Job-MigrationDer Kuppler
Seite 3/3:

Es ist eine Zweckehe, keine Liebeshochzeit

Bei Steinke im Zimmer ist gute Stimmung. "Die sind wirklich alle super, so interessiert." Er stemmt die Hände in die Seiten, "wir müssen Gas geben, wir sind im zeitlichen Verzug". Es ist halb eins, er hat noch nichts gegessen. Drei Spanierinnen kommen jetzt herein, 600 Kilometer sind sie aus Alicante nach Sevilla mit dem Auto gefahren. Steinke kennt sie schon, im Herbst hatte er sie an eine Klinik in Bayern vermittelt. Dort hat es mit der Willkommenskultur nicht so geklappt, sie haben im Mai gekündigt. Es gab keine Hilfe bei der Wohnungssuche wie versprochen, der Sprachkurs war nur einmal die Woche, auch das war anders vereinbart worden. "Und die Arbeit, war die okay?" Alles andere wäre das Problem gewesen, sagen die jungen Frauen. An dem "alles andere" können Steinke und seine Kollegen etwas machen. "Ihr findet eine Arbeit", er verbessert sich: "Wir finden eine Arbeit." Es könne sehr schnell gehen, sagt er. "Nicht Kisten auspacken in Spanien, auspacken in Deutschland. Wir haben viele Möglichkeiten für euch." Die Klimaanlage surrt, "ihr kennt euch ja ein bisschen aus", er breitet eine Deutschlandkarte auf dem Tisch aus, "Hessen ist super".

"Dass die die so einfach haben ziehen lassen", Steinke schüttelt den Kopf, als die Mädchen den Raum verlassen. Was ihn häufig ärgert: der Egoismus der Krankenhäuser, die fertige Bewerber wollen, mit perfekten Deutschkenntnissen, Arbeitgeber, die noch nicht verstanden haben, dass Recruiting aus dem Ausland aufwendiger ist – und dass die Pflegerinnen eine intensive Betreuung brauchen, besonders am Anfang. Steinke kann dafür sorgen, dass sich die Bewerber heute wohlfühlen, er kann ihnen Lust auf Deutschland machen. Später, im Arbeitsalltag, müssen die Arbeitgeber sich einbringen. "Echt schade", er beugt sich zu seinem Partner rüber. "Die Mädchen vermitteln wir sofort, August, sag ich dir."

Anzeige

Im Warteraum des Arbeitsamtes haben die spanischen Kollegen Empanadas und Tortillas auf weißen Papierdeckchen ausgebreitet, es gibt Coca-Cola und alkoholfreies Bier. Steinke trinkt eine Cola aus der Dose und schiebt sich eine fettige Teigtasche in den Mund, langsam hat auch er Hunger. Neben ihm stehen die Vertreter der Kliniken. Wie läuft es?, möchte Steinke von ihnen wissen. Sie sind zufrieden: Die Bewerber sind sehr gut qualifiziert, in Spanien muss man studieren, um Krankenschwester oder Pfleger zu werden. Beide haben Hochglanzbroschüren dabei, auch das gehört zur Willkommenskultur. Damit es mit der Integration gut klappt, gibt es in der Hochtaunus-Klinik eine eigene Sozialpädagogin für die Spanier. Die geht mit zu den Behörden, organisiert Ausflüge nach Frankfurt, erklärt, was eine Winterreifenverordnung ist und wo man den nächsten Augenarzt findet. Bei den Kliniken Schmieder ist Lucie Keim für die Spanier da. Heimweh sei natürlich ein Thema. Auch Steinke ist da realistisch. "99 Prozent der Mädchen säßen nicht hier, wenn es die Krise nicht gäbe." Und auch die deutschen Kliniken hätten sich wohl die Reise nach Sevilla gespart, wenn es genug Bewerber in Deutschland geben würde. Es ist eine Zweckehe, keine Liebeshochzeit, die Steinke heute einleitet.

