DIE ZEIT: Herr Teufel, Sie wollen im Salem Kolleg Abiturienten ein Jahr lang auf ein Studium vorbereiten. Sie verzögern dadurch den Studienstart, leisten etwas, was eigentlich Aufgabe von Lehrern und Eltern sein sollte – und nehmen dafür auch noch 24000 Euro. Wie kommen Sie dazu?

Gerhard Teufel: Wir beobachten bei den heutigen Abiturienten eindeutig einen höheren Bedarf an Orientierung. Die Absolventen werden immer jünger. Durch frühe Einschulung und kürzere Gymnasialzeit kommen vermehrt 17-Jährige an die Universitäten. Die mögen zwar intelligent sein, sind aber oft auch unreif. Viele wissen nicht, was sie nach dem Schulabschluss machen wollen. An den Hochschulen stoßen sie auf verschulte Studiengänge, in denen sie möglichst schnell für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden sollen. In der ganzen Bildungskette bleibt heute vielfach keine Zeit mehr dafür, innezuhalten und sich zu orientieren.

ZEIT: Und was ist mit den Eltern? Die sehen sich doch heutzutage als Coach für die Bildungsbiografie ihres Nachwuchses.

Teufel: Die wollen helfen, doch selbst wenn sie studiert haben, können sie das nur bedingt. Denn diese Elterngeneration kennt die heutigen Studiengänge ja gar nicht. Und es gibt mittlerweile Tausende Studienmöglichkeiten.

ZEIT: Da verlieren viele den Überblick?

Teufel: Statistiken zeigen, dass jedes Jahr Hunderttausende Studenten ihr Studium abbrechen oder das Fach wechseln. Viele junge Leute stolpern Hals über Kopf von der Schule ins Studium und merken erst spät, dass sie sich für das falsche Fach entschieden haben. Durch unsere intensive Vorbereitung ersparen wir ihnen einige Semester zielloses Studieren, Frust und letztlich auch Kosten.

ZEIT: Was lernen die Kollegiaten in dem Orientierungsjahr?

Teufel: Unser Konzept orientiert sich an den amerikanischen Liberal Arts Colleges, an denen man in verschiedene Fachdisziplinen reinschnuppern kann: Hirnforschung, Vertragsrecht, Konfliktmanagement. Das ist vergleichbar mit einem Studium generale. Wir wollen das Interesse an vielen Themen wecken und auf das wissenschaftliche Lernen vorbereiten. Dafür konnte ich Doktoranden der Studienstiftung gewinnen, die an drei Tagen in der Woche ins Kolleg kommen. Dazu wird es Recherchereisen geben und ein Outdoor-Leadership-Training im Gebirge.

ZEIT: Braucht man wirklich ein ganzes Jahr, um herauszufinden, was man studieren möchte?

Teufel: Es bringt meiner Ansicht nach nicht viel, so ein Angebot als Ferienkurs zu machen. Man braucht einfach Zeit, um junge Menschen persönlich weiterzuentwickeln und am Reifegrad zu arbeiten. Eine Studienentscheidung kann man möglicherweise schon nach ein paar Wochen treffen, aber Selbstvertrauen lässt sich nicht so schnell aufbauen.

ZEIT: Im September wollen Sie starten, bis 30. Juli kann man sich noch anmelden. Wie hoch ist bislang das Interesse?

Teufel: Wir hatten bisher rund 60 Anfragen und führen derzeit Auswahlgespräche. Für die 24 Plätze haben wir bereits zehn Zusagen.

ZEIT: Wer ist bereit, 24.000 Euro zu bezahlen?

Teufel: Wir sind offen für alle, aber die Kosten sind ein kritischer Punkt. Wir haben Bewerber, deren Eltern Hartz IV erhalten, und andere, die kommen aus Arztfamilien. Etwa die Hälfte der Bewerber würde nur mit einem Stipendium kommen. Wir können allerdings nur vier bis sechs Stipendien anbieten.

ZEIT: Geht es beim Kolleg auch darum, den jetzigen Salem-Schülern ein zusätzliches Angebot zu machen, mit dem sich Geld verdienen lässt? Oder darum, mehr Nachwuchs für das Internat zu gewinnen?

Teufel: Wir arbeiten nicht gewinnorientiert. Aber mit unserem Angebot können wir, wenn wir gut sind, den Glanz der Marke Salem mehren und eine neue Zielgruppe gewinnen. Und wir können damit auch die Kapazitäten im Internat besser auslasten. Mit der Umstellung auf das achtjährige Gymnasium in Baden-Württemberg und den anderen Bundesländern ist ein kompletter Jahrgang weggefallen. Von den jetzigen Schülern, die gerade in Salem ihr Abitur gemacht haben, wird übrigens keiner ins Kolleg gehen. Die fühlen sich alle durch die Internatszeit gut vorbereitet.