Fabian Weiß"Die Kinder haben sich gefreut, dass ich ihnen zuhöre"

Der Fotograf Fabian Weiß erzählt, was ihn zu seinem Projekt "Wolfskinder" bewegt hat – und wie er Zugang zu den schwierigen Jugendlichen fand von 

DIE ZEIT: Die Jugendlichen, die Sie porträtiert haben, kommen alle aus schwierigen familiären Verhältnissen. Wie haben Sie ihr Vertrauen gewinnen können?

Fabian Weiß: Wenn ich einmal vor Ort war, habe ich fast immer recht schnell Zugang zu den Jugendlichen bekommen. Ich habe alle mindestens einen Tag, viele aber länger begleitet und einfach ihren Alltag geteilt. Einer der Jungen war ganz begeistert von Pferden. Ich saß vorher noch nie auf einem Pony – und er war ganz stolz, mir das zeigen zu können. Diesen Kindern fehlt es ja oft genau an dieser emotionalen Aufmerksamkeit. Sie haben in ihrem bisherigen Leben wenig Liebe und Zuneigung erfahren.

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ZEIT: Gab es auch Momente, in denen die Jugendlichen keine Lust hatten, fotografiert zu werden?

Weiß: Manchmal, wenn sie etwas getan haben, was sie nicht durften, zum Beispiel geraucht oder ferngesehen haben, wollten sie nicht, dass ich Fotos mache. Sonst haben sie sich gefreut, dass ich ihnen zuhöre – und mich ganz auf sie konzentriere. Einer der Jugendlichen hat immer schon Tage vorher seinen Betreuern erzählt, dass bald sein Fotograf aus London kommt.

ZEIT: Was hat Sie an diesen Jugendlichen interessiert?

Fabian Weiß

hat in London Fotojournalismus studiert. Er lebt in Estland.

Weiß: In der Zeitung habe ich immer wieder von Kindern gelesen, die von der Jugendhilfe betreut werden. Meistens waren das sehr negative und traurige Geschichten. Ich wollte herausfinden, wie es diesen Kindern geht, wovon sie träumen, was sie bewegt. Vor allem wollte ich mit den Bildern zeigen, dass diese Jugendliche ganz normale Jugendliche sind, die aber aufgrund ihrer Biografie, ihrer Geschichte, ihres familiären Backgrounds besondere Aufmerksamkeit brauchen. Mir war es wichtig, den Menschen zu zeigen – und nicht das problematische Heimkind. Außerdem hat mich interessiert, was es in Deutschland für Möglichkeiten gibt, solche Jugendliche aufzufangen.

ZEIT: Ihre Fotoserie heißt "Wolfskinder". Damit wurden im 14. und 15. Jahrhundert Kinder bezeichnet, die ohne ihre Eltern bei Wölfen im Wald aufwuchsen. Wie sind Sie auf diesen Titel gekommen?

Weiß: Auch diese Kinder leben ohne ihre Eltern – die Jugendhilfe versucht zum Teil ja ganz bewusst, sie von ihren Eltern und von ihren Freunden zu isolieren. Meistens ist ihre Umwelt ein Teil oder auch der Ursprung ihrer Probleme, weil hier ziemlich viel schiefläuft oder -gelaufen ist. Bei manchen Programmen der Jugendhilfe werden die Kinder bewusst in die Natur gebracht, sie leben auf dem Land, abseits der großen Städte. Manche Einrichtungen arbeiten mit Tieren. Teilweise werden die Jugendlichen auch in andere Länder zu Pflegefamilien geschickt, um sie komplett aus ihrem alten Umfeld rauszulösen – als letzte Chance. Weil sie sonst, wenn sie in Deutschland bleiben würden, sofort wieder abhauen würden. Die Jugendlichen sollen so, in ihrem neuen Umfeld, geerdet werden. Natürlich ist das auch umstritten, da die Kontrolle der Einrichtungen im Ausland nicht so leicht ist.

ZEIT: In den letzten Jahren wurde die Arbeit des Jugendamtes immer wieder kritisiert, weil Kinder zu spät aus ihren Familien geholt wurden.

Weiß: Es ist eine schwierige Entscheidung für die Mitarbeiter des Jugendamtes, wann sie die Kinder von ihren Eltern trennen. Man möchte sie nicht zu schnell aus ihren Familien reißen, aber auch nicht zu spät handeln. Schwierig ist dann auch die Entscheidung, welche Einrichtung für das jeweilige Kind die beste ist. Das Heim, eine Pflegefamilie oder auch eine geschlossene Anstalt? Einer der Jugendlichen ist zum Beispiel mit sieben Vorstrafen in ein Heim gekommen. Nach einem halben Jahr waren es 39. Manchmal potenzieren sich die Straftaten, weil in den Heimen viele Kinder mit Problemen zusammenleben.

