Ein Schutzgebiet der Nichteinmischung" nannte William S. Burroughs 1955 in seinem einflussreichen Aufsatz International Zone die marokkanische Stadt Tanger. Schon 1956 änderte sich der spezielle Status der Stadt, und die Beat-Poeten, die von der Atmosphäre der Selbstverwaltung und Freiheit in der internationalen Zone angezogen worden waren, übersiedelten nach Paris, wo ein kleines, schäbiges Hotel darauf wartete, von ihnen in den Legendenstatus erhoben zu werden. Aber was Burroughs über Tanger zu sagen hatte, war weder neu noch überholt. Was einmal auf der Welt ist, hat die Tendenz, immer wieder aufzutauchen, in unterschiedlichsten Verkleidungen.

"Die Anonymität, die durch Tor, Jabber und der Politik von WikiLeaks unterstützt wurde, erlaubte mir, dass ich mich wie ich selbst fühlen konnte, frei von Bedenken, abgestempelt zu werden, was mir oft im realen Leben passierte."

Bradley Mannings bewegende Aussage vor dem Militärgericht am 28. Februar 2013, in der sich dieser Satz findet, wird seit den PRISM-Enthüllungen des Edward Snowden mit Sicherheit wieder öfter verlinkt. Gelesen wird sie vermutlich weniger. Sie ist lang und voller technischer Details, aber in einigen Jahren, wenn diese Details einer vergangenen Welt angehören und im Leser kein Gefühl von technischem Analphabetentum mehr hervorrufen, wird unser Zeitalter vielleicht auch an ihr gemessen werden. Wie immer man später über die Stilisierung der Whistleblower zu Heiligen urteilen wird, man wird diese Rede als Schlüsseltext betrachten. Manning beschreibt in ihr seinen langen, schwierigen Entscheidungsprozess, seine Lektüre der Afghanistan- und Irak-Warlogs, seine Reaktion auf das seither als Collateral Murder bekannte Video der Erschießung unbewaffneter Zivilisten und Reuters-Journalisten durch einen amerikanischen Apache-Hubschrauber im Irak und seine vergeblichen Versuche, seine Entdeckungen über den ordentlichen Dienstweg bekannt zu machen.

Das beängstigend kalte Vorgehen der Soldaten im Hubschrauber beschrieb er so: "Auf mich wirkte das wie ein Kind, das mit einer Lupe Ameisen quält." Sein Entsetzen angesichts des Verhaltens der amerikanischen Besatzungskräfte brachte ihn schließlich dazu, Millionen geheimer Dateien an WikiLeaks zu schicken. Sein Bericht ist – nicht nur für einen nun beinahe drei Jahre lang unter extremen, teilweise mit Folter gleichzusetzenden Haftbedingungen gehaltenen Menschen – von erstaunlicher Luzidität und Aufrichtigkeit. Er hat sich in einigen Anklagepunkten für schuldig erklärt. Im günstigsten Fall wird er für lange Zeit hinter Gitter kommen. Manning flog auf, als er in einem Chatroom gegenüber einem Kollegen zugab, der Whistleblower zu sein. Der Kollege zeigte ihn an. Wäre das nicht geschehen, hätte man seine Identität mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals herausfinden können. Das Tor-Netzwerk garantierte seine Anonymität. Es ist, zumindest in diesem Augenblick der Geschichte, ziemlich genau das, wovon William S. Burroughs sprach: ein Schutzgebiet. Burroughs formulierte, ohne dass er es wusste, in seinem Aufsatz einige der anderen Haupteigenschaften des Tor-Netzwerks:

1. "Tanger scheint auf mehreren Ebenen zu existieren."

Das Internet wird oft von denjenigen, die solchen Dramatisierungen zugänglich sind, als ein globales Computerspiel begriffen, in dem mehrere Levels zu erreichen sind. Das erste Level ist das Internet, in dem wir uns täglich bewegen, Google-Land. Es gleicht einer großen Stadt unter kompetenter und flächendeckender Verwaltung. Unerwünschte Inhalte können gemeldet, Identitäten ausgeforscht und veröffentlicht werden. Die User hinterlassen ihre Fußspur an jedem Ort.

Das nächste hinter diesem oft als Surface Web bezeichneten Level ist das Deep Web. So werden all jene Inhalte bezeichnet, die nicht von herkömmlichen Suchmaschinen erfasst werden oder die kostenpflichtigen Datenbanken angehören. Das Tor-Netzwerk (das Akronym steht für The Onion Router) ist ein Teil des allgemeinen Deep Web und bezeichnet eine Sammlung von Seiten, die nur über den Tor-Browser erreichbar sind. Der Browser ist in den meisten Ländern frei downloadbar (in solchen mit strenger Internetzensur kann man ihn über den Mailbot gettor@torproject.org beziehen). Wenn man Tor verwendet, betritt man das Internet so, als würde man einen Fluss überqueren, indem man über die Rücken verschiedener Krokodile springt. Innerhalb kurzer Zeit ändert sich die Reihe der Krokodilrücken, und der Datenstrom zwischen dir und der angewählten Seite nimmt einen neuen Riesenumweg. (Bei herkömmlichem Internetgebrauch setzt man sich – um im gleichen Bild zu bleiben – einfach in das vom jeweiligen Provider eigens bereitgestellte Boot, das, für alle gut sichtbar, den Namen des Kunden trägt, und fährt in ihm, wohin man will.)

