EntwicklungshilfeÖfen für alle

Die Hälfte der Menschheit kocht noch über offenem Feuer. Das will die andere Hälfte jetzt ändern. von Pierre-Christian Fink

Hätte Anne Odhiambo einen Ofen, dann müsste sie statt fünf Stunden nur noch eine Stunde kochen. In der gesparten Zeit könnte sie in ihrem Dorf Marenyo im Westen Kenias arbeiten. Die Armen dieser Welt würden allein durch den Besitz von Öfen jeden Tag hochgerechnet Hunderte Millionen Arbeitsstunden gewinnen.

Hätte Anne Odhiambo einen Ofen, dann müsste sie nicht länger den Rauch eines offenen Feuers einatmen. Daran sterben jährlich zwischen zwei und vier Millionen Menschen in den Entwicklungsländern – mehr als an Malaria.

Anzeige

Hätte Anne Odhiambo einen Ofen, dann würde sie zwei Drittel weniger Holz verbrauchen. Bislang werden in Kenia jährlich 3,5 Millionen Tonnen Feuerholz geschlagen. Wenn die Böden Kenias sich wieder erholen sollen, dürfte man höchstens 1,5 Millionen Tonnen Feuerholz roden.

Bislang aber kocht Anne Odhiambo, Mitte 30, jeden Tag am offenen Feuer. Oft gibt es einen Eintopf aus Mais und Bohnen für sie, ihren Mann und die fünf Kinder. Ständig muss sie in ihrem schwarzen, verbeulten Eisentopf umrühren. Die meiste Hitze erreicht nicht den Kochtopf, sondern entweicht zu den Seiten.

Mit der Hitze kommt der Rauch. Immer wieder muss Anne Odhiambo husten. Auf die Lehmwand ihrer Kochhütte hat sich Ruß gelegt. Jede halbe Stunde legt sie einen neuen Scheit ins Feuer. Der Holzhändler verlangt für einen Tagesvorrat die Hälfte dessen, was ihr Mann am Tag verdient. Also sammelt sie ihr Holz oft selbst in einem Waldstück. Um genug Holz für drei Tage zusammenzuklauben, braucht sie sechs Stunden.

In Deutschland bekommt man vom Otto-Versand für 99,99 Euro die Feuerschale namens Harmonie. Die Werbung verspricht "harmonische Stunden am wärmenden Feuer". Für die Reichen dieser Welt ist offenes Feuer ein Luxus, für die Armen eine Last. Rund drei Milliarden Menschen, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation, müssen jeden Tag auf offenem Feuer kochen.

Die Lösung scheint einfach: Bringt Öfen zu den Armen! So fordert es die Global Alliance for Clean Cookstoves, eine Initiative der Stiftung der Vereinten Nationen. Angeschoben wurde sie 2010 von der damaligen US-Außenministerin Hillary Clinton. Als Botschafterin für die Öfen wirbt die Schauspielerin Julia Roberts. Bis 2020 will die Global Alliance 100 Millionen Haushalte mit Öfen versorgen. Ende vergangener Woche trafen sich Experten zu einer Konferenz in Bonn, organisiert von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Es ging nicht um Willenserklärungen, sondern um praktische Details: Welche Strategien waren bislang am erfolgreichsten? Wie können Entwicklungshelfer aus verschiedenen Ländern nach den gleichen Standards arbeiten? Welche Öfen funktionieren am besten? Zum Abschluss der Konferenz sprach Hans-Jürgen Beerfeltz, immerhin ein Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Für viele Ofen-Experten war das schon ein gutes Zeichen. Denn jahrzehntelang hatte sich kaum jemand für ihre Arbeit interessiert. Wer Öfen zu den Armen bringen wollte, bekam wenig Geld und noch weniger Aufmerksamkeit. "So ein Ofen machte einfach nichts her, wenn der Minister auf Auslandsreise war", sagt ein lang gedienter Entwicklungshelfer.

Inzwischen denken die Minister an etwas Neues: den Klimawandel. In einem offenen Feuer sehen sie jetzt eine Quelle von schwarzen Kohlenstoffpartikeln. Diese wurden lange unterschätzt – das Kyoto-Protokoll von 1997 erwähnte sie nicht einmal. Doch seit 2007 warnt der UN-Klimarat vor den Partikeln. In diesem Januar hat eine neue Studie die Schätzungen noch einmal nach oben korrigiert. Es sieht inzwischen so aus, als könne schwarzer Kohlenstoff die Atmosphäre ähnlich stark aufheizen wie Kohlendioxid. Wenn drei Milliarden Menschen über dem offenen Feuer kochen, sind auch die übrigen vier Milliarden betroffen. Es liegt jetzt im Eigeninteresse der Reichen, Öfen zu den Armen zu bringen.

Leserkommentare
  1. Liebe ZEIT Carbon Black ist auf deutsch schlicht und einfach Ruß.

