Mario Draghi? Einer von uns, würden viele Keynesianer heute sagen. Schließlich hat der Präsident der Europäischen Zentralbank die Mitgliedsländer des Euro mit neuen Billionen geflutet und für niedrige Zinsen allerorten gesorgt. Jetzt können die Staaten mehr neue Schulden aufnehmen als gedacht und das zusätzlich geliehene Geld für das ausgeben, was die Jünger des lange verstorbenen britischen Ökonomen John Maynard Keynes "Wachstumspolitik" nennen: Geld ausgeben, das man nicht hat, damit mehr Jobs entstehen und mehr Steuern gezahlt werden, sodass am Ende alle reicher sind, die Bürger und der Staat.

Doch Mario Draghi ist keiner von denen, die sich auf die heilende Kraft der Schulden verlassen. Der italienische Ökonom und Banker weiß, dass Wohlstand dauerhaft nur auf eine Weise gewonnen wird: Die Nationen müssen ihn sich verdienen, mit guter Bildung und Forschung, konkurrenzfähigen Löhnen und flexiblen Sozialsystemen. Mit den frischen Billionen hat Draghi höchstens Zeit für Europa gewonnen, aber noch keinen neuen Wohlstand gesichert. Auf Dauer gesehen, muss er das Geld entweder wieder einsammeln, oder die Währungszone schlittert in Inflation und Verarmung.

Das Problem: Europas Regierungen nutzen die von Draghi teuer gewonnene Zeit erschreckend schlecht. Das gilt vor allem für Frankreich. Der Staat dort ist groß (was nichts Schlechtes sein muss), aber über alle Maßen bürokratisch (was sehr schlecht ist). Das Arbeits- und Sozialwesen funktioniert nach dem Motto "Nehmen ist seliger als Geben".

Zudem ist Frankreich nicht irgendein EU-Land. Ohne ein stabiles Frankreich, das seinen Wohlstand selbst verdient und für Deutschland ein starker Partner ist, kann die Euro-Zone gar nicht dauerhaft überleben. Und ohne Pariser Reformen dürfte auch Draghis Bank mit ihren Billigkrediten erhebliche Verluste einfahren – Verluste für die Steuerzahler Europas.

Also zeigt sich Draghi jetzt nicht als Anhänger von Keynes, sondern als Strukturreformer, fordert von Frankreich harte Arbeits- und Sozialreformen und verlangt, dass die EU schneller als geplant überprüft, ob die Mitgliedsländer die Reformvorgaben erfüllen.

Recht hat der oberste Zentralbanker. Am Ende entscheiden nicht ein paar Milliarden Euro mehr oder weniger darüber, wie die Krise ausgeht. Überwunden wird sie nur, wenn die wichtigsten Mitgliedsländer stärker aus ihr hervorgehen, als sie hineingestürzt sind.