Es ist jetzt kurz vor vier, die Geschäfte haben die Rollläden heruntergelassen. Draußen sind es 39 Grad, drinnen 20 Grad, Steinke wischt sich den Schweiß von der Stirn, vier bis fünf Kandidatinnen müssten noch kommen. Eine hatte schon im Juli ein Vorstellungsgespräch in Deutschland und ist trotzdem extra noch mal aus Valencia angereist, sechs Stunden im Auto. Mehr als die Hälfte sind über 200 Kilometer gefahren, viele von ihnen waren noch nie in Deutschland, können sich kaum auf Deutsch verständigen. "Was die auf sich nehmen", sagt Steinke. Die letzte Bewerberin hat gerade den Raum verlassen, "ich bin ganz schön groggy". Fast alle Bewerber werden jetzt zum Probearbeiten nach Deutschland eingeladen. "Bin top zufrieden", sagt Steinke. Sein Kollege knotet seine Krawatte auf, Steinke rollt die Deutschlandflagge ein. Vor dem Zimmer kehren Putzfrauen in rosa Kitteln den Staub zusammen. Er hat jetzt Feierabend und möchte sich noch die Kathedrale von Sevilla angucken, die soll so schön sein. Als er über die Brücke läuft, ruft er plötzlich: "Das ist doch der Kölner Dom!" Er lacht. Das Ganze heute, sagt er, sei erst der Anfang. Das Arbeitsministerium plant jetzt schon, auch in Asien Krankenschwestern anzuwerben. "Wer weiß, vielleicht bin ich bald in Manila unterwegs?" Dagegen hätte Steinke nichts.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Was machen die deutschen Arbeitslosen so lange?

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Urlaub in Spanien - vermute ich mal. What else?

    Ansonsten ist das eine schöne Geschichte. Und wenn sich der Manfred, so sympathisch er ist, jetzt noch ein leichteres Jacket zu- und die Krawatte ablegt, ist doch alles bestens.
    Erst mal. Denn den SpanierInnen, die den Schritt nach Deutschlan wagen, ist auf alle Fälle Mut zu bescheinigen und Glück zu wünschen. Deutschland - das ist ein Pflaster für sich. I can tell you ....

    • Karl63
    • 22. Juli 2013 14:51 Uhr

    1€ - Job, oder eine neu konzipierte Variante zum Thema Bewerbungstraining ?

  2. 2. Frage

    "hier ist es in den letzten Jahren immer schwieriger für ihn geworden, in Deutschland genügend geeignete Bewerber zu finden."

    Der gute Mann möge dochmal darlegen, was er genau unter "geeignete Bewerber" versteht. Vielleicht haben auch die 3 Spanierinnen, die in Bayern waren, ja leider genau erkannt, was der gute Mann mit "geeignet" meinte?

    Es ist schon irgendwie deprimierend, aber diese Story wirkt irgendwie seltsam. Für mich bleiben da Fragen offen: Was will man an Fachkräften überhaupt haben? Leute, die hohen Einsatz, ne gute Ausbildung mitbringen und dann nach etlichen Jahren, wenn die Knochen kaputt sind, Ciao zu sagen? Wie Du den Rest Deines erbärmlichen Lebens hinter dich bringst ist uns egal, Hauptsache Du warst eine billige Arbeitskraft. Zweitens: Wieso findet man in Dt. keine adäquten Kandidaten? Sind sie zu verwöhnt (Ich glaube das nicht), oder ist die Gesellschaft, bzw. die Arbeitgeber, die leider immer mehr "private" Träger sind, nicht bereit anständiges Geld und anständige Bedingungen anzubieten. Dann würde ich nämlich sagen: Da könnt Ihr lange suchen, aber leider ist es so, solange es Menschen gibt, denen es beschissen genug geht, finden solche "Arbeitgeber" wohl auch genügend solcher armene Seelen. Armes Deutschland, arme Welt.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das erwähnt Manfred ja in einem Nebensatz:

    "Was ihn häufig ärgert:

    der Egoismus der *Krankenhäuser, die fertige Bewerber wollen, mit perfekten *Deutschkenntnissen, Arbeitgeber, die noch nicht verstanden haben, dass *Recruiting aus dem Ausland aufwendiger ist – und dass die *Pflegerinnen eine intensive Betreuung brauchen, besonders am Anfang."

    Wobei die mit Sternchen versehenen Wörter beliebig austauschbar sind.

    Man kommt jedenfalls in etwa zur Lösung, weshalb es hierzulande keine "geeigneten Bewerber" gibt.

  3. Brüllendes Gelächter.
    Die Agentur schickt jemanden, der kein spanisch spricht, nach Spanien, um Leute nach Deutschland anzuwerben, die kein deutsch können- und dan wundern sich der Manfred und der August, dass das nicht so richtig funktioniert?
    Realsatire.

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich musste auch gerade daran denken, wie der Spanier oder die Spanierin den Satz: "Hessen ist super!", interpretieren, wobei der Spanier den Buchstaben "H" ja eigentlich gar nicht ausspricht.
    Also Manni: "¿Habla usted español?"

