Als am Abend des 18. März 1990, des Tags der einzigen freien Volkskammerwahl, die erste Hochrechnung einlief, wurde Lothar de Maizière kreidebleich. Die "Allianz für Deutschland" mit seiner CDU an der Spitze hatte die Wahl haushoch gewonnen, aber statt großer Freude stand de Maizière nur der Schreck ins Gesicht geschrieben. Erst in jenem Moment, so erklärte er später, habe er das Amt des Ministerpräsidenten auf sich zukommen sehen.

Für westliche Wahlbeobachter und Demoskopen war nicht nur de Maizières Verhalten irritierend, sondern auch der Umstand, dass ihre Prognosen falsch gewesen waren. Sie hatten stets eine absolute Mehrheit für die SPD vorhergesagt. Die Ursache für ihre Fehleinschätzung war schnell gefunden: Die Wahlforscher hatten DDR-Bürger per Telefon befragt und die Ergebnisse wie gewohnt hochgerechnet. Dabei ließen sie außer Acht, dass im Osten nur die wenigsten Leute ein Telefon besaßen; meist waren es Funktionäre, Wissenschaftler, Ärzte, nur war es eben kein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung.

Der Mythos, der Osten sei bei Wahlen unberechenbar, hält sich seitdem jedoch so hartnäckig wie die These, dass sich Bundestagswahlen im Osten entscheiden. Noch im Wahlkampf 2005 beschwerte sich Edmund Stoiber, er werde nicht akzeptieren, dass erneut der Osten bestimme, wer Kanzler wird.

Oder entscheidet Bayern die Wahl?

Aber ist das wirklich so? Zwölf Millionen Wahlberechtigte gibt es in den neuen Ländern, 50 Millionen im Westen, knapp zehn Millionen davon allein in Bayern. "Mit gleichem Recht könnte man auch sagen, dass Bayern die Wahl entscheidet", sagt der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter.

Gleichwohl ist das Wahlverhalten im Osten nach wie vor anders: Die Grünen sind hier nur halb so stark wie im Westen. Und die Linke schneidet stets viel besser ab. Vor allem aber gibt es, schon aus historischen Gründen, kaum langfristige Parteibindungen, die Wechselbereitschaft ist größer, die Wahlbeteiligung häufig niedriger.

Die Unterschiede aber werden geringer – weil sich der Westen dem Osten angleicht, sagt Falter. Das bestätigt eine Analyse des Magdeburger Politikwissenschaftlers Hendrik Träger, der die Ergebnisse des "Superwahljahres" 2011 in neuen und alten Ländern verglichen hat. Bei CDU, SPD und FDP seien die Abstände zwischen Ost und West nur mehr so groß wie innerhalb Westdeutschlands selbst, die Stimmanteile in Ost und West für die Parteien glichen sich an. CDU und SPD etwa holten in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt jeweils 50 bis 60 Prozent – ungefähr so viel wie auch in Bremen und Baden-Württemberg.

Auch die Wechselbereitschaft der westdeutschen Wähler wächst; sie hat erst die Wahl eines grünen Regierungschefs in Baden-Württemberg möglich gemacht.