-Stalin-Pakt marschierte die Rote Armee ein. Für viele Juden, die unter dem polnischen Antisemitismus zu leiden hatten, begann nun eine kurze Phase der Emanzipation. Vor allem die Litauer aber, die nur zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, erlebten die Sowjetherrschaft als Besatzung. Die Juden galten ihnen nicht selten als Profiteure des neuen Regimes. Viele Litauer heißen die Deutschen daher als Befreier willkommen. Sie kooperieren mit den neuen Herren und machen sich zu willigen Vollstreckern des nationalsozialistischen Vernichtungsantisemitismus.

Das Morden beginnt sofort. Am 8. Juli 1941 sind 321 Wilnaer Juden tot. In den Monaten danach erschießen die deutschen Besatzer und ihre litauischen Mordgehilfen täglich bis zu 500 Juden an den Todesgruben von Ponary außerhalb der Stadt. Anfang September, als Anton Schmid in Wilna eintrifft, beträgt die Zahl der Opfer bereits 12.000.

Unmittelbar nach seiner Ankunft erlebt der Feldwebel aus Wien die Ghettoisierung der verbliebenen Juden, und immer wieder sieht er die Kolonnen wehrloser Kinder, Frauen und Männer, die durch die Stadt getrieben werden, hinaus nach Ponary. 3300 Tote zählt die Mordstatistik allein für die Tage vom 10. bis zum 12. September. Dann, Mitte November 1941, halten die Schlächter inne. Von den rund 60.000 Wilnaer Juden sind noch 20.000 am Leben – 5000 sind untergetaucht, 15.000 haben die Deutschen im Ghetto zusammengepfercht. Ein Zielkonflikt in der deutschen Eroberungspolitik hält sie als "Arbeitsjuden" vorübergehend am Leben, denn der Ostfeldzug lässt sich anders als erwartet nicht als "Blitzkrieg" führen. Die deutsche Kriegswirtschaft benötigt Sklaven, und so wird die längst in Gang gesetzte "Endlösung" aufgeschoben – zum Verdruss ehrgeiziger Massenmörder wie Karl Jäger, des Kommandeurs der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Kaunas, der die Mordpolitik in ganz Litauen verantwortet und Ende 1941 bedauernd schreibt: "Diese Arbeitsjuden inkl. ihrer Familien wollte ich ebenfalls umlegen, was mir jedoch [eine] scharfe Kampfansage der Zivilverwaltung [...] und der Wehrmacht eintrug".

Anton Schmid hingegen erkennt eine Chance, Leben zu retten. Er leitet in Wilna die Versprengten-Sammelstelle: Hier müssen sich Wehrmachtsoldaten melden, die den Kontakt zu ihrer Truppe verloren haben. In den angegliederten Werkstätten beschäftigt Schmid vom Spätherbst 1941 an dreimal mehr Juden als nötig: Statt 50 sind hier unter seiner Aufsicht 140 bis 150 Zwangsarbeitskräfte aus dem Ghetto tätig. Doch seine Geschichte als Retter begann schon früher, kurz nach seinem Eintreffen in Wilna – mit Max Salinger und Luisa Emaitisaite.

Wie Schmid Max Salinger traf, ist nicht überliefert. Der junge Mann, verfolgt als Jude, hat den Feldwebel wohl um Hilfe gebeten. Schmid nimmt ihn in der Sammelstelle auf, gibt ihm das Soldbuch eines gefallenen Deutschen und eine Wehrmachtuniform. Auch Luisa Emaitisaite, eine Wilnaer Jüdin, wendet sich in einem Moment größter Verzweiflung an den Richtigen, ohne dass sie und ohne dass dieser selbst es in diesem Moment ahnt. An einem Abend im September 1941 verpasst sie die Sperrstunde, ist nicht rechtzeitig zurück im Ghetto. Sie versteckt sich zunächst in einem Hauseingang. In Todesangst spricht sie dann einen Wehrmachtsoldaten an. Der nimmt sie mit, statt sie auszuliefern. Aus einem spontanen Impuls heraus wird Schmid erneut zum Lebensretter. Er denkt nicht viel nach. Er versteckt die junge Frau und besorgt ihr neue Papiere. Mithilfe eines Paters des Wilnaer Klosters Ostra Brama macht er sie auf dem Papier zu einer Katholikin.

Die Fluchthilfe für Juden aus dem Ghetto wird ihm zum Verhängnis

Wolfram Wette schildert Schmids Handeln mit großer Empathie und mit quellenkritischer Distanz zugleich. In einer Art Ausschlussverfahren versucht er, die kursierenden Legenden über Schmid – beispielsweise als ein Robin Hood des Wilnaer Ghettos, der Waffen der Wehrmacht zu den Widerstandskämpfern geschmuggelt habe – auf ihren wahren Kern zu reduzieren. Wette will zeigen, welche Handlungsspielräume auch ein einfacher Soldat hatte, ein Jedermann, der Augen und Herz nicht verschloss, während andere mitmachten und auch nach 1945 nichts gesehen, nichts gewusst haben wollten.

