Aktivistin Josephine Witt"Femen ist Teil meiner Identität"

Ende Mai zog Josephine Witt sich in Tunis aus, um für die Freilassung einer Frauenrechtlerin zu demonstrieren. Sie wurde festgenommen und verbrachte 29 Tage im Gefängnis. Jetzt ist sie zurück in Deutschland – und spricht über ihre Haft, den Nacktprotest und die Kritik an Femen. von  und Annika Sartor

DIE ZEIT: Frau Witt, wie geht es Ihnen?

Josephine Witt: Ich bin erleichtert, stehe aber noch unter Schock. Wie fast alle Gefangenen hatte ich gesundheitliche Probleme in der Haft. In der zweiten Woche hatte ich einen Kreislaufkollaps. Jetzt bin ich in Behandlung, auch psychologisch. Es geht mir vergleichsweise gut. Der Tunesierin Amina Tyler, gegen deren Festnahme wir protestiert haben, geht es dreckig. Sie ist noch im Gefängnis, und ich weiß jetzt, was das bedeutet.

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ZEIT: Wie haben Sie die Haft erlebt?

Witt: Bei der Festnahme wurden wir geschlagen, getreten und bedroht. Es gab eine Odyssee durch mehrere Gefängnisse, wir haben auf nacktem Steinboden geschlafen. Dort waren Blut, Urin, Erbrochenes. Später gab es eine medizinische Untersuchung, die ich als Körperverletzung bezeichnen würde. Schließlich waren wir mit knapp dreißig Frauen in einer Gemeinschaftszelle. Wir konnten uns in den vier Wochen einmal duschen, mussten uns anziehen wie Kleinkinder, ich bekam eine rosafarbene Hose und ein Comic-T-Shirt. Vor Gericht wurden wir zwangsverschleiert. Wir wurden ständig erniedrigt. Das hat einen komplett zerstört. Wenn ich jetzt lese, wie der Menschenrechtsbeauftragte Markus Löning die Haft verharmlost, werde ich wütend. Die Bundesregierung wollte sich möglichst raushalten. Uns blieb nur zu hoffen. Ich hasse Hoffnung inzwischen. Sie macht einem klar, wie hilflos man ist.

ZEIT: Sie waren zunächst zu vier Monaten Haft verurteilt worden. Beim Berufungstermin vergangene Woche haben Sie sich für Ihren Nacktprotest entschuldigt und kamen auf Bewährung frei.

Witt: Das ist so nicht richtig, meine Aussage wurde falsch übersetzt. Wir haben uns dagegen entschieden, uns zu entschuldigen. Ich bereue nur, dass die Muslime in Tunesien unsere Aktion falsch verstanden haben, und das habe ich dem Richter auch so gesagt. Ich wusste, wenn ich vier Monate in diesem Loch bleiben muss, werde ich nie wieder politische Arbeit machen können. Ich hätte das nicht durchgestanden. Also habe ich ein bisschen Reue gezeigt.

ZEIT: Was war der Auslöser für Ihre Protestaktion?

Witt: Amina hat uns kontaktiert, als sie in Tunesien einen Femen-Ableger gründen wollte. Wir wussten, dass sie ein Risiko eingeht, aber ihr Mut hat uns inspiriert. Ich habe in dieser Zeit fast täglich mit Amina geskypt. Als sie verhaftet wurde, war klar, dass Femen jetzt eine Solidaritätsaktion machen muss.

ZEIT: Wie kommt so eine Entscheidung zustande?

Witt: Wir verlassen uns auf die Empfehlungen der Femen-Schwestern mit der meisten Erfahrung. Das sind die Gründerinnen aus der Ukraine. Aber ob ein Protest stattfindet oder nicht, entscheiden wir demokratisch nach ausführlichen Diskussionen. Das letzte Wort haben diejenigen, die den Protest machen.

ZEIT: Sie haben im Gefängnis Ihren 20. Geburtstag erlebt, erst seit Februar sind Sie bei Femen. War es verantwortungslos von der Gruppe, Sie als Neuling für diese Aktion auszuwählen?

Witt: Ich bin kein Neuling. Ich bin schon lange politisch aktiv, schon lange Feministin und schon viel gereist. Ich war im April beim Protest gegen Wladimir Putin in Hannover dabei. Ich bin körperlich fit. Es war meine eigene freie Entscheidung. Niemand hat mir gesagt: Du machst das jetzt.

ZEIT: War Ihnen das Risiko bewusst?

Witt: Man geht da nicht blauäugig hin. Wir haben uns lange vorbereitet und darüber diskutiert. Unsere größte Sorge war es, von radikalen Islamisten entführt zu werden. Wir hatten aber erwartet, abgeschoben zu werden, wenn uns die Polizei aufgreift.

ZEIT: Sie wohnen noch bei Ihren Eltern. Haben Sie Ihre Familie vor der Reise informiert?

