Dass sich Politiker selbst beschimpfen, kommt praktisch nie vor. In der Europäischen Union ist es doch passiert: Mehr als 90 Prozent der europäischen Bestände seien überfischt; die Fischer zögen an Kabeljau, Makrele und Hering nur noch einen Bruchteil dessen aus dem Meer, was sie in den sechziger und siebziger Jahren in die Häfen brachten. Und mit dem Fisch stürbe die einst stolze Branche: Von 1990 bis 2007 sei die Zahl der europäischen Fischer von 300.000 auf weniger als die Hälfte geschrumpft. "Die Politik hat versagt", bescheinigte sich die Europäische Union vor vier Jahren selbst. Heute steht fest: Dieser Offenbarungseid war notwendig für die anschließende Wende zum Besseren.

Jahrzehntelang war der Fischfang in Europas Meeren, vom warmen Mittelmeer bis in die Gewässer der nördlichen Nordsee, ein Synonym für die brutale Ausbeutung der Ressourcen. In den Augen der Öffentlichkeit symbolisierte die Überfischung die Grenzen des Wachstums. Das hat sich geändert. Inzwischen kommt Lob sogar von professionellen Kritikern der Fischereipolitik. "Ende der zerstörerischen Fischerei in Sicht" – so jubelte bereits Ende vergangenen Jahres die politische Vertretung des Umweltverbandes WWF in Brüssel. Vor wenigen Wochen legte das Umweltnetzwerk "Ocean 2012" nach: Mit dem gemeinsamen Beschluss von Europäischem Parlament, EU-Kommission und 27 Nationalregierungen zur kommenden Fischereipolitik habe Europa einen "riesigen Schritt zum Ende der Überfischung" gemacht. Schon 2015 würden die meisten, spätestens 2020 sogar sämtliche Fischbestände in Europa nachhaltig bewirtschaftet werden.

Was ist passiert? Mit Maria Damanaki steht der EU-Fischereikommission seit 2010 ein Frau vor, die sich ehrgeizige Ziele setzte: eine neue Fischereipolitik mit Fangquoten und anderen Vorgaben, die nicht länger in Brüsseler Hinterzimmern, sondern von Meeresbiologen bestimmt werden sollten. Langfristige Pläne sollte es geben, getragen vom Gedanken der Nachhaltigkeit.

Damals schien das wie eine Utopie. Doch inzwischen hat Damanaki ihre Ziele weitestgehend erreicht: Bis 2008 erlaubten die Regierungen ihren Fischern noch bei rund der Hälfte der Bestände höhere Quoten, als für eine nachhaltige Fischerei geboten waren. Bei einzelnen Arten und Fanggebieten sorgte der Lobbydruck dafür, dass die Fangquoten um das Achtfache überschritten wurden – so wie 2007 beim schottischen Schellfisch.

Die Fangquoten entscheiden über Wohl und Wehe der Fischbestände, sie sind der Dreh- und Angelpunkt. Ob Kabeljau und Hering vor Norwegen oder Makrelen vor Spanien: So wie ein verantwortungsvoller Förster nur so viel Holz einschlägt, wie nachwächst, so legt eine gute Fangquote fest, wie viel Fisch man fangen darf, ohne den Bestand des kommenden Jahres zu schmälern. Bei gesunden Beständen liegen typische Werte zwischen einem Fünftel und einem Drittel. Sind die Bestände schon zu klein, sinken die Fangmengen bis hin zum totalen Fangverbot. Sogenannte "empfohlene Fangquoten" lassen sich die europäischen Regierungen schon lange alljährlich vom Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) vorlegen. Und in der Theorie ist das ganz einfach: Werden die Empfehlungen befolgt, stehen die Weichen ganz automatisch in Richtung großer und gesunder Bestände. Aber in der Praxis wurden die Ratschläge von Politikern, die die Quoten festsetzten, eben oft ignoriert.

Wenn die Bestände schrumpfen, geht irgendwann auch die Fischerei zugrunde. Eine Zeit lang konnten die Fischer mit längeren Beutezügen, mehr Motorkraft und wuchtigeren Netzen noch dagegenhalten. Aber schon zu Damanakis Amtsantritt trieb der Teufelskreis aus Überfischung, sinkenden Fängen und dem immer verzweifelteren Einsatz von Geld, Menschen und Maschinen die Fischer in den Bankrott. "Das ist das Gesetz der unkontrollierten Fischerei; sie sägt sich den Ast ab, auf dem sie selbst sitzt", sagt der Fischereiwissenschaftler und frühere ICES-Generalsekretär Gerd Hubold.