ZEIT: War Ihre Arbeit nicht auch sehr deprimierend?

Weiß: Alle Geschichten haben mich natürlich auf unterschiedliche Art und Weise berührt – und auch noch länger beschäftigt. Manchmal waren es nur Kleinigkeiten. Ein Junge, der in einer Pflegefamilie lebt, hat immer wieder gesagt, dass er seine leiblichen Eltern gar nicht braucht und dass er auch ohne sie klarkommt. Er wollte nie Gefühle zeigen. Dabei war klar, wie sehr er seine Eltern vermisst und dass er mit den Jahren um sich herum einfach einen Panzer aufgebaut hat. Auf der anderen Seite gab es auch positive Geschichten. Einer der Teenager hat die ganze Zeit von seinem Sohn in Portugal erzählt und seiner Freundin dort. Beide haben ihn jeden Tag angespornt, das Programm durchzuziehen.

ZEIT: Haben Sie jetzt noch Kontakt zu den Jugendlichen?

Weiß: Zu manchen. Eine hat mir neulich geschrieben. Sie ist lesbisch, und ihre muslimischen Eltern konnten das nicht akzeptieren. Sie lebt jetzt in einer betreuten Wohngruppe in ihrem Heimatort und ist mit ihrer Freundin zusammen und glücklich.

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Leserkommentare
  1. "Auch der Umgang mit Tieren hlft dabei" (beim Neuanfang nämlich), erläutert die Bildunterschrift.

    Darüber ein Foto, auf dem ein Jugendlicher, dessen Kopf nicht zu sehen ist, einen offenbar gerade noch lebenden Fisch am Schwanz nach unten hält, während daneben ein anderen Jugendlicher, eine Zigarette in der Hand sich vorbeugt, um dem Fisch beim Sterben ins Augen sehen zu können.

    Ist das die Art von Umgang mit Tieren, die Autor, Fotograf als Jugendlichen vermitteln - Tieren gleichgültig, ohne jede Empathie, die Zigarette in der Hand, beim Leiden und Sterben zuzusehen?

    Wäre es nicht sinnvoller, Jugendlichen ein Gefühl für das Leiden anderer zu vermitteln, sei es Fisch, Säugetier oder Mensch?

    Wer einen Fisch gleichgültig sterben läßt, tritt auch bei einem leidenen Hund noch einmal nach. Oder bei einem sterbenden Jugendlichen nachts auf dem Alexanderplatz.

    Nicht als ob Tiere nicht auch um ihrer selbst willen Schutz und Wahrung ihrer Rechte und Würde verdient hätten: aber es ist nachgewiesen, dass die meisten Menschen, die andere Menschen quälen und töten, zurvor Tiere gequält haben,

    Jugendlichen Gleichgültigkeit gegen das Leiden anderer zu vermitteln und dies auch noch als Musterprojekt zu bejubeln ist wirklich das Letzte, was ich von der ZEIT erwartet hätte.

    5 Leserempfehlungen
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    "Wer einen Fisch gleichgültig sterben läßt, tritt auch bei einem leidenen Hund noch einmal nach."
    - das trifft in den allermeisten Fällen NICHT zu.

    "... Oder bei einem sterbenden Jugendlichen nachts auf dem Alexanderplatz."
    - das trifft noch in viel weniger Fällen zu.

    Bei der Jugendarbeit geht es um ein umfangreiches Projekt, dass man nicht anhand einer Momentaufnahme zerpflücken kann, so wie Sie das hier mit völlig überzogenen Schlussfolgerungen zu tun versuchen.

    Ihre Tierliebe in allen Ehren, aber dass jemand kein Mitleid mit Fischen empfindet, bedeutet nicht, dass er auch für Menschen keins übrig hat. Ich finde Ihren Kommentar befremdlich. Diese Jugendliche haben echte Probleme und ein schwieriges Leben vor sich. Um die geht es hier, nicht um irgendwelche Fische, deren Leid wenn's gerade passt von Wohnzimmerphilosophen bejammert wird, bevor sie dann im Restaurant auf ihren Tellern landen.

    • mio
    • 07. Juli 2013 19:35 Uhr

    Muss über die Aufregung um das Bild mit Fisch ein wenig schmunzeln. Beim nächsten Angelausflug werde ich auf Fotos weinen, damit nicht der Verdacht aufkommt, ich könne einem Menschen gleichgültig den Kopf eintreten.

    Die Methodik, die Kinder aus ihrem Umfeld (ich denke vor allem Städte) herauszuholen und in die Natur zu schicken, ist gut. Hier wird nun evtl. selbst geangelt und zubereitet. Das schafft eine Aufgabe, Verantwortung und auch Überwindung. Und selbstverständlich auch Interesse, sich mal so einen Fisch anzusehen. Das ist doch völlig normal.