Witt: Meine Eltern wussten, dass ich nach Tunesien fahre. Was genau ich dort vorhabe, habe ich nicht erzählt, um sie zu schützen. Sie machen sich natürlich Sorgen um mich, aber sie haben mich nicht an der Reise gehindert. Meine Eltern sind mit allem, was passiert ist, sehr professionell umgegangen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf undifferenzierte Polemik. Danke, die Redaktion/sam

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    Entfernt. Bitte diskutieren Sie im Kommentarbereich den konkreten Artikelinhalt. Danke, die Redaktion/sam

  2. 2. [...]

    Entfernt. Wir würden uns über konstruktive Beiträge freuen. Danke, die Redaktion/sam

  3. Wer bezahlt eigentlich die Flüge, die Aufenthalte? Die sehr jungen Studentinnen ohne nennenswertes Einkommen?

    Wer finanziert Femen? Und warum?

    Darüber würde ich mir eine ausführliche Recherche der Zeit wünschen...

    31 Leserempfehlungen
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    Geld könnte von der Organisation Open World aus den USA kommen ,bei der die Gründerin der Femen, Anna Hutsol, im Jahr 2007 an einem Leadership-Programm teilnahm.Der Chef der Organisation ist ein gewisser James H. Billington, Russland-Berater im einflussreichen Think Tank Council on Foreign Relations. Das Kapital der Organisation kommt ,neben privaten Spenden, fast ausschließlich vom US-Kongress.
    Jede Aktivistin soll nach Recherchen der italienischen Tageszeitung Il Foglio 1000 Euro im Monat erhalten + Flug, Hotel, Taxis, Essen.

    • ovozim
    • 07. Juli 2013 11:29 Uhr

    Es wäre mit Sicherheit kein Zeichen gesellschaftlichen Fortschritts, wenn wir alle anfingen, jedes zivilgesellschaftliche Engagement auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit abzuklopfen. Dieses Engagement nimmt vielfältigste Formen an, hat meistens einen ehrenamtlichen Hintergrund und ist in diesem Sinne unbezahlbar.

    Angesichts der kriminellen Machenschaften oder Inkompetenzen mancher hochbezahlter wirtschaftlicher "Eliten" sind das "Kosten", über die sich jeder vernünftige Demokrat freuen sollte.

    Dazu gibt's in der aktuellen Capital einen interessanten Artikel zu dem Geschäftsmodell von Femen. Der Renner im Webshop sind Boop prints, die sozusagen in 'Fließbandarbeit ' produziert werden.

    Interessant auch die Rolle von Viktor Swjatskij, dem Chefdogmatiker im HIntergrund - quasi der Patriarch der Feministinnen.

    Wieso sollte sich eine 29jährige Studentin aus offebar gutem Haus nicht einen Flug nach Tunesien leisten können? Und blankziehen kostet auch nüscht.

    Die Suche nach irgendwelchen "Hintermännern" und "Finanziers" oder wer einen "Nutzen" von Femen ist schon sehr paternalistisch. Als ob sich junge europäische Frauen nicht selbst organisiern und finanzieren könnten. Oder suchen sie schon wieder den starken Mann, der mit Kalkül die Frauen für seine Interessen nutzt?

    "Mit Protestaktionen erreichen die ukrainischen Feministinnen ein weltweites Publikum. Dass an ihrer Spitze ein Mann steht, verheimlichen sie. Auch bei den Spenden fehlt die Transparenz."
    http://www.sonntagszeitun...

    Es gibt Recherche.;)

    "ZEIT: Gibt es Umstände, unter denen Sie auf Ihre Protestform verzichten würden, aus Rücksicht?

    Witt: Bisher sind mir keine eingefallen. Wir müssen die universellen Menschenrechte überall auf der Welt verteidigen. Darum ist auch unser Protest überall auf der Welt gerechtfertigt. "

    Ja, diese Begründung der notwendigen Rücksichtslosigkeit, wird jeder radikaler "was auch immer" vorbringen.

    Und das sie nicht für logische Argumente zugänglich sind, oder gar Fehler eingestehen können zeigen sie hier:

    "Unter anderem protestierten barbusige Aktivistinnen vor einer Moschee in Berlin gegen die angebliche Unterdrückung der Frau im Islam. Jetzt protestieren muslimische Frauen gegen Femen."
    http://www.3sat.de/page/?...

    • dacapo
    • 07. Juli 2013 18:18 Uhr

    .......den Femen, denn die können Ihnen eine Antwort geben. Warum überhaupt stellen Sie diese Frage hier? Die Antwort wäre interessant.

  4. 4. [...]

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    Antwort auf "[...]"
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    Entfernt. Kritik an Moderationsentscheidungen richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/sam

  5. 5. [...]

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    Antwort auf "[...]"
    • zackhh
    • 07. Juli 2013 11:17 Uhr
    6. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/sam

  6. Respekt für den Mut und ihr Engagement, leider ist sie und anscheinend auch ein Teil der Femen-Bewegung etwas naiv und die Überlegungen der jungen Damen greifen zu kurz, wie das Interview sehr gut herausarbeitet. Hier wurden die richtigen Fragen gestellt. Die Antworten klingen zum Teil sehr durchgearbeitet.

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