Bei Steinke im Zimmer ist gute Stimmung. "Die sind wirklich alle super, so interessiert." Er stemmt die Hände in die Seiten, "wir müssen Gas geben, wir sind im zeitlichen Verzug". Es ist halb eins, er hat noch nichts gegessen. Drei Spanierinnen kommen jetzt herein, 600 Kilometer sind sie aus Alicante nach Sevilla mit dem Auto gefahren. Steinke kennt sie schon, im Herbst hatte er sie an eine Klinik in Bayern vermittelt. Dort hat es mit der Willkommenskultur nicht so geklappt, sie haben im Mai gekündigt. Es gab keine Hilfe bei der Wohnungssuche wie versprochen, der Sprachkurs war nur einmal die Woche, auch das war anders vereinbart worden. "Und die Arbeit, war die okay?" Alles andere wäre das Problem gewesen, sagen die jungen Frauen. An dem "alles andere" können Steinke und seine Kollegen etwas machen. "Ihr findet eine Arbeit", er verbessert sich: "Wir finden eine Arbeit." Es könne sehr schnell gehen, sagt er. "Nicht Kisten auspacken in Spanien, auspacken in Deutschland. Wir haben viele Möglichkeiten für euch." Die Klimaanlage surrt, "ihr kennt euch ja ein bisschen aus", er breitet eine Deutschlandkarte auf dem Tisch aus, "Hessen ist super".

"Dass die die so einfach haben ziehen lassen", Steinke schüttelt den Kopf, als die Mädchen den Raum verlassen. Was ihn häufig ärgert: der Egoismus der Krankenhäuser, die fertige Bewerber wollen, mit perfekten Deutschkenntnissen, Arbeitgeber, die noch nicht verstanden haben, dass Recruiting aus dem Ausland aufwendiger ist – und dass die Pflegerinnen eine intensive Betreuung brauchen, besonders am Anfang. Steinke kann dafür sorgen, dass sich die Bewerber heute wohlfühlen, er kann ihnen Lust auf Deutschland machen. Später, im Arbeitsalltag, müssen die Arbeitgeber sich einbringen. "Echt schade", er beugt sich zu seinem Partner rüber. "Die Mädchen vermitteln wir sofort, August, sag ich dir."

Im Warteraum des Arbeitsamtes haben die spanischen Kollegen Empanadas und Tortillas auf weißen Papierdeckchen ausgebreitet, es gibt Coca-Cola und alkoholfreies Bier. Steinke trinkt eine Cola aus der Dose und schiebt sich eine fettige Teigtasche in den Mund, langsam hat auch er Hunger. Neben ihm stehen die Vertreter der Kliniken. Wie läuft es?, möchte Steinke von ihnen wissen. Sie sind zufrieden: Die Bewerber sind sehr gut qualifiziert, in Spanien muss man studieren, um Krankenschwester oder Pfleger zu werden. Beide haben Hochglanzbroschüren dabei, auch das gehört zur Willkommenskultur. Damit es mit der Integration gut klappt, gibt es in der Hochtaunus-Klinik eine eigene Sozialpädagogin für die Spanier. Die geht mit zu den Behörden, organisiert Ausflüge nach Frankfurt, erklärt, was eine Winterreifenverordnung ist und wo man den nächsten Augenarzt findet. Bei den Kliniken Schmieder ist Lucie Keim für die Spanier da. Heimweh sei natürlich ein Thema. Auch Steinke ist da realistisch. "99 Prozent der Mädchen säßen nicht hier, wenn es die Krise nicht gäbe." Und auch die deutschen Kliniken hätten sich wohl die Reise nach Sevilla gespart, wenn es genug Bewerber in Deutschland geben würde. Es ist eine Zweckehe, keine Liebeshochzeit, die Steinke heute einleitet.

Es ist jetzt kurz vor vier, die Geschäfte haben die Rollläden heruntergelassen. Draußen sind es 39 Grad, drinnen 20 Grad, Steinke wischt sich den Schweiß von der Stirn, vier bis fünf Kandidatinnen müssten noch kommen. Eine hatte schon im Juli ein Vorstellungsgespräch in Deutschland und ist trotzdem extra noch mal aus Valencia angereist, sechs Stunden im Auto. Mehr als die Hälfte sind über 200 Kilometer gefahren, viele von ihnen waren noch nie in Deutschland, können sich kaum auf Deutsch verständigen. "Was die auf sich nehmen", sagt Steinke. Die letzte Bewerberin hat gerade den Raum verlassen, "ich bin ganz schön groggy". Fast alle Bewerber werden jetzt zum Probearbeiten nach Deutschland eingeladen. "Bin top zufrieden", sagt Steinke. Sein Kollege knotet seine Krawatte auf, Steinke rollt die Deutschlandflagge ein. Vor dem Zimmer kehren Putzfrauen in rosa Kitteln den Staub zusammen. Er hat jetzt Feierabend und möchte sich noch die Kathedrale von Sevilla angucken, die soll so schön sein. Als er über die Brücke läuft, ruft er plötzlich: "Das ist doch der Kölner Dom!" Er lacht. Das Ganze heute, sagt er, sei erst der Anfang. Das Arbeitsministerium plant jetzt schon, auch in Asien Krankenschwestern anzuwerben. "Wer weiß, vielleicht bin ich bald in Manila unterwegs?" Dagegen hätte Steinke nichts.

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