    Es steigt nicht die Hitze auf, sondern warme ( oder heiße ) Luft.

    7 Leserempfehlungen
  2. Ich geb zu, ein grundsätzliches Problem mit der Angelegenheit zu haben.
    Wer sind "die Armen"?
    Wer sind "die Reichen"?

    Wie ist Europa zu dem geworden, was es ist?
    Was ist Evolution?
    Im wiki-Artikel zum "Kachelofen" finden sich nette historische Hinweise. Man hätte nicht gedacht, daß sich zum Thema Bezüge in die Zeit Friedrichs des Zweiten finden

    Vor ~300 Jahren gab es in Europa (konkret: Preußen) ähnliche Probleme.
    Die Ressource Feuerholz war knapp, die Kochstellen bzw. Feuerstellen allgemein waren "einfach".
    Das Problem lag auf dem Tisch des Königs, welcher sich bekanntermaßen "erste Diener seines Landes" verstand.
    Die Herrschaft bemühte sich, die intellektuellen Ressourcen des EIGENEN Landes zu mobilisieren. Ansätze einer technischen Evolution müssen wohl dagewesen sein sein, und die Obrigkeit bemühte sich um eine schnelle Verbreitung der "modernen" Öfen.

    Meine Frage:
    Wo bleiben die intelligenten Dorfschmiede in der Sahelzone?
    Seit Jahrzehnten wird über das Feuerholzthema in Entwicklungsländern diskutiert.
    Warum immerwieder der Ruf nach internationaler Wohlfahrt?
    Wieso führen lokale Evolution und lokale Märkte offenbar zu so wenig Erfolg?

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    liegt vermutlich an der Bevormundung.
    Erst Kolonialherren und nun NGOs. Man fragt sich was eher die Entwicklung hemmt. Der Kolonialherr wollte wachsende Wirtschaft um Produkte abzuziehen (zu stehlen) dafür musste er in die Infrastruktur investieren.
    Die NGOs brauchen Arme und Hilflose um eine Existenzberechtigung zu haben.
    Hilfe zur Selbsthilfe muss aber die Lösung sein.
    Es gibt genügend Projekte die so funktionieren.. aber Herdverteilen oder Essenverteilen ist kontraproduktiv.

    Problem ist eher das nicht nur die Öfen schlecht, in Europa gab es schon im Mittelalter oder vermutlich schon in der Bronzezeit mehr Technik als heute teilweise in Afrika. Liegt vermutlich daran das in Europa die Grundvoraussetzungen wesentlich besser sind als in Afrika.

  3. liegt vermutlich an der Bevormundung.
    Erst Kolonialherren und nun NGOs. Man fragt sich was eher die Entwicklung hemmt. Der Kolonialherr wollte wachsende Wirtschaft um Produkte abzuziehen (zu stehlen) dafür musste er in die Infrastruktur investieren.
    Die NGOs brauchen Arme und Hilflose um eine Existenzberechtigung zu haben.
    Hilfe zur Selbsthilfe muss aber die Lösung sein.
    Es gibt genügend Projekte die so funktionieren.. aber Herdverteilen oder Essenverteilen ist kontraproduktiv.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zitat aus dem Artikel:

    Selbst wenn die Technik funktioniert – wie soll sie unter das Volk gebracht werden? Die Global Alliance will keine Geschenke verteilen, sondern einheimische Märkte für Öfen schaffen. Die Armen sollen sich selbst helfen, nicht den Reichen dankbar sein.

  4. Zitat aus dem Artikel:

    Selbst wenn die Technik funktioniert – wie soll sie unter das Volk gebracht werden? Die Global Alliance will keine Geschenke verteilen, sondern einheimische Märkte für Öfen schaffen. Die Armen sollen sich selbst helfen, nicht den Reichen dankbar sein.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Bevormundung"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ist der Artikelinhalt zumindest widersprüchlich, denn siehe anderes Zitat:

    "Es liegt jetzt im Eigeninteresse der Reichen, Öfen zu den Armen zu bringen."

    Das ist sehr wohl der paternalistische Ansatz.

  5. ist der Artikelinhalt zumindest widersprüchlich, denn siehe anderes Zitat:

    "Es liegt jetzt im Eigeninteresse der Reichen, Öfen zu den Armen zu bringen."

