Es gibt einen Ort, an dem sie sich dann doch treffen: die Eltern und Kinder von beiden Seiten der Bildungskluft. Im Metrobus der Linie M 41 stehen sie ineinander verkeilt: die poppigen Kinderwagen von Bugaboo, in denen Nepomuk und Mathilda und Nathan sitzen, und die abgenutzten Buggys mit Kindern namens Suad und Yassir und Esraa. Die M 41, ein langer gelber Bus, durchquert Berlin vom Hauptbahnhof über den Potsdamer Platz bis ans Ende Neuköllns. Nach planmäßigen 23 Minuten, auf der Hälfte der Strecke, hält der Bus am Schauplatz dieser Geschichte und entlässt die Kinderwagen auf den Bürgersteig am Rande der vierspurigen Urbanstraße.

Im Film würde man nun in die Vogelperspektive schneiden, und man könnte sehen, wie sich unten in Berlin-Kreuzberg Reich und Arm, Blond und Dunkel, Bugaboos für 800 bis 1.000 Euro das Stück und No-Name-Buggys auf sonderbare Weise sortieren.

Die blonden Kinder werden von ihren Eltern in Seitenstraßen geschoben, die nach Norden führen, in Richtung frisch sanierter Altbauten. Als "beste Kreuzberger Lage" preisen die Makler das Viertel an, in dem es eine japanische Galerie gibt, unzählige Babymode-Läden und Quadratmeterpreise, die 40 Prozent über dem Mietspiegel liegen. Hier im "Graefe-Kiez" buchen manche Väter und Mütter Breikochkurse, singen mit ihren Kleinkindern englische Lieder und nutzen die Elternzeit, um die Welt zu bereisen. Viele aber versuchen einfach, ihre Töchter und Söhne gut großzuziehen.

Einwanderer in Beton-Klötzen und teure Baby-Läden für Zugezogene  

Die No-Name-Buggys biegen in eine Achtziger-Jahre-Siedlung südlich der Urbanstraße ab: viel Beton, 3.000 Bewohner, 80 Prozent Einwanderer. 60 Prozent leben mit Unterstützung vom Amt. Manche Familien wohnen zu acht in dreieinhalb Zimmern. Mütter und Väter, die selbst nie richtig lesen und schreiben gelernt haben, schütteln ratlos den Kopf, wenn ihre Kinder ihnen die Hausaufgaben zeigen. Einige der Erwachsenen versumpfen vor Fernsehern, in denen arabische Digitalsender laufen. Viele aber treibt auch hier nur eines an: ihre Töchter und Söhne möglichst gut großzuziehen.

Das Altbauviertel und die Neubausiedlung liegen im Einzugsbereich derselben Grundschule. Doch die Menschen auf beiden Seiten der Straße leben in unterschiedlichen Universen.

Die Urbanstraße ist 33 Meter und 80 Zentimeter breit. Das ist sie: die viel zitierte "Bildungskluft".

Pisa-Studie, OECD-Bericht, Bildungsbericht der Bundesregierung, die Grundschulstudien Iglu und Timss, die jüngste Erhebung der Bertelsmann-Stiftung – immer und immer wieder wird das deutsche Bildungssystem untersucht, mit unterschiedlichen Methoden und unterschiedlichen Fragestellungen. Die Diagnose ist immer dieselbe: In Deutschland sind die Bildungschancen extrem ungleich verteilt.

Die Schule ist eine Sortiermaschine. Erfolgreich sind vor allem die Kinder, deren Eltern ihnen viel mitgeben können. 15 Prozent der Kinder dagegen gelten als abgehängt, meist die Armen, meist von Anfang an. Jeder siebte Viertklässler kann kaum lesen. Fast jeder Fünfte hat am Ende seiner Pflichtschulzeit nicht mal Basiskenntnisse im Schreiben, Rechnen, Lesen und einer Fremdsprache. Es gebe "einen stabilen Sockel der Abgehängten", heißt es im Bildungsbericht der Bundesregierung. "Wir produzieren eine homogene Gruppe von Bildungsverlierern", lautet das Fazit des Autors der Deutschen Jugendstudie.