DiabetesRettende Inseln

Sie könnten extrem kranken Diabetikern helfen. Aber brauchbare Spenderorgane werden oft verworfen. von Dietrich Richthofen, von

Das Einzige, was Lydia Kerner von der rettenden Transplantation trennt, ist das deutsche Transplantationsgesetz. Die 48-jährige Diabetes-Patientin, die weder ihren richtigen Namen noch ihren Wohnort in der Zeitung lesen will, steht auf der Warteliste für eine sogenannte Inseltransplantation.

Mehr als 12.000 Menschen warten hierzulande auf ein neues Herz, eine neue Leber oder ein anderes Organ. Doch die Spendenbereitschaft ist mau, und nach den Skandalen um manipulierte Organvergaben hat sie noch weiter abgenommen. Händeringend wird nach Alternativen zu den Organspenden gesucht: Zum Beispiel nach modifizierten Tierorganen oder Ersatzteilen, die aus körpereigenen Zellen im Labor herangezüchtet werden. Viele Ansätze sind zwar verheißungsvoll, aber noch lange nicht dem Laborstadium entwachsen.

Anzeige

Manchmal – wie im Fall von Lydia Kerner – versperrt schlicht die Bürokratie den Weg zur rettenden Therapie. Obwohl in Deutschland ausreichend Spendergewebe für sie vorhanden wäre, kann sie nicht transplantiert werden – die aktuelle Fassung des deutschen Transplantationsgesetzes führt dazu, dass brauchbare Organe verworfen werden, bevor sie zu ihr gelangen.

Lydia Kerner leidet unter Typ-1-Diabetes, einer Autoimmunerkrankung, bei der die körpereigene Immunabwehr die Inselzellen, die den Blutzuckerspiegel regulieren, angreift und zerstört. Mit den Jahren ist die Krankheit so weit fortgeschritten, dass sie es nicht mehr wahrnimmt, wenn ihr Blutzucker abfällt. Plötzlich fällt sie in Ohnmacht und gerät in lebensbedrohliche Unterzuckerung – etwa einmal pro Woche passiert ihr das. Autofahren? Für sie undenkbar. Selbst vor dem Schlafengehen hat sie Angst: Ob sie am nächsten Morgen wieder aufwacht?

Kerners letzte Hoffnung ist nun eine Inseltransplantation. Pankreas-Inseln, auch als Langerhanssche Inseln bezeichnet, sitzen wie eine Art Miniorgan in der Bauchspeicheldrüse. Sie regulieren den Blutzuckerspiegel, indem sie die Hormone Insulin und Glucagon produzieren. Bei der Behandlung werden aus der Bauchspeicheldrüse eines Organspenders die Langerhansschen Inseln herausgelöst, im Labor aufbereitet und als Zellsuspension in die Pfortader gespritzt, die die Leber mit Nährstoffen versorgt. Die Zellen siedeln sich in winzigen Blutgefäßen in der Leber an und stabilisieren von dort aus die Blutzuckerschwankungen.

Es ist ein kleiner chirurgischer Eingriff, für die meisten Patienten jedoch ein großer Zugewinn an Lebensqualität: Zwar ist das Verfahren noch nicht als Standardtherapie etabliert, ersten Studien zufolge sind jedoch bis zu 90 Prozent der transplantierten Diabetiker ein Jahr nach dem Eingriff frei von schwerwiegenden Unterzucker-Episoden, etwa die Hälfte kommt über längere Zeit sogar ganz ohne Insulinspritzen aus. Und auch die Spätfolgen der Diabetes-Erkrankung sind einer Vergleichsstudie zufolge deutlich geringer als bei einer Insulin-basierten Therapie.

Organspende

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Grafik: Organspende
Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.  |  © Simone Gödecke

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird.

Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle Eurotransplant geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht.

Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden.

Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Spenden nach dem Tod

Wer in Deutschland nach dem Hirntod seine Organe spenden möchte, muss einer Entnahme ausdrücklich zustimmen. Seit dem 1. November 2012 gilt dazu ein neues Transplantationsgesetz: Jeder Krankenversicherte wird regelmäßig angeschrieben und gefragt, ob seine Organe im Todesfall verwendet werden dürfen.