  2. Da werden einige Dinge benannt, die ich so nicht unterschreiben würde. Der Erstkommentator hat einiges davon niedergelegt.
    Und: Wolfskinder sind eine Legende. Durch keinen einzigen verifizierbaren Beleg nachgewiesen. Herrschaften, bitte viel mehr Sorgfalt beimn Redigieren, befragen und dann Schreiben an den Tag legen.
    Grammatik und Sprache : gut
    Inhalt: schwach
    angewandte Empathie: gnadenlos daneben

    2 Leserempfehlungen
    • mick08
    • 07. Juli 2013 18:32 Uhr

    sich für die Jugendlichen zu interessieren und Einfühlungsvermögen zu entwickeln, ihnen Raum und Aufmerksamkeit zu geben, Anteil zu nehmen und ihr Schicksal in unser Bewusstsein zu rücken.

    Auch wenn ich das mit dem Fisch bizarr finde - und nicht sehr hilfreich - denke ich das sollte nicht den Blick auf das Ganze und auch den heilsamen Ansatz verstellen. Selten ist etwas vollkommen perfekt und es ist so leicht Fehler herauszupicken und alles schlecht zu machen.

    In dem Sinne danke an den Fotografen und danke für den Artikel.

    2 Leserempfehlungen
  3. "Wer einen Fisch gleichgültig sterben läßt, tritt auch bei einem leidenen Hund noch einmal nach."
    - das trifft in den allermeisten Fällen NICHT zu.

    "... Oder bei einem sterbenden Jugendlichen nachts auf dem Alexanderplatz."
    - das trifft noch in viel weniger Fällen zu.

    Bei der Jugendarbeit geht es um ein umfangreiches Projekt, dass man nicht anhand einer Momentaufnahme zerpflücken kann, so wie Sie das hier mit völlig überzogenen Schlussfolgerungen zu tun versuchen.

    Ihre Tierliebe in allen Ehren, aber dass jemand kein Mitleid mit Fischen empfindet, bedeutet nicht, dass er auch für Menschen keins übrig hat. Ich finde Ihren Kommentar befremdlich. Diese Jugendliche haben echte Probleme und ein schwieriges Leben vor sich. Um die geht es hier, nicht um irgendwelche Fische, deren Leid wenn's gerade passt von Wohnzimmerphilosophen bejammert wird, bevor sie dann im Restaurant auf ihren Tellern landen.

    14 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Die falsche Lehre"
    • mio
    • 07. Juli 2013 19:35 Uhr

    Muss über die Aufregung um das Bild mit Fisch ein wenig schmunzeln. Beim nächsten Angelausflug werde ich auf Fotos weinen, damit nicht der Verdacht aufkommt, ich könne einem Menschen gleichgültig den Kopf eintreten.

    Die Methodik, die Kinder aus ihrem Umfeld (ich denke vor allem Städte) herauszuholen und in die Natur zu schicken, ist gut. Hier wird nun evtl. selbst geangelt und zubereitet. Das schafft eine Aufgabe, Verantwortung und auch Überwindung. Und selbstverständlich auch Interesse, sich mal so einen Fisch anzusehen. Das ist doch völlig normal.

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Die falsche Lehre"
  4. wie kann bitte ein waisenbaby bei wölfen überleben?? was haben denn diese kinder gegessen? rohes fleisch einmal im monat?

    mal ganz abgesehen davon ist der titel total faschistisch. das wirft fragen nach der gesinnung dieses Mannes auf. man hätte einen weniger cooleren, aber dafür sensibleren und weniger reisserischen titel wählen können!!

    aber ansonsten tolle fotos.

    Eine Leserempfehlung
  5. die Vollwaisen aus Ostpreußen, welche 1945 und 1946 oftmals in Litauen mit einem anderen Namen aufgenommen worden sind und erst viele Jahre später erfuhren, dass sie Deutsche sind.
    Im November 1947 hatte das Quarantänelager Eggesin bei Pasewalk 1500 Waisenkinder aus Ostpreußen aufgenommen, welche in Viehwaggons ankamen und denen es streng verboten war, über ihre Herkunft zu berichten.
    Darunter waren auch sogenannte Wolfskinder. In der DDR durfte darüber nichts geschrieben werden, denn es handelte sich ja angeblich um einen "Arbeiter-und Bauernstaat". Die Bezeichnung des Fotografen Fabian Weiß für asoziale Jugendliche als Wolfskinder ignoriert diese Tatsache, denn die Waisenkinder Ostpreußens waren unschuldig.

    4 Leserempfehlungen
  6. In Litauen nannte man die Wolfskinder "Kleine Deutsche"

    http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfskind_(Zweiter_Weltkrieg)

    Soviel zum Quellennachweis.

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  • Schlagworte Jugendamt | Alltag | Arbeit | Biografie | Eltern | Familie
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