  4. Urlaub in Spanien - vermute ich mal. What else?

    Ansonsten ist das eine schöne Geschichte. Und wenn sich der Manfred, so sympathisch er ist, jetzt noch ein leichteres Jacket zu- und die Krawatte ablegt, ist doch alles bestens.
    Erst mal. Denn den SpanierInnen, die den Schritt nach Deutschlan wagen, ist auf alle Fälle Mut zu bescheinigen und Glück zu wünschen. Deutschland - das ist ein Pflaster für sich. I can tell you ....

    Antwort auf "Super Sache!"
  5. Ich musste auch gerade daran denken, wie der Spanier oder die Spanierin den Satz: "Hessen ist super!", interpretieren, wobei der Spanier den Buchstaben "H" ja eigentlich gar nicht ausspricht.
    Also Manni: "¿Habla usted español?"

    Eine Leserempfehlung
  6. Das erwähnt Manfred ja in einem Nebensatz:

    "Was ihn häufig ärgert:

    der Egoismus der *Krankenhäuser, die fertige Bewerber wollen, mit perfekten *Deutschkenntnissen, Arbeitgeber, die noch nicht verstanden haben, dass *Recruiting aus dem Ausland aufwendiger ist – und dass die *Pflegerinnen eine intensive Betreuung brauchen, besonders am Anfang."

    Wobei die mit Sternchen versehenen Wörter beliebig austauschbar sind.

    Man kommt jedenfalls in etwa zur Lösung, weshalb es hierzulande keine "geeigneten Bewerber" gibt.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Frage"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    tut er das. Aber wie Sie schon schreiben, gewisse Dinge sind austauschbar. Es ist in jedem Fall für viele Arbeitnehmer eine unbefriedigende Situation.

    • krabak
    • 22. Juli 2013 13:47 Uhr

    Ob es wohl die letzte oder doch erst die vorletzte Stufe des von Deutschland in Deuropa geführen Wirtschaftskriegsraubzuges ist?

    Machen wir uns doch einmal nichts vor. Die billigen Arbeitskräftemassen, die von den Stalinisten seit dem Bau des "antifaschistischen Schutzwalls" an der Flucht in den goldenen Westen gehindert worden waren, wurden durch die billigen Italiener, Spanier und dann durch die noch billigeren Türken und Kurden ersetzt.

    Nun flutet wieder die Masse billiger Arbeitskräfte aus den südeuropäischen Bankrottstaten in das gelobte Land der Neuen Sozialen Marktwirtschaft, wo die hoffnungsgetriebenen Niedriglohnarbeitskräfte ein probates Mittel sind, "die verfluchten Tarife abzubauen" (siehe auch: www.literaturknoten.de/li...).

    Europa, heiliges Europa. So lange wie sich die Menschen in diesem Europa aber als Lohndrücker und Lohnwucherer gegeneinander von den Shareholdern und Regierungskadern instrumentalisieren und von den sogen. Medien das Modell The MONDRAGON Corporation tabuisieren lassen, so lange bleibt dieses Europa der Archipel Gulag Europeenne.

    Aber diese Einsicht wird sich über kurz oder lang auch als Mehrheitseinsicht durch die Wirklichkeit dieser modernen Zwangsarbeits- und Werksvertragsleiharbeitslagersysteme dieser Neuen Sozialen Marktwirtschaft zwangsläufig einstellen. Wir brauchen nur am Ufer des Flusses sitzen, um den Kadver dieser Gesellschaft bald schon an uns vorbei schwimmen zu sehen.

    2 Leserempfehlungen
  7. Man Man wie ich würde mir als Deutscher ja richtig verarscht vorkommen, da muss ich mit meinen hohen Steuern dafür zahlen das die Arbeitgeber in Deutschland an billige verzweifelte Arbeitskräfte kommen mit denen man dann Druck ausüben kann auf meinen Lohn das ist echt frech :-D

    Man sollte endlich wieder die Arbeitsmärkte abschotten, weil dann könnte der Markt spielen und in guten Zeiten können die Arbeitgeber höhere Löhne fordern und in schlechten Zeiten können die Arbeitgeber die Löhne wieder ins richtige Lot bringen das hat jahrelang funktioniert.

    Aber seit der Öffnung der Arbeitsmärkte hat man als Arbeitsnehmer in guten Zeiten Druck auf den Lohn und in schlechten erst recht

    5 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service