Wie bisher gibt es einen Organspendeausweis. Darin steht, ob derjenige generell mit einer Organ- und Gewebespende einverstanden ist oder auch nicht. Die Bereitschaft lässt sich auch einschränken: Wer etwa nicht möchte, dass sein Herz entnommen wird, kann dies auf dem Ausweis vermerken.

Bisher wurden, wenn ein möglicher Spender zu Lebzeiten nichts verfügt hatte, nach seinem Tod die Angehörigen gefragt, ob sie einer Spende zustimmen. Auch in Zukunft werden Angehörige informiert, wenn ein potenzieller Spender verstirbt. Maßgeblich ist juristisch dann aber der zu Lebzeiten formulierte Wille des Verstorbenen.

In Österreich und Belgien gilt eine Widerspruchslösung: Hier zählt jeder von Geburt an als Organspender. Wer gegen eine Entnahme von Gewebe und Organen ist, muss dies ausdrücklich erklären. Allerdings wird auch in diesen Ländern immer auch mit den Angehörigen gesprochen und geklärt, ob Einwände gegen die Spende bestehen.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hat die wichtigsten Fragen und Antworten zur Neuregelung der Organspende zusammengefasst.

Spenden im Leben

Das seit 1997 geltende Transplantationsgesetz regelt auch Organspenden während des Lebens. Auch nach der Reform von 2012 gilt: Wer zeitlebens etwa eine Niere spenden will, muss volljährig sein und über alle Risiken aufgeklärt werden. Ein Organ kann nur Verwandten, Ehegatten, Lebenspartnern oder engen Freunden gespendet werden. Jeder Lebenspender hat aber heute einen Anspruch gegen die Krankenkasse des Organempfängers auf Krankenbehandlung, Vor- und Nachsorge, Rehabilitation sowie Krankengeld.

Organe dürfen nur in den deutschlandweit gut 40 Transplantationszentren übertragen werden. Wer als Empfänger infrage kommt, ist auf einer Warteliste vermerkt. Bei jedem Organ wird geprüft, wer es am dringendsten benötigt und bei wem die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung am größten erscheinen. Dabei ist es unabhängig, ob eine Person arm oder reich, berühmt oder der Öffentlichkeit unbekannt ist. Nach den jüngsten Skandalen wurden die Kontrollen verschärft.

Das Gewebegesetz ergänzt das Transplantationsgesetz und regelt unter anderem die Entnahme von Knochen, Knorpeln, Augenhornhäuten und Herzklappen.

Der Handel mit Organen ist nach dem Gesetz verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Abgeschwächte Strafen gelten für den Verkauf und Erwerb von Produkten, die aus Gewebe und Organen hergestellt worden sind.

Seit mehr als zwei Jahren wartet Lydia Kerner schon auf die Transplantation – wie rund 20 weitere Typ-1-Diabetiker in Deutschland. Selbst bei einer sehr vorsichtigen Schätzung muss man davon ausgehen, dass in diesem Zeitraum an deutschen Transplantationszentren mindestens 20 Bauchspeicheldrüsen verworfen wurden, aus denen man Spendergewebe für Inseltransplantationen hätte gewinnen können.

Wer verstehen will, wie mitten in Deutschland, dem Land der Spendemuffel, dem Land der Transplantationsskandale, brauchbare Organe verworfen werden, anstatt sie an bedürftige Empfänger zu vermitteln, muss den Weg nachvollziehen, den eine Bauchspeicheldrüse nimmt, nachdem sie einem verstorbenen Organspender entnommen wurde:

Bei der Entnahme gilt die Bauchspeicheldrüse rechtlich als Organ. Als solches wird sie in Deutschland von Eurotransplant für eine Transplantation vermittelt. "Für diesen Eingriff brauchen wir hervorragende Organe von schlanken, gesunden Spendern", sagt Helmut Arbogast, Pankreastransplantationsexperte von der Münchner Uni-Klinik Großhadern. Ein guter Teil der Organe erfüllten diese Kriterien nicht – einige davon wären jedoch hervorragend für eine Inseltransplantation geeignet. Doch für die Vermittlung von Inseltransplantaten ist Eurotransplant in Deutschland nicht mehr zuständig.