Jede Seite, die man über den Tor-Browser öffnet, sieht sozusagen immer nur das letzte Krokodil, den sogenannten exit node. Und auch der ändert sich ständig. Durch dieses im Grunde simple Prinzip ist ein hohes Maß an Anonymität gewährleistet. Es ist – und das ist der wichtigste Punkt – eine Anonymität via Design, nicht via Vertrauen. Denn es gibt natürlich auch andere Anbieter von Surf-Anonymität, aber die bedeuten in den meisten Fällen: kostenpflichtige Software und eine Firma dahinter, der man vertrauen muss, dass sie das Surfverhalten ihrer Kunden nicht irgendwann an andere Institutionen weitergibt.

Das Tor-Netzwerk wirkt wie eine Art ParallelInternet. Es besteht mehr oder weniger zur Gänze aus privaten Services, die von den Usern selbst angeboten werden. Diese hidden services, deren Webadressen so herrlich kurzzeitgedächtnisresistente Formen haben wie http://jhiwjjlqpyawmpjx.onion (die Adresse des Tor-Mail-Services), existieren wiederum in mehreren Dimensionen. Die Installation des Browsers ist schnell erledigt. Man muss sich nur noch entscheiden, auf welche Art man das Netzwerk nutzen will, als einfacher Client, der bloß Informationen bezieht, oder als Tor-Relay, über dessen Rechner auch unkontrolliert anonyme Datenströme laufen.

Das Erste, was auffällt, ist die Langsamkeit der Verbindung. Es wirkt wie ein Zeitsprung zurück in die Mitte der neunziger Jahre, als man von seinem Browser noch andauernd achselzuckend versichert bekam: Waiting for reply. Die Langsamkeit ist der Preis der Anonymität. Der Anfangspunkt eines Ausflugs ins Tor-Netzwerk ist für die meisten das sogenannte HiddenWiki, eine kommentierte Sammlung von Links im so genannten Onionland. Frühe Suchmaschinen wie Yahoo waren nichts anderes: Listen verfügbarer Links. Hier finden sich die elementaren Kategorien des Onionland, von denen nicht wenige in ihrer Offenheit überraschen. Geldwäschedienste, Killerdienste. Drogenhandel. Pornografie (je nach Tag und Version auch Kinderpornografie). Angebote für Whistleblower, Anarchisten, Filesharer. Alles, was am Rande der Gesellschaft existiert.

Eine Überwachung des Tor-Netzwerks ist zwar theoretisch (durch das Überwachen aller Knotenpunkte, das heißt aller Krokodilrücken, und die aufwendige statistische Analyse der Datenpakete) möglich, aber praktisch kaum durchführbar, und so siedeln sich hier die User an, die im überwachten Google-Land mit Strafverfolgung rechnen müssten. Der Schwarzmarkt – im Onionland poetisch als Silk Road bezeichnet – bietet jede Droge der Welt an, auch Feuerwaffen, militärische Ausrüstung, Sprengstoffe. Bezahlt wird mit Bitcoins, der digitalen Währung, deren Transaktionen nicht verfolgbar sind. Fast wäre man versucht, sich eine der Waren zu bestellen, um zu sehen, ob da wirklich jemand am anderen Ende sitzt. Denn vielleicht, so erhebt sich schon in den ersten Besuchsminuten eine Stimme, ist alles nur ein potemkinsches Global Village.

Dieser Eindruck verstärkt sich sogar noch, je länger man sich im Onionland bewegt.

Alle reden durcheinander im Onionland

2. "Niemand in Tanger ist genau das, was er zu sein scheint."

Man betritt einen seltsamen Außenbezirk, in dem es zunächst nur Oberfläche gibt. Nichts ist mehr verifizierbar, niemandem kann man vertrauen. Alles ist grell, verrückt, ungeregelt. Man kann sich gefälschte Pässe bestellen oder maßgeschneiderte Viren schreiben lassen. Aber viele dieser Services werden auf der Startseite von Zeit zu Zeit mit den Kommentaren "scam" oder "fake" bedacht.