Anton Schmid sah und wusste. Bald organisiert er Fluchttransporte mit den zwei Lkw, die ihm in seiner Dienststelle zur Verfügung stehen, bald trifft sich der jüdische Ghettowiderstand in seiner Wohnung. Schmid wird tollkühn aus Nächstenliebe. Er kann einfach nicht Nein sagen, wo es ihm die Menschlichkeit gebietet. "Da ließ ich mich überreden, Du weißt ja, wie mir ist mit meinem weichen Herzen", schreibt er kurz vor seinem Tod an seine Frau. Die Fluchthilfe für Bewohner des Wilnaer Ghettos, auf die er hier anspielt, geriet ihm zum Verhängnis.

Wettes Erzählverfahren gleicht dem eines Porträtisten, der das Blatt von den Rändern her füllt – mit Szenen, Details, historischem Hintergrund – und eine recht exakte Umrisszeichnung des Porträtierten in der Mitte frei lässt. En passant präsentiert er dabei die jüngsten Ergebnisse der Täter- und Widerstandsforschung und skizziert, wie der Holocaust in Litauen und andernorts lange vor der berüchtigten Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 begann. Wichtiges Material liefern ihm dafür nicht zuletzt die Forschungen des Historikers Christoph Dieckmann, der für seine wegweisende Studie Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944 (Wallstein Verlag, Göttingen 2011; 1606 S., 79,– €) im vergangenen Jahr als erster Deutscher den Yad Vashem Book Prize erhalten hat.

Was Wette über Schmid selbst erzählen kann, stammt im Wesentlichen aus einer Quelle: aus den Werken und dem Nachlass des 2001 verstorbenen jüdischen Schriftstellers Hermann Adler, der, gemeinsam mit seiner Frau Anita, mehrere Monate versteckt in Schmids Dienstwohnung lebte und in jenen Monaten sein engster Vertrauter war. Und so beschreibt der Schriftsteller seinen Freund und Retter: Er war "schlank, hochgewachsen, hatte braune Haare, einen Schnurrbart, sah Hitler ähnlich, ein Sportstyp". Oft habe er, gerade 40-jährig, schon "wie ein Fünfzigjähriger ausgesehen". Ein "einfacher Feldwebel" sei Schmid gewesen, "schlicht und treuherzig", ein im Reden und Denken "einförmiger und gesellschaftlich ungeschickter Mann". "Er war nicht religiös, er war kein Philosoph. Er las keine Zeitung [und] Bücher schon gar nicht. Er war kein geistiger Mensch." – "Schmid war ein Anti-Nazi", resümiert Wette, "aber wahrscheinlich nicht in erster Linie aus politischen Erwägungen heraus, sondern eher gefühlsmäßig, weil er mit unverstelltem Blick und einfühlender Wahrnehmung die Judenverfolgung beobachtete und aus seiner humanen Grundhaltung heraus ablehnte."

Sein Anton-Schmid-Buch bildet damit das Gegenstück zu seiner biografischen Studie über den SS-Mann Karl Jäger (Karl Jäger. Mörder der litauischen Juden; Fischer Taschenbuch, Frankfurt/Main 2011; 288 S., 9,99 €), in der er beschreibt, wie ein "ganz normaler Mann" zum Täter wurde und mit peniblem Stolz Buch führte über den von ihm dirigierten Massenmord an mehr als 200.000 litauischen Juden. Indem Wette weder den Täter zur Bestie stilisiert noch den Feldwebel Schmid zur übermenschlichen Ausnahmegestalt erhebt, zielt er auf eine grundsätzliche Frage: Welche Wege führen zu mörderischer Komplizenschaft, welche in den Widerstand?

Zu Schmids Geschichte gehört ihr finsteres Ende. Ein Todesurteil wegen Judenrettung war, wie Wette zeigen kann, "ein echter Ausnahmefall". Mit welcher Begründung Anton Schmid zum Tode verurteilt wurde, ist nicht bekannt; die Gerichtsakten existieren nicht mehr. Vermutlich aber deutete man sein Verhalten in "Feindesbegünstigung" und "Kriegsverrat" um. Juden zu retten war kein militärgerichtlicher Straftatbestand: Schmid hatte etwas getan, was nach geltendem Unrecht für einen deutschen Uniformträger so undenkbar war, dass es nicht einmal als Vergehen definiert wurde.

"Meine liebe Stefi und Gertha, [...] bitte verzeiht mir", schreibt Schmid an Frau und Tochter, nachdem das Urteil ergangen ist. "Ich habe nur als Mensch gehandelt und wollte ja niemandem weh tun. Wenn Ihr, meine Lieben, das Schreiben in Euren Händen habt, dann bin ich nicht mehr auf Erden, [...] aber eines seid gewiß, daß wir uns einstens wiedersehen in einer besseren Welt". Mit demselben selbstverständlichen Gottvertrauen, mit dem er andere vor dem sicheren Tod bewahrt hat, tritt Schmid vor seine Henker. Ein ganz gewöhnlicher, ein ganz außergewöhnlicher Mann.