Der Organisation obliegt nur die Vermittlung von Organen, das nationale Transplantationsgesetz unterstellt Zellen und Gewebe sowie Zubereitungen hieraus seit 2007 dem Gewebe- und dem Arzneimittelgesetz. Seit 2010 gilt dies auch für Langerhanssche Inseln, obwohl die aus medizinischer Sicht eigentlich eine Zwitterstellung zwischen Gewebe und Organ haben und deshalb auch als Inselorgan bezeichnet werden. "Ein Teil der gespendeten Bauchspeicheldrüsen geht deshalb bereits an dieser Stelle für die Inseltransplantation verloren", sagt Arbogast.

Leserkommentare
  1. Man führe wie in einigen anderen europäischen Staaten schon üblich eine Widerspruchsregelung ein, wonach jede Person, die postmortaler Organentnahme nicht widerspricht, automatisch Organspender wird, also den inversen Spenderausweis. Alle, die sich aus welchen Gründen auch immer als Spender verweigern, erhalten einen orangefarbenen Nichtspenderausweis und werden, sollten sie selber einmal ein Organ benötigen, ganz unten auf Transplantationswartelisten gesetzt, alle anderen gelten als potentielle Organspender. Das erspart frustrierende Diskussionen mit überforderten Angehörigen und trägt dazu bei, kriminelle Strukturen wie internationalen Organhandel zu schwächen. Die Chancen, im Falle einer Transplantation ein gut passendes Organ zu erhalten, steigen, die Kosten für die Behandlung mit Immunsuppressiva sinken und alle könnten zufrieden sein.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • FranL.
    • 11. Juli 2013 19:57 Uhr

    Lieber nicht. Ein menschlicher Körper ist kein "Volkseigentum". Ich stimme Ihnen zu, daß die Angehörigen mit dieser Entscheidung oftmals überfordert sind (abgesehen davon, daß sie meistens auch nicht wissen, wie sich der potentielle Spender tatsächlich entschieden hätte) und daher ist eine eingeschränkte Zustimmungslösung die ethischste.

    Bei dem in dem Artikel geschilderten Fall geht es auch nicht um das Fehlen von Organen, sondern darum, daß die Bürokratie die Transplantation verhindert.

  2. Es ist ein sehr interessanter Artikel, der verdeutlicht, dass mit anderen Gesetzen und pragmatischeren Regeln der Markt der Organspenden belebt werden kann. Mit einem kleinen Kniff des Gesetzgebers sind mehr Spender verfügbar, mehr Operationen machbar, mehr Menschen im Gesundheitswesen in Lohn und Brot zu bringen. Eine wahre Jobmaschine könnte hier anlaufen, wenn nur Berlin endlich zur Vernunft käme! Und, der Artikel stellt es in Aussicht: Auch der Patient könnte einen Vorteil haben.

    Nach Lektüre dieses Artikel wollte ich mehr erfahren und entdeckte in der ZEIT diese Studie [1], die nicht lösgelöst vom Artikel über eine Neuregelung der Organspendegesetze gelesen werden sollte.

    [1] http://www.zeit.de/kultur...

  3. Das Problem ist, dass es an diesem Tisch zuviel unterschiedliche Interessen gibt!

    Am wenigsten geht es dabei um das Wohl des Patienten!

    Aber viel geht es ums Geschäft. Wer darf wo mitmischen und verdienen? Wer darf was und wieviel zu sagen haben? Da sind auch viele Eitelkeiten zu befriedigen! Zu gerne werden mögliche Nachteile hingenommen, solange der eigene Vorteil stimmt.

    Anstatt alle zusammen an einen Tisch zu setzen, müsste man wohl besser alle bei Wasser und Brot solange zusammen einsperren, bis man sich einig ist - und die Patientenverbände das Ergebnis gutheißen.

    Wer glaubt daran? - Ich nicht!

    • FranL.
    • 11. Juli 2013 19:57 Uhr

    Lieber nicht. Ein menschlicher Körper ist kein "Volkseigentum". Ich stimme Ihnen zu, daß die Angehörigen mit dieser Entscheidung oftmals überfordert sind (abgesehen davon, daß sie meistens auch nicht wissen, wie sich der potentielle Spender tatsächlich entschieden hätte) und daher ist eine eingeschränkte Zustimmungslösung die ethischste.

