Job-MigrationDer Kuppler

Ein deutscher Jobvermittler wirbt um arbeitslose junge Spanier – unterwegs mit Manfred Steinke in Sevilla von 

Manfred Steinke war mit großen Plänen am Morgen in Bonn aufgebrochen. Die spanische Jugend aus der Krise führen wollte er, schnurstracks nach Deutschland. Ausgerechnet die Franzosen hätten ihm das beinahe gründlich verdorben. Die Franzosen, natürlich. Am Flughafen in Paris wurde gestreikt, Steinkes Flug war auch davon betroffen. Eigentlich hätte er schon am Nachmittag im Hotelgarten in Sevilla bei einem kühlen Bier sitzen sollen, um mit der Kollegin vom spanischen Arbeitsamt den Ablauf für den folgenden Tag durchzusprechen. Stattdessen hockte er in der überfüllten Wartehalle des Flughafens und trank einen lauwarmen Filterkaffee aus einem Plastikbecher – und hatte keine Ahnung, ob er jemals in Sevilla ankommen würde.

Ein "Lotse" wird Manfred Steinke in einer Broschüre seines Arbeitgebers, der deutschen Zentralen Arbeits- und Fachvermittlung (ZAV), genannt. Er soll junge, arbeitslose Südeuropäer nach Deutschland leiten. Die ZAV gehört zur deutschen Arbeitsagentur und kümmert sich unter anderem um den internationalen Arbeitsmarkt. Steinke ist 51 Jahre alt und seit 2001 bei der ZAV in Bonn. Er ist im Rheinland aufgewachsen, in Köln hat er Volkswirtschaftslehre studiert und danach einige Jahre bei einem Steuerberater gearbeitet. Aber nur mit Zahlen jonglieren, das war nichts für ihn. "Mir fehlten die Menschen." Heute bringt er vor allem Menschen zusammen: Menschen ohne Job mit Menschen, die Arbeit zu vergeben haben. Dahinter stehen natürlich auch immer Rechnungen: Wie viele offene Stellen gibt es? Wie viele Bewerber? Wer könnte zu wem passen? Ganz ohne Zahlen geht es auch heute nicht. Sein Bereich ist die Gesundheitsbranche, hier ist es in den letzten Jahren immer schwieriger für ihn geworden, in Deutschland genügend geeignete Bewerber zu finden. Im März meldeten ihm die Kliniken 8.200 offene Stellen, in der Altenpflege waren es 10.110. Selbst wenn er, in einem rein theoretischen Gedankenspiel, alle bei ihm gemeldeten arbeitslosen deutschen Krankenschwestern und Altenpfleger vermitteln würde, blieben immer noch rund 10.000 freie Stellen. Woher sollen die ganzen Fachkräfte kommen? Steinke hofft aus Spanien.

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Manfred Steinke biegt in den Frühstücksraum des Hotels Zenit in Sevilla ein, er hat es doch noch mit dem letzten Flieger nach Sevilla geschafft. Gut geschlafen hat er nicht, die Franzosen, der Streik. Steinke trägt ein blassgelbes Hemd, dazu passend, eine gelb-hellblau gemusterte Krawatte und ein Sakko, blassgrau. Für Spanien ist die Krawatte etwas zu eng, das Jackett etwas zu warm. Die Klimaanlage hat den Frühstücksraum auf 20 Grad runtergekühlt, draußen strahlt die Morgensonne vom wolkenlosen Himmel. Steinke wird es später noch sehr heiß werden. "Faktisch sind wir jetzt 16 Stunden unterwegs gewesen", das sei doch mal ein Einsatz, sagt er im rheinischen Singsang. Er ist jetzt schon wieder ganz frohen Mutes.

Er nimmt sich ein Brötchen aus dem Korb, ein helles. Schmiert Butter drauf, belegt es mit Kochschinken und Käse. Das süße spanische Blätterteiggebäck mit Puddingfüllung ist nichts für seinen deutschen Magen. "Gestern war ich schon ganz schön down", sagt er. "Nicht wegen mir, sondern wegen der Mädchen, die kommen mit so viel Hoffnung."

36 junge, arbeitslose Krankenschwestern und Pfleger aus ganz Spanien hat die ZAV ins Arbeitsamt nach Sevilla eingeladen, zu Vorstellungsgesprächen mit zwei deutschen Krankenhäusern, der Hochtaunus-Klinik aus Hessen und den Kliniken Schmieder aus Baden-Württemberg. Erst in der Nacht hatte Steinke die erlösende SMS bekommen: Alle Arbeitgeber sind im Flugzeug nach Madrid, morgens wollen sie den Hochgeschwindigkeitszug nach Sevilla nehmen.

