Der flugunfähige Dodo lebte einst auf der Insel Mauritius. © Mautitius

Im Töten ist der Mensch Meister: Seit er die Erde bevölkert, hat er Tausende Arten ausgerottet. Mammut, Quagga, Beutelwolf – sie wären vielleicht heute noch am Leben, wenn der Mensch respektvoller mit ihrem Lebensraum umgegangen wäre. Auch der flugunfähige Dodo würde wohl noch durch den Regenwald auf Mauritius watscheln – hätte der Mensch nicht vor rund 300 Jahren Ratten auf die Insel gebracht, die Vogeleier und Küken fraßen. Erst heute wird ihm bewusst, dass die verlorenen Spezies bleibende Lücken im Ökosystem hinterlassen haben. "Die Welt vermisst sie", sagt der amerikanische Umweltaktivist Stewart Brand. Er träumt davon, das Artensterben ungeschehen zu machen. 24 ausgerottete Tierarten will er auf die Erde zurückholen.

Ein ehrgeiziges Vorhaben, aber Brand ist fest entschlossen. Für sein Projekt De-extinction hat er im vergangenen Jahr rund 40 Fachleute aus unterschiedlichen Forschungsfeldern gewonnen. Mit verschiedenen Verfahren – etwa dem Klonen, der Rückzüchtung und der Gentechnik – wollen die Arbeitsgruppen noch in diesem Jahrzehnt die ersten Tiere wiederauferstehen lassen.

Den Anfang soll nicht gleich das sagenumwobene Mammut machen, sondern erst einmal die Wandertaube. Mit ihrem rostroten Bauchgefieder und dem stahlgrauen Kopf war sie außergewöhnlich schön, im 19. Jahrhundert zählte sie zu den häufigsten Vogelarten der Welt. Fünf Milliarden Einzeltiere soll es einst gegeben haben. Wie riesige Wolken fegten die viele Quadratkilometer großen Schwärme über Nordamerika.

Heute sind noch genau 1.532 Exemplare übrig. Sie stehen ausgestopft in Museen, ihr Gewebe trägt aber große Mengen an gut erhaltenem Erbmaterial in sich. Deshalb ist die Wandertaube wohl der aussichtsreichste Kandidat für eine Wiederbelebung. Der junge Genetiker Ben Novak und die amerikanische Evolutionsbiologin Beth Shapiro arbeiten daran, mehrere Genome zu sequenzieren, also Stück für Stück zu entschlüsseln.

Wenn alles gut geht, kennen sie am Ende den kompletten genetischen Bauplan der Vögel. Körperbau, Gefiederfarbe, Stimmklang – alle Eigenschaften sind darin niedergeschrieben. Um lebendige Wandertauben zu erschaffen, reichen die Informationen aber nicht aus. Die Forscher nehmen eine Vogelart zu Hilfe, die noch lebt: die in Westamerika heimische Schuppenhalstaube.

Ihr Erbgut soll ebenfalls entziffert und dann mit dem der Wandertaube verglichen werden. Da die beiden Vögel eng verwandt sind, werden die Wissenschaftler auf viele ähnliche DNA-Abschnitte stoßen. An ein paar Stellen muss das Genom der Schuppenhalstaube aber von dem der Wandertaube abweichen. Diese Regionen wollen Novak und Shapiro mit gentechnischen Werkzeugen aus ihrem Erbgut ausschneiden. Die Lücken werden sie mit den entsprechenden Wandertauben-Abschnitten flicken. So verwandeln sie das Erbgut der grau gefiederten Schuppenhalstaube buchstäblich schrittweise in das der rostroten Wandertaube.

Mit dem Genom wollen die Forscher Embryonen erschaffen, die in einem Taubenei zu Küken heranwachsen sollen. Ihre Keimzellen werden – so die Hoffnung der Wissenschaftler – die Erbinformationen von Wandertauben in sich tragen. Wenn sie sich später paaren, könnten aus ihren Eiern echte Wandertauben schlüpfen.

"Genome Editing" heißt das Verfahren. Mit ihm könnten Fachleute theoretisch fast jede Tierart auf die Erde zurückholen. "Vielleicht sogar das Mammut", sagt Brand. Eine romantische Idee, die einen entscheidenden Haken hat: Das Mammut-Genom ist nur etwa zu 70 Prozent aufgeschlüsselt. Die Forscher könnten nur Fragmente davon ins Elefanten-Erbgut schleusen. Mit viel Glück würde daraus ein Elefantenbaby mit zotteligem Fell und übergroßen Stoßzähnen, aber kein echtes Mammut.

Am Ende leiden die Klone

Außerdem ist noch längst nicht klar, ob das Verfahren überhaupt funktioniert. Novak und Shapiro sind die Ersten, die es ausprobieren. Gut möglich, dass sich ihr Experiment in die lange Liste der gescheiterten Wiederbelebungsversuche einreihen wird. Auch deshalb will Steward Brand gleich mehrere Projekte vorantreiben. Zum Beispiel das von Alberto Fernández-Arias. Der spanische Tiermediziner und seine Mitarbeiter hatten bereits vor zehn Jahren den ersten Versuch unternommen, den Pyrenäensteinbock zu klonen. Die Zellen stammten aus tiefgefrorenen Gewebeproben des letzten Einzeltiers, das 2000 starb. Die Forscher hatten Zellkerne isoliert und in leere Eizellen von Ziegen geschleust. Tatsächlich gebar eine der sieben Leihmütter ein Junges. Doch der kleine Bock hatte fehlgeformte Lungen und erstickte nach wenigen Minuten.

Missbildungen und Krankheiten kommen bei geklonten und gentechnisch erzeugten Tieren immer wieder vor. Das Klonschaf Dolly litt schon als Jungtier unter Alterserscheinungen wie Arthritis. Schuld waren Schäden in ihren Genen. Denn anders als normale Jungtiere kommen Klontiere nicht mit einem "frischen" Erbgut auf die Welt, ihre Gene entstammen schließlich alten Zellen, in denen sich bereits zahlreiche Mutationen angesammelt haben.

"Das ist das große Problem der Gentechnik: Am Ende leiden die Tiere", sagt der Bioethiker Hank Greely von der Stanford University in Kalifornien. Zwar gebe es in den meisten Ländern Gesetze zum Schutz von Versuchstieren. In den USA seien diese aber recht lasch. Und die strikteren Vorschriften des Public Health Service gälten nur für staatlich geförderte Forschungsvorhaben. Die De-extinction-Projekte werden von Stiftungen und privaten Spenden finanziert.

Weniger kritisch sieht Greely die älteste der Wiederbelebungsmethoden: die Rückzüchtung. An ihr versucht sich Henri Kerkdijk-Otten. Er will den 1627 ausgestorbenen Ur in die Wälder Europas zurückholen. Einen Teil seiner Gene tragen Hausrinder bis heute in sich. Die Forscher wollen sie so kreuzen, dass ihre Kälber möglichst viele dieser Gene in sich tragen. Von Generation zu Generation sollen die Kreuzungen den Uren ähnlicher werden. Nicht nur äußerlich, sondern auch genetisch. "Echte" Ure holen die Forscher so zwar nicht zurück. Dafür erschaffen sie keine lebensunfähigen Laborkreaturen. Zudem könnten sie den Ur problemlos auswildern, da es in Europa bis heute Landstriche gibt, die seinem natürlichen Habitat ähneln.

Bei anderen Spezies wäre das undenkbar. Etwa beim Dodo. In seinem Lebensraum tummeln sich immer noch die Ratten.

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