    Bei dem in dem Artikel geschilderten Fall geht es auch nicht um das Fehlen von Organen, sondern darum, daß die Bürokratie die Transplantation verhindert.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Eine einfache Lösung"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Bürokratie hat Mangel zu verwalten. Dass sie verhindernd wirkt, hat durchaus mit der Masse der "Spendemuffel" zu tun. "Außerdem muss noch die Zustimmung des Organspenders oder seiner Angehörigen vorliegen, explizit auch Gewebe entnehmen zu dürfen", sagt Ludwig. "Diese Zustimmung wird häufig nicht eingeholt, was eine Inseltransplantation nach deutschem Recht unmöglich macht."

    Die Widerspruchsregelung, die sogar in den katholischen Ländern Italien, Polen und Spanien gilt, macht den menschlichen Körper nicht zum "Volkseigentum" im Gegensatz zu Bulgariens Notstandsregelung.

    Laut Widerspruchsregelung muss man seine Entscheidung nicht begründen, nur offiziell treffen. Ich fände es fair, wenn diejenigen, die sich nach dem Tod der Gemeinschaft zur Verfügung stellen, nicht auch diejenigen sein müssten, die einen Extraausweis mitführen.

  4. Die Bürokratie hat Mangel zu verwalten. Dass sie verhindernd wirkt, hat durchaus mit der Masse der "Spendemuffel" zu tun. "Außerdem muss noch die Zustimmung des Organspenders oder seiner Angehörigen vorliegen, explizit auch Gewebe entnehmen zu dürfen", sagt Ludwig. "Diese Zustimmung wird häufig nicht eingeholt, was eine Inseltransplantation nach deutschem Recht unmöglich macht."

    Die Widerspruchsregelung, die sogar in den katholischen Ländern Italien, Polen und Spanien gilt, macht den menschlichen Körper nicht zum "Volkseigentum" im Gegensatz zu Bulgariens Notstandsregelung.

    Laut Widerspruchsregelung muss man seine Entscheidung nicht begründen, nur offiziell treffen. Ich fände es fair, wenn diejenigen, die sich nach dem Tod der Gemeinschaft zur Verfügung stellen, nicht auch diejenigen sein müssten, die einen Extraausweis mitführen.

    Antwort auf "Widerspruchsregelung?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • FranL.
    • 13. Juli 2013 18:41 Uhr

    Es ist absurd explizit widersprechen zu müssen, wenn man seinen Körper nicht zur Verfügung stellen möchte. Insofern wird bei der Widerspruchsregelung sehr wohl aus dem Körper "Volkseigentum". Die Organe eines anderen Menschen per se zu beanspruchen, wenn kein Widerspruch vorliegt (der Spenderausweis vielleicht nicht einmal aufzufinden ist), halte ich für perfide. Die Widerspruchsregelung widerspricht auch dem Prinzip der Spende. In dem Fall kann man wohl eher von Beschlagnahme reden.

    Daß andere Staaten es auch tun ist kein Argument. Erinnert mich an die Kinderlogik, "Alle andere Kinder dürfen auch...".

    • FranL.
    • 13. Juli 2013 18:41 Uhr

    Es ist absurd explizit widersprechen zu müssen, wenn man seinen Körper nicht zur Verfügung stellen möchte. Insofern wird bei der Widerspruchsregelung sehr wohl aus dem Körper "Volkseigentum". Die Organe eines anderen Menschen per se zu beanspruchen, wenn kein Widerspruch vorliegt (der Spenderausweis vielleicht nicht einmal aufzufinden ist), halte ich für perfide. Die Widerspruchsregelung widerspricht auch dem Prinzip der Spende. In dem Fall kann man wohl eher von Beschlagnahme reden.

    Daß andere Staaten es auch tun ist kein Argument. Erinnert mich an die Kinderlogik, "Alle andere Kinder dürfen auch...".

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Statt Notstandslösung"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Diabetes | Gesundheitswesen | Bürokratie | Transplantationen | Organspende
Service