    Das ist sehr wohl der paternalistische Ansatz.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt keine "harmlosen Orte" mehr - noch weiter überspitzt könnte man sagen - es gibt keine Naturlandschaft mehr auf der Erde - alles ist Kulturlandschaft, weil alles von unseren Emissionen - den Emissionen der menschlichen Species als Ganze unmittelbar betroffen ist.
    Und - da muss man nicht auf Tschernobyl und Fukushima verweisen - auch Flüsse und die Atmosphäre enden nicht an Länder- oder Systemgrenzen.
    Insofern bedarf es vielerlei Arten von Zusammenarbeit, um da "Hilfe zur Selbsthilfe" zu ermöglichen. Das "Monitoring" - und die Aufklärung und Schulung gerade von lokalen Kräften an solchen Systemen - etwa, wie hier eben an und mit Öfen - das ist ein mühsamer Prozess in Anbetracht der allerorten überwältigenden "Macht der Gewohnheit" und dem daraus überwiegend abgeleiteten Recht, "Business as Usual" stetig weiterzuführen.
    Erst wenn man indes Teams vor Ort eben in dieser Hinsicht als verlässliche Partner gewinnt - und dazu gehört intensive Vertrauensarbeit und Schulung - aber eben nicht im Sinne des "Kampfes der Kulturen", sondern - auf Augenhöhe - als beiderseitige Win-win-Situation - dann kann so ein Projekt zum Selbstläufer werden und - die Win-win-Situation wirklich "nachhaltige" und "zukunftstaugliche" Früchte tragen. Das erfordert viel Arbeit und manche Frustrationsbekämpfung. Es sollte so jedoch für alle eine Bereicherung - an Erfahrung, Lebensqualität und - eben auch ökonomisch mit sich bringen.

  6. neben den rocket-stove hörte man auch schon von anderen Projekten.
    Und dann immer wieder: "erzählen von nachlässigen Besitzern, die den Ruß nicht abkratzen; von eifrigen Besitzern, die zu viele Holzscheite in den Ofen stecken; von stolzen Besitzern, die ihre Öfen mit Kacheln verkleiden. Das Ergebnis: Die Öfen werden langsamer heiß, verbrauchen mehr Holz, stoßen mehr Rauch aus. Manchmal geben die Nutzer den Ofen ganz auf und kochen wieder über dem offenen Feuer."

    Das hört7liest man auch zu anderen (Selbsthilfe-)Themen, da nützt dann nichtmal das Schenken als Initialzündung was und das ist dann weiß Gott nicht die Schuld "der Reichen".

  7. 7. Das...

    Problem ist eher das nicht nur die Öfen schlecht, in Europa gab es schon im Mittelalter oder vermutlich schon in der Bronzezeit mehr Technik als heute teilweise in Afrika. Liegt vermutlich daran das in Europa die Grundvoraussetzungen wesentlich besser sind als in Afrika.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    " in Europa gab es schon im Mittelalter oder vermutlich schon in der Bronzezeit mehr Technik als heute teilweise in Afrika. Liegt vermutlich daran das in Europa die Grundvoraussetzungen wesentlich besser sind als in Afrika."

    Die Pauschalierung reizt zum Widerspruch. ... bzw. welche Voraussetzungen waren bei uns besser?
    Lt. dem Altphilologen Egon Flaig sei als eine solche das Aufhalten der Mauren durch Karl Matell im Jahre 732 gesehen.
    Für den anderen Fall sah er ein Szenario für Europa, wie es in Schwarzafrika Realität wurde.
    Also die Sklavenjagd als ein zentrales Thema der afrikanischen Miseren.

    ....Wobei dann Euroäer zwar als Käufer auftraten, die Versklaver aber andere waren.....
    ...... die Kolonialpolitik der Engländer, Zurückdrängung der Sklaverei......

  8. Welch neverending story mit den Öfen für die Armen. Und das schöne Geld das dafür verschwendet wurde, insbesondere für diese ganzen Experten und Selbstbeweihräucherer. Das ist nur noch peinlich.

    Eine einfache Analyse der ganzen Interventionen und tollen Erfindungen der letzten 40 Jahre würde reichen um festzustellen dass Entwicklung nicht von den Geberländern kommen kann, das müssen die Armutsländer schon selbst in die Hand nehmen und vor allem auch Verantwortung dafür tragen.

    Dazu kommt noch dass es keine, oder so gut wie keine, Koordination der jeweiligen Interventionen seitens der Geber gibt und diese nach den wirklichen Bedürfnissen abgestimmt werden. Jeder macht was überall und in allen möglichen Bereichen mit zum Teil sogar gegensätzlichen Ansätzen.
    Es werden politische Entscheidungen getroffen und diese dann durchgedrückt mit Experten und Geld ohne überhaupt genaue Kenntnisse vorab der wirklichen Situation auf der operativen Ebene zu haben.

    Aus diesen Gründen gehört auch die "Ofengeschichte" zu den zahllosen gescheiterten Geschichten der Entwicklungshilfe. Es dient lediglich den Karrieristen die meistens nur alte (zum Teil 40 Jahre alte) Ideen aufwärmen und neu verkaufen. Dafür muss man nicht mal im Busch gelebt haben wo die Probleme immer noch fast die gleichen sind (auch wenn es mittlerweile Handys und Internetcafes gibt).

    Das Gießkannenprinzip hat noch nie funktioniert, nirgendwo in der Welt.

    3 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Kenia | Entwicklungshilfe | GIZ | Holz
Service