Diese Geschichte kann nur an diesem einen Ort beginnen. Der kleine Flachbau im Schwarzwalddorf Waldkirch, der sich hinter den monströsen Fertigungshallen für die Achterbahnen versteckt, ist die Zelle, aus der das Spaßimperium der Familie Mack entstanden ist. Ein sorgsam gehegtes Gärtchen umgibt das Wohnhaus von Franz Mack, der den Vergnügungsmaschinenhersteller Mack Rides geführt und 1975 zusammen mit seinem Sohn Roland den Europa-Park gegründet hat. Der Park war anfänglich nur als Ausstellungsgelände für die eigenen Achterbahnen und die anderen Attraktionen geplant. Es sollte anders kommen.

Hinter dem Gebäude in Waldkirch, in dem Franz Mack 2010, im Alter von 89 Jahren, gestorben ist, fließt die Elz. Würde man dem Flüsschen ein paar Kilometer folgen, stünde man irgendwann im familieneigenen, erfolgreichsten und beliebtesten Freizeitpark Europas, einer gigantischen Vergnügungsstätte, die sich heute über 940.000 Quadratmeter erstreckt, vergangenes Jahr 4,6 Millionen Besucher angezogen und einen Umsatz von 350 Millionen Euro gemacht hat. Die fünf dazugehörigen Hotels sind zu über 90 Prozent ausgelastet. Immer mehr Firmen halten im sogenannten Confertainment-Center Konferenzen ab, um danach nebenan den Mitarbeitern den ganzen Spaß zu bieten.

Keine Freizeitaktivität ist bei den Schweizerinnen und Schweizern so beliebt wie ein Besuch des Europa-Parks. Eine Million fahren jährlich ein- oder mehrmals nach Rust, etwa um sich für knapp 40 Euro in die Schweizer Bobbahn zu setzen oder im Schweizer Themenbereich Raclette und Walliser Weißwein zu trinken. Die Rendite, so hört man, ist höher als bei den Disney Parks in Paris. Neue Attraktionen wie etwa die Holzachterbahn Wodan finanziert die Familie Mack aus dem Cashflow.

Um den Erfolg des Europa-Parks zu verstehen, muss man in Waldkirch, wo alles angefangen hat, ein leicht ansteigendes Weglein hochgehen, die Alarmanlage des Hauses außer Betrieb setzen – und dann steht man in einem Raum, der aussieht, als sei er von seinen Bewohnern eben erst verlassen worden. Rechts das Schlafzimmer, in dem die Kinder und die Enkel jedes Wochenende geschlafen haben. Links dasjenige von Franz Mack und seiner Frau Liesel. Dann die Küche, vor der steht ein Globus, auf dem der Schriftzug prangt: "Die weite Welt ist mein Feld". Geradeaus das Wohnzimmer, verstellt mit Sesseln in Blumenmustern. Und in so einem sitzt nun Michael Mack, der im Park für die strategische Geschäftsentwicklung und in Waldkirch in der Geschäftsleitung von Mack Rides vertreten ist. Er vertritt die achte Generation der Familie, ist der Enkel von Franz und der Sohn von Roland Mack, dem jetzigen Chef des Unternehmens. Michael Mack sagt: "Ins Wohnhaus meines Großvaters führen wir nur unsere besten Kunden aus Asien und Amerika. Denen gefällt halt Geschichte."

Man könnte es Besessenheit nennen, was der Vater seinen Söhnen vorlebt

An diesem Ort also, den man auch bieder nennen könnte, hat Franz Mack seinen Söhnen und Enkeln den Virus eingeimpft, einen Virus, den sein Sohn Roland Mack in einem Hauptsatz ausdrückt: "Ich fordere Leidenschaft ein." Hier hat Franz Mack seinen Sohn Roland sonntags in den Keller gerufen, ans Reißbrett, auf dem er seine fliegenden Bauten zeichnete: "Das musst du können, das ist etwas Anständiges." Hier hat er seinen Kindern Sätze auf den Weg gegeben, die sie verinnerlicht haben: "Mehr als ein Schnitzel kannst du nicht essen." Oder: "Hast du keinen Kredit bei einer Bank, musst du auch niemandem dankbar sein." Und: "Sei immer nahe am Menschen."

Das alles erzählt Michael Mack, der 34-Jährige, als sei es gestern gewesen, um dann, mit einem melancholischen Unterton, den Satz anzufügen: "Ich muss noch beweisen, Großartiges leisten zu können." Man muss diese Demut verstehen. Es ist nicht leicht, ein Sohn von Roland Mack zu sein. Der Vater ist einer, der seine beiden Söhne Michael und Thomas um acht Uhr morgens auf dem Festnetz anruft, um zu überprüfen, ob sie im Büro sind. Auch heute hat er sich schon früh bei Michael gemeldet. Und zwar aus Singapur, wo er gerade auf einer Messe des Weltverbandes für Vergnügungsparks weilt. Sein Anruf galt einem vermeintlichen Versäumnis des Sohnes, er habe angesichts der zu erwartenden Europa-Park-Besucher zu wenig Showzeiten programmiert. "Muss ich dir nun auch noch aus Singapur sagen, wie es geht?", raunzte er ins Telefon. Der Vater war falsch informiert. Entschuldigt aber habe er sich nicht, sagt Sohn Michael. Er erzählt dann, wie er mit 18 Jahren seinen Vater davon überzeugen wollte, ihm die Verantwortung zu übertragen, einen Freizeitpark in der Ukraine aufzubauen, nach dem Vorbild des Europa-Parks. Der Vater habe dazu nur einen Satz gesagt, der wiederum von seinem Vater hätte stammen können: "Du kannst nur ein Pferd reiten." Die Ausbruchspläne des Sohnes waren damit beerdigt.