In der vergangenen Woche steht ein Mann im Berliner Neptunbrunnen. Er ist nackt. Er blutet. In der Hand hält er ein Messer, mit dem er sich schwere Wunden zugefügt hat. Ein Polizist steigt zu ihm ins Wasser, richtet die Pistole auf ihn, ein Schuss fällt. Manuel F. stürzt und stirbt. Das Amateurvideo eines Passanten, das diese Szene festgehalten hat, war im Internet zu sehen.

Manuel F. gehört – wie André Conrad, Teresa Z. und Tennessee Eisenberg – zu den Opfern einer Institution, die unprofessionelles Vorgehen und Gewaltexzesse in den eigenen Reihen seit Jahren deckt: der deutschen Polizei. Sie litten oder starben, weil Polizeibeamte ihre Grenzen überschritten haben. Sie sind Opfer einer Organisation, in der kaum einer über Fehler spricht, kaum einer aus Fehlern lernt. Sie sind Opfer einer Behördenkultur, die sich ändern muss.

In Regensburg schossen Polizisten den Studenten Tennessee Eisenberg zwölfmal in Knie, Rumpf und Herz – die Umstände seines Todes hat die Justiz nie ganz geklärt. In Berlin schlugen Polizisten mit Stöcken auf André Conrad ein, als er bereits am Boden lag, sie sprühten ihm Pfefferspray in die Augen, traten ihm in den Nacken, hetzten einen Schäferhund auf ihn und schossen ihn an. Auch er starb. In München brach ein Beamter der gefesselten Teresa Z. in der Haftzelle das Nasenbein. Die Liste schwerer Polizeigewalt in Deutschland ließe sich beliebig fortsetzen.

Mag sein: Einsätze sind nicht einfach. Die Beamten haben es mit Verwirrten oder mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen zu tun, manchmal spielen auch Alkohol oder Drogen eine Rolle. Doch schwierige Situationen zu meistern ist der Job von Polizisten. Der Bürger muss darauf vertrauen können, dass sie mit Problemlagen fertig werden, ohne dass es Tote und Schwerverletzte gibt. Polizisten sind verpflichtet, Gewalt gegen Bürger auf ein Minimum zu beschränken. Das Gesetz erlegt dem staatlichen Gewaltmonopol enge Grenzen auf.

Diese zu überschreiten bleibt für Polizisten in der Praxis meist ohne Folgen. Wer im Dienst gewalttätig wird, muss strafrechtliche Konsequenzen kaum fürchten: Im Jahr 2011 haben die Staatsanwaltschaften 2.417 Ermittlungsverfahren wegen Gewaltdelikten von Polizisten abgeschlossen. 2.087 dieser Verfahren wurden eingestellt. Auch in den übrigen Fällen kommt es nur ausnahmsweise zu einer Verurteilung. Staatsanwälte ermitteln ungern gegen Polizeibeamte. Es bedeutet, aus Partnern potenzielle Täter zu machen.

Oft stoßen Staatsanwälte bei solchen Untersuchungen auf eine Mauer des Schweigens. Es gehört zum Ehrenkodex vieler Polizisten, nicht gegen Kollegen auszusagen. Fehlverhalten wird vom Team gedeckt. Falsch verstandene Kameraderie deutet Gewaltexzesse zum Kavaliersdelikt oder zur Notwehr um. Statt die Schuldigen dingfest zu machen und aus dem Fehler zu lernen, geht der Polizeiapparat zum Angriff über. Nach außen stellen Polizeichefs aus dem Ruder gelaufene Einsätze oft als ordnungsgemäß hin, wie das soeben auch in Berlin im Fall des Mannes im Brunnen geschieht. Polizeigewerkschaften beschweren sich seit Jahren, die Gewalt gegen Polizisten habe zugenommen. Über die von Beamten ausgehende Gewalt schweigen sie.

Doch viele Bürger nehmen das nicht mehr hin. Mit jedem Handyvideo, das Augenzeugen von gewalttätigen Einsätzen herstellen, wächst die Sensibilität für Polizeigewalt im Volk. Vergangene Woche geschah das gleich zweimal: In Rheinland-Pfalz zeigte ein schockierendes Amateurvideo aus Westerburg zwei Polizisten, die einen auf dem Boden liegenden Mann schlagen und treten. Das andere zeigt die letzten Minuten im Leben des Manuel F. im Brunnen. Seit die ZEIT im vergangenen Herbst Leser dazu aufrief, der Redaktion Fälle von Polizeigewalt zu melden, reißt der Strom der Einsendungen über den digitalen Briefkasten (www.zeit.de/briefkasten) nicht ab – mehrere Fälle haben wir bereits dokumentiert, weitere werden folgen.

Ärzte und Priester erkannten die eigene Fehlbarkeit, jetzt ist die Polizei dran

Polizisten haben es nicht leicht. Ihr Arbeitsplatz liegt an den Konfliktlinien der Gesellschaft. Sie müssen soziale Probleme ausbaden, die Familien, Schulen, Politik nicht lösen. Sie müssen sich beleidigen und anspucken lassen, sind Attacken wütender Bürger ausgesetzt. Nicht selten sind sie schlecht bezahlt. Dass bei solchen Anforderungen Fehler passieren, liegt auf der Hand. Diese einzugestehen ist für einen Berufsstand, der sich das Etikett der Unfehlbarkeit verliehen hat, schwierig. Auch Ärzte und Kirchenmänner konnten ihren Nimbus lange aufrechterhalten, bis sie unter dem Druck der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die eigene Fehlbarkeit entwickeln mussten. Nun ist die Polizei an der Reihe.

Gleichzeitig sollte man danach fragen, ob Streifenpolizisten falsch ausgerüstet sind, ob sie – wie manche ihrer Kollegen in New York – harmlosere Waffen wie Elektroschockgeräte einsetzen und seltener zur Schusswaffe greifen sollten. Ob in der Ausbildung mehr deeskalierendes Verhalten geübt werden sollte. Ob es – wie in England – unabhängige Untersuchungskommissionen geben sollte, die Polizeifehler aufklären.Vor zwei Jahren begannen Unruhen in London, als ein Polizist den 29-jährigen Mark Duggan erschoss. In Los Angeles brachen Krawalle los, als ein Gericht Polizisten vom Vorwurf der Misshandlung eines Mannes freigesprochen hatte. Immer wieder gibt es Zornausbrüche gegen die Polizei. In Deutschland genießt sie nach wie vor Ansehen. Doch mit jedem Gewaltvideo, jedem Exzess, jeder Schönfärberei durch den Polizeiapparat geht etwas von diesem Vertrauen verloren.

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