Er hat sein Brötchen mit Kochschinken noch nicht aufgegessen, da schiebt er schon den Stuhl nach hinten und greift nach seinem Jackett. Es ist kurz vor halb neun, sagt ihm der Blick auf seine Armbanduhr, um neun Uhr soll es im Arbeitsamt losgehen. Und Steinke möchte pünktlich sein. Er tritt raus auf die Straße, schon jetzt sind es 24 Grad. Er läuft beschwingt durch die Gassen, in der rechten Hand schlenkert seine Nylon-Aktentasche. Die kleinen Bars rechts und links, das Plätschern des Springbrunnens, der süße Duft der Rhododendronbüsche. Steinke gefällt das. "Nee, ist das schön hier." Es könnte doch noch ein guter Tag werden, nach dem etwas holprigen Start. Das letzte Mal konnten sie sechs Kandidaten mit nach Deutschland nehmen, von 18. Kein schlechter Schnitt. Das Format der Veranstaltung heute findet er gut, besser als Jobmessen, auch die organisiert er in Spanien: "Zu viele Menschen auf einmal, zu unpersönlich." Heute hat jeder Bewerber ein Gespräch mit den Mitarbeitern der Kliniken und natürlich mit ihm, Manfred Steinke, und seinem Kollegen. "Wenn man das hier so sieht, versteht man gar nicht, dass man hier weg will." Er möchte es den Spaniern etwas leichter machen. Das Problem, welches Steinke umtreibt: 2011 kamen zwar knapp 78.000 Migranten aus den europäischen Krisenländern nach Deutschland, aber schon nach recht kurzer Zeit verließen sie das Land wieder: In den vergangenen Jahren blieb nur jeder zweite Grieche und Portugiese länger als ein Jahr. Bei den Spaniern war es sogar nur jeder Dritte. Das müsse sich ändern, sagen Arbeitsmarktforscher. Sie sprechen dann davon, dass Deutschland eine bessere "Willkommenskultur" schaffen müsse, um die Arbeitskräfte dauerhaft im Land zu halten. Denn auch andere Länder werben um die Fachleute aus Südeuropa. Der Wettbewerb um die "neuen", gut qualifizierten Gastarbeiter, wie diese Generation genannt wird, hat begonnen. Und Steinke ist mittendrin. Er hat das Stellenangebot übersetzen lassen, auf Spanisch. Er ist extra aus Bonn angereist, 2.238 Kilometer. Schon allein das sei ein Signal, sagt er. Er war auch schon in Madrid und auf Palma de Mallorca, um Bewerber und Arbeitgeber zusammenzuführen. "Wir müssen die jungen Spanier dort abholen, wo sie sind", sagt Steinke. "Der Wohlfühlfaktor", sagt er, sei heute das Wichtigste.

Leserkommentare
  1. Was machen die deutschen Arbeitslosen so lange?

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    Urlaub in Spanien - vermute ich mal. What else?

    Ansonsten ist das eine schöne Geschichte. Und wenn sich der Manfred, so sympathisch er ist, jetzt noch ein leichteres Jacket zu- und die Krawatte ablegt, ist doch alles bestens.
    Erst mal. Denn den SpanierInnen, die den Schritt nach Deutschlan wagen, ist auf alle Fälle Mut zu bescheinigen und Glück zu wünschen. Deutschland - das ist ein Pflaster für sich. I can tell you ....

    • Karl63
    • 22. Juli 2013 14:51 Uhr

    1€ - Job, oder eine neu konzipierte Variante zum Thema Bewerbungstraining ?

  2. 2. Frage

    "hier ist es in den letzten Jahren immer schwieriger für ihn geworden, in Deutschland genügend geeignete Bewerber zu finden."

    Der gute Mann möge dochmal darlegen, was er genau unter "geeignete Bewerber" versteht. Vielleicht haben auch die 3 Spanierinnen, die in Bayern waren, ja leider genau erkannt, was der gute Mann mit "geeignet" meinte?

    Es ist schon irgendwie deprimierend, aber diese Story wirkt irgendwie seltsam. Für mich bleiben da Fragen offen: Was will man an Fachkräften überhaupt haben? Leute, die hohen Einsatz, ne gute Ausbildung mitbringen und dann nach etlichen Jahren, wenn die Knochen kaputt sind, Ciao zu sagen? Wie Du den Rest Deines erbärmlichen Lebens hinter dich bringst ist uns egal, Hauptsache Du warst eine billige Arbeitskraft. Zweitens: Wieso findet man in Dt. keine adäquten Kandidaten? Sind sie zu verwöhnt (Ich glaube das nicht), oder ist die Gesellschaft, bzw. die Arbeitgeber, die leider immer mehr "private" Träger sind, nicht bereit anständiges Geld und anständige Bedingungen anzubieten. Dann würde ich nämlich sagen: Da könnt Ihr lange suchen, aber leider ist es so, solange es Menschen gibt, denen es beschissen genug geht, finden solche "Arbeitgeber" wohl auch genügend solcher armene Seelen. Armes Deutschland, arme Welt.

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    Das erwähnt Manfred ja in einem Nebensatz:

    "Was ihn häufig ärgert:

    der Egoismus der *Krankenhäuser, die fertige Bewerber wollen, mit perfekten *Deutschkenntnissen, Arbeitgeber, die noch nicht verstanden haben, dass *Recruiting aus dem Ausland aufwendiger ist – und dass die *Pflegerinnen eine intensive Betreuung brauchen, besonders am Anfang."