Das gemeinsame Ziel von Meeresbiologen und Umweltverbänden ist nicht, dass insgesamt weniger gefangen wird. Im Gegenteil. Wenn die Bestände wachsen, können die Fischer wieder mehr fangen, und das mit weniger Aufwand. Schätzungen zeigen, dass der Wert der Fänge in der EU um 15 Milliarden Euro anwachsen kann, wenn die Bestände wieder alte Höchstmarken erreicht haben. Beim Fisch können Ökologie und Ökonomie Hand in Hand gehen. Das ist der eigentliche Grund hinter Damanakis Erfolg, darum begrüßen heute selbst die Fischereivertreter konsequentere Regelungen der EU. Sie haben erkannt, dass sie davon profitieren.

Beifangquote zwingt Fischer zur Rücksicht

Tatsächlich nähert sich die Politik bei ihren Quotenfestsetzungen seit einigen Jahren mehr und mehr den Empfehlungen der Wissenschaft an. 2012 durften die Fischer nur noch bei elf Prozent der Bestände mehr aus dem Meer nehmen, als der ICES nahegelegt hatte.

Die Geschwindigkeit, mit der sich manche Bestände erholt haben, hat selbst erfahrene Meeresbiologen überrascht. 2005 waren praktisch alle erforschten Bestände überfischt – der Anteil lag bei unglaublichen 94 Prozent. Seitdem fällt diese Quote und ist 2013 bei 39 Prozent angekommen. Tendenz: weiter sinkend. Im Gegenzug steigt kontinuierlich der Anteil der Bestände in "sicheren biologischen Grenzen" von 26 Prozent 2004 auf zuletzt 59 Prozent. Diese Bestände könnten zwar noch größer sein, sind aber auch nicht mehr gefährdet. Der Bericht, den die Fischereikommission unter dem Titel "Konsultation zu den Fangmöglichkeiten" jedes Jahr den Ministern der Mitgliedsländer vorlegt, belegt den Erfolg eindrucksvoll: Gesunken ist auch die Zahl jener Bestände, die mit einem totalen Fangverbot geschützt werden müssen. 2007 waren es noch 20, heute sind es elf.

Auch andere Forderungen der Umweltverbände setzt die EU um. Der Beifang – ungewollt gefangene Fische, die sterbend oder tot zurück ins Meer geworfen werden – konnte früher bis zu 40 Prozent eines Fangs ausmachen. Das solle künftig verboten werden, wenngleich "fünf Prozent leider erlaubt bleiben", erklärt der Meeresbiologe Rainer Froese vom Geomar – Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, der die Fischereipolitik der EU seit Jahren lautstark kritisiert.

In Zukunft müssen die Fischer den Beifang mit an Land bringen, und das zwingt sie zur Rücksicht. Denn auch Beifang kostet wertvolle Ladefläche an Bord, ist aber meist unverkäuflich. Also haben die Fischer jetzt selbst ein Interesse daran, den Beifang zu begrenzen, etwa mit anderen Netzen. Froese hat auf vielen Reisen Aufklärungsarbeit für Abgeordnete in Europa geleistet. "Ich bin überrascht, wie viel die Parlamentarier inzwischen über die komplizierte Materie wissen", freut er sich. Die Folge: Sogar für die EU-Flotten in fremden Meeren, etwa in den Gewässern vor Afrika, gelten in Zukunft die strengen Regeln der heimischen Gewässer.

Dass die EU sich in Zeiten der Wirtschaftskrise gegenüber traditionellen Fischereinationen wie Spanien durchsetzen konnte, erklärt sich Froese mit dem öffentlichen Druck, der auch dort zugenommen habe. Im April 2013 etwa hatten sich 220 spanische Wissenschaftler in einem offenen Brief an Agrarminister Miguel Arias Canete gewandt, damit Spanien seinen Widerstand gegen verbindlichere Fangquoten aufgibt. "Auch die spanischen Fischer haben erkannt, dass sie den Druck auf die Bestände zurücknehmen müssen, um langfristig erfolgreich fischen zu können", sagt Matthias Keller vom Bundesverband der deutschen Fischindustrie.

Die europäischen Regierungen haben einen entscheidenden Schritt getan. Zu tun gibt es aber auch künftig noch. Einzelne Arten wie etwa der Blauflossen-Thun, der europäische Aal und der Dornhai sind noch immer stark bedroht. Und nachdem der ICES für dieses Jahr zum ersten Mal Quotenempfehlungen nicht nur für 40, sondern für 80 Bestände ausgesprochen hat, stieg der Anteil der Bestände, bei denen die Politik über die empfohlenen Fangquoten hinausgegangen ist, wieder von elf auf 29 Prozent an. "Die Überschreitungen betreffen vor allem die neu aufgenommenen Bestände", sagt Gerd Krauss, Direktor des Thünen-Instituts für Seefischerei in Hamburg. Es ist also nur scheinbar ein Rückfall, denn früher wurden solche Bestände überhaupt nicht reguliert. Tatsächlich haben die Meeresbiologen die Latte für die EU also höhergelegt. Und die Staatengemeinschaft hat sich verpflichtet, das zu akzeptieren.