Müsste die deutsche Regierung dem Enthüller Edward Snowden nicht dankbar sein? Dank dem Datenräuber weiß man nun, dass die amerikanische Sicherheitsbehörde NSA mutmaßlich EU-Vertretungen verwanzt hat und bevorzugt in Deutschland Daten absaugt. Der deutsche Regierungssprecher tut sich trotzdem schwer mit der Frage. "Ich kann solche Gefühle für die Bundesregierung hier nicht ausdrücken", erklärte Steffen Seibert am vergangenen Montag, nachdem er zuvor das "Befremden" und die "Verwunderung" der Kanzlerin übermittelt hatte. "Abhören unter Freunden ist inakzeptabel. Das geht gar nicht." Bloß: Was folgt daraus?

Auf die Empörung folgt in Berlin zunächst das große Herumeiern: Wie kann man den Eindruck vermitteln, man wolle alles aufklären, und zugleich verbergen, dass man sich denjenigen gerne vom Hals halten möchte, der am meisten zur Aufklärung beitragen könnte? Das Asylbegehren von Edward Snowden förderte die politische Zwickmühle, in der die Regierung steckt, grell zutage: Nimmt man es mit dem Aufklären ernst, müsste man Snowden unterstützen. Will man es sich nicht mit den Amerikanern verscherzen, dann darf die große Empörung keine Folgen haben, die dem großen Freund missfallen könnten. Schließlich will man ja auch künftig von dessen Datenschatz profitieren. Und dann ist auch noch Wahlkampf.

Das Zögern der Kanzlerin nähre den Eindruck, dass sie mehr wisse als bislang bekannt geworden sei, sagte der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Sein Parteivorsitzender Sigmar Gabriel ging noch einen Schritt weiter. Das Verhalten der Kanzlerin lege den Verdacht nahe, "dass ihr die Ausspähung zumindest dem Grunde nach bekannt ist". Das war, natürlich, der Versuch, Merkel im Wahlkampf von der unangreifbaren Mutti zur bösen Stiefmutter zu machen. Aber es ist auch eine legitime Frage: Was wusste, was weiß die Regierung in Berlin von den Spähprogrammen der Amerikaner und Briten?

Die Frage ist heikel. Mit jedem Tag, an dem sich die US-Regierung nicht äußert und sich die deutsche Regierung nicht äußern kann oder will, wächst Edward Snowdens Deutungsmacht. Eine politische Festlegung zur Zusammenarbeit mit den Amerikanern ist aber auch gefährlich: Jede Erklärung könnte Snowden anhand seiner Datensammlung als Halbwahrheit oder Lüge enttarnen.

Dabei ist der Ärger der meisten Politiker durchaus echt: Ausgerechnet nach dem Besuch von Präsident Obama, ausgerechnet 50 Jahre nach dem Besuch Kennedys kommt heraus, dass die USA ihre deutschen Verbündeten bespitzeln. Man fühlt sich veräppelt, parteiübergreifend. "So geht man mit Freunden nicht um", erklärte der Fraktionsvorsitzende von CDU/CSU, Volker Kauder. Michael Grosse-Brömer, Mitglied im Parlamentarischen Kontrollgremium (PKGr), das für die Kontrolle der Geheimdienste zuständig ist, sieht eine "neue Dimension" der Abhöraffäre, seit bekannt wurde, dass EU-Vertretungen verwanzt worden sein sollen. Es könne dabei doch "nicht um Terrorismusbekämpfung" gegangen sein. Wanzen, ausgerechnet diese "Urmittel der Spionage", empört sich der Anwalt und grüne Veteran Hans-Christian Ströbele, der ebenfalls im PKGr sitzt.

Das Kontrollgremium tagt streng geheim, doch so viel ist aus den Sitzungen herausgesickert: Der BND will von den Aktivitäten der Amerikaner zwar profitiert haben (siehe Seite 3), aber von deren Spähprogrammen haben die deutschen Geheimdienstler angeblich nichts gewusst. "Der Sachverhalt ist völlig unklar", beharrt ein Sprecher des Justizministeriums. "Allein, mir fehlt der Glaube", sagt Ströbele dazu und verweist darauf, dass es "sehr, sehr enge Beziehungen" zwischen den Diensten gebe.

Einig sind sich alle, dass die drei Wochen, die seit den ersten Enthüllungen vergangen sind, für die Amerikaner eigentlich hätten ausreichen müssen, um zumindest als Geste des guten Willens die Informationen herauszurücken, die in Deutschland angeblich so händeringend gesucht werden.

Anderthalb Stunden kreiste die wöchentliche Befragung der Ressortvertreter vergangenen Montag um die neueste Wendung des NSA-Skandals, das Protokoll liest sich kafkaesk:

Geht die Kanzlerin davon aus, dass sie auch ein mögliches Angriffsziel sein könnte? Regierungssprecher Seibert: "Die Kanzlerin kommuniziert immer umsichtig."

Wäre es eine Umgehung des Verbots zur Ausforschung deutscher Daten, wenn der BND solche Daten über die NSA bekäme? Seibert: "Der Bundesnachrichtendienst handelt auf Grundlage des Bundesnachrichtendienstgesetzes."

Was unternimmt die Bundesregierung, um ihre Bürger zu schützen? Seibert: "Wir haben jetzt 55 Minuten versucht, Ihnen zu erklären, dass wir diese Meldungen zum Anlass nehmen, um sehr genau nachzufragen, was da wirklich los ist."