    Wobei die mit Sternchen versehenen Wörter beliebig austauschbar sind.

    Man kommt jedenfalls in etwa zur Lösung, weshalb es hierzulande keine "geeigneten Bewerber" gibt.

  3. Brüllendes Gelächter.
    Die Agentur schickt jemanden, der kein spanisch spricht, nach Spanien, um Leute nach Deutschland anzuwerben, die kein deutsch können- und dan wundern sich der Manfred und der August, dass das nicht so richtig funktioniert?
    Realsatire.

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    Ich musste auch gerade daran denken, wie der Spanier oder die Spanierin den Satz: "Hessen ist super!", interpretieren, wobei der Spanier den Buchstaben "H" ja eigentlich gar nicht ausspricht.
    Also Manni: "¿Habla usted español?"

  4. Urlaub in Spanien - vermute ich mal. What else?

    Ansonsten ist das eine schöne Geschichte. Und wenn sich der Manfred, so sympathisch er ist, jetzt noch ein leichteres Jacket zu- und die Krawatte ablegt, ist doch alles bestens.
    Erst mal. Denn den SpanierInnen, die den Schritt nach Deutschlan wagen, ist auf alle Fälle Mut zu bescheinigen und Glück zu wünschen. Deutschland - das ist ein Pflaster für sich. I can tell you ....

    Antwort auf "Super Sache!"
  5. Ich musste auch gerade daran denken, wie der Spanier oder die Spanierin den Satz: "Hessen ist super!", interpretieren, wobei der Spanier den Buchstaben "H" ja eigentlich gar nicht ausspricht.
    Also Manni: "¿Habla usted español?"

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  6. Das erwähnt Manfred ja in einem Nebensatz:

    "Was ihn häufig ärgert:

    der Egoismus der *Krankenhäuser, die fertige Bewerber wollen, mit perfekten *Deutschkenntnissen, Arbeitgeber, die noch nicht verstanden haben, dass *Recruiting aus dem Ausland aufwendiger ist – und dass die *Pflegerinnen eine intensive Betreuung brauchen, besonders am Anfang."

    Wobei die mit Sternchen versehenen Wörter beliebig austauschbar sind.

    Man kommt jedenfalls in etwa zur Lösung, weshalb es hierzulande keine "geeigneten Bewerber" gibt.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Frage"
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    tut er das. Aber wie Sie schon schreiben, gewisse Dinge sind austauschbar. Es ist in jedem Fall für viele Arbeitnehmer eine unbefriedigende Situation.

    • krabak
    • 22. Juli 2013 13:47 Uhr

    Ob es wohl die letzte oder doch erst die vorletzte Stufe des von Deutschland in Deuropa geführen Wirtschaftskriegsraubzuges ist?

    Machen wir uns doch einmal nichts vor. Die billigen Arbeitskräftemassen, die von den Stalinisten seit dem Bau des "antifaschistischen Schutzwalls" an der Flucht in den goldenen Westen gehindert worden waren, wurden durch die billigen Italiener, Spanier und dann durch die noch billigeren Türken und Kurden ersetzt.

    Nun flutet wieder die Masse billiger Arbeitskräfte aus den südeuropäischen Bankrottstaten in das gelobte Land der Neuen Sozialen Marktwirtschaft, wo die hoffnungsgetriebenen Niedriglohnarbeitskräfte ein probates Mittel sind, "die verfluchten Tarife abzubauen" (siehe auch: www.literaturknoten.de/li...).

    Europa, heiliges Europa. So lange wie sich die Menschen in diesem Europa aber als Lohndrücker und Lohnwucherer gegeneinander von den Shareholdern und Regierungskadern instrumentalisieren und von den sogen. Medien das Modell The MONDRAGON Corporation tabuisieren lassen, so lange bleibt dieses Europa der Archipel Gulag Europeenne.

    Aber diese Einsicht wird sich über kurz oder lang auch als Mehrheitseinsicht durch die Wirklichkeit dieser modernen Zwangsarbeits- und Werksvertragsleiharbeitslagersysteme dieser Neuen Sozialen Marktwirtschaft zwangsläufig einstellen. Wir brauchen nur am Ufer des Flusses sitzen, um den Kadver dieser Gesellschaft bald schon an uns vorbei schwimmen zu sehen.

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  7. Man Man wie ich würde mir als Deutscher ja richtig verarscht vorkommen, da muss ich mit meinen hohen Steuern dafür zahlen das die Arbeitgeber in Deutschland an billige verzweifelte Arbeitskräfte kommen mit denen man dann Druck ausüben kann auf meinen Lohn das ist echt frech :-D

    Man sollte endlich wieder die Arbeitsmärkte abschotten, weil dann könnte der Markt spielen und in guten Zeiten können die Arbeitgeber höhere Löhne fordern und in schlechten Zeiten können die Arbeitgeber die Löhne wieder ins richtige Lot bringen das hat jahrelang funktioniert.

    Aber seit der Öffnung der Arbeitsmärkte hat man als Arbeitsnehmer in guten Zeiten Druck auf den Lohn und in schlechten erst recht

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