Es heißt auch, man könne so ziemlich alle Bücher herunterladen, die als geheim oder verboten bezeichnet werden, aber es ist nichts darunter, was tatsächlich dieses Etikett verdienen würde. Mein Kampf oder die Manifeste von Anders B. Breivik kann man auch im normalen Web finden. Vom ersten Augenblick an bezweifelt man alles, was man sieht. Und je tiefer man eindringt, desto extremer und zugleich unglaubwürdiger wird alles. Man stößt auf eine Seite, auf der anonyme Beiträger über Dinge diskutieren, die einem beim Lesen die Augen verbrennen. Etwa über Kinder, denen die Arme und Beine abgeschnitten und die Augen ausgebrannt werden, damit sie als "dolls" oder "worms" verschickt werden können. Es wird behauptet, dass Menschen diese verstümmelten Kinder bestellten und sie geliefert bekämen, es werden Geschichten über den Verlauf solcher Transaktionen erzählt. Möglicherweise ist es die Wahrheit, möglicherweise auch nicht.

Alle reden durcheinander im Onionland. In einem der Hauptforen, wo alles Mögliche verhandelt wird – von der besten Art, sich das Leben zu nehmen (Nummer eins der Vorschläge: Helium inhalieren, sich einen Plastiksack über den Kopf binden und so sanft entschlafen), über generelle Einsamkeit bis hin zu unzugänglichem hacker talk –, stolpert der Neuling entsetzt über die Erwähnungen eines Mannes, der gerne entsetzliche Dinge mit Babys anstellen möchte. Was soll man damit anfangen? Vermutlich nichts. Da man kein Fahnder der Polizei ist, wird man sich anfangs hüten, mit irgendjemandem in Kontakt zu treten. Man lässt die Hände in den Taschen, keine Türklinke wird berührt, kein Link angeklickt. "Es kann nicht echt sein", versichert die gütige Stimme im Kopf.

Eine Bestätigung dieser Vermutung bieten die vielen, vielen lächerlichen Seiten, von denen das Onionland voll ist, etwa Blogs über Demokratie oder Anarchie, auf denen nun wirklich kein einziges Wort steht, für das man Verfolgung durch den Staat fürchten muss, im Gegenteil, man schiebt dort einander im Grunde nur schlechte Toleranz-Hip-Hop-Texte in Prosa zu. Ein anderer Dienst bietet "anonymous confessions" an, was auch kein ganz neues Konzept ist. Eine Seite zeigt die Untergrundtunnel der Virginia Tech University – okay, es ist illegal, sie zu betreten, aber andererseits auch atemberaubend unspektakulär, denn nichts wohnt in diesen Tunneln, sie sind leer; jeder Urban-Explorer-Blog im normalen Web ist faszinierender und transgressiver als das. Aber die Untergrundtunnel-Seite ist eben so ein typisches Tor-Ding, es hat den Geschmack des Verbotenen, aber ist doch mehr eine Vorübung, eine sehnsüchtige Geste in Richtung wirklicher Undergroundaktivitäten. Die neue Freiheit, die Anonymität, lässt die Leute alle möglichen Dinge anhäufen, die sie für verboten halten: anarchistische Manifeste, E-Books von Hakim Bey oder Alan Watts und sogar sagenhaft langweilige Zen-Handbücher. Eine Seite gibt sogar an, sie sei Teil eines Menschenexperimente-Netzwerks, Obdachlose würden entführt und in Lagerhallen untergebracht, wo man sie langsam umbringe – aber es ist so schlampig und unglaubwürdig gemacht, dass man einigermaßen beruhigt weiterklickt.

Natürlich gibt es die Deutung, dass die meisten Teile der besonders verstörenden Aktivitäten im Onionland nur Oberfläche sind ( fake), etwa im Sinne des Satzes, den der Sinologe Creel einst über Konfuzius schrieb: " He trusted the human race." Aber auch wenn man nicht so weit gehen will, gleich der ganzen Menschheit zu vertrauen, muss man doch zugeben: Die Erzählung vom Tor-Netzwerk ist mindestens so kraftvoll wie seine Elemente selbst. Es ist eine der großen Geschichten, die das Internet über sich selbst erzählt. Ein neuer mythologischer Raum, in dem es schwer erreichbare Levels gibt, unbetretbare Bezirke, heilige Kraftquellen und natürlich, im Herzen des Ganzen, die Zone: das, was nur der betreten kann, dem die Zone selbst es erlaubt. Menschen, denen das Tor-Netzwerk zum ersten Mal gezeigt wird, sitzen oft ehrfürchtig davor. Es ist der neutrale Boden, auf dem sich verfolgte oder von Zensur bedrohte Menschen frei äußern können. Es ist auch der Höllen-Spielplatz, den man besuchen kann, wenn es einem zu gut geht, wenn man sich zu sehr zu Hause fühlt auf der Welt, wenn man völlig frei atmet und dabei eine dumpfe Meldung schlechten Gewissens empfängt. Ein Schlechtfühl-Luxusangebot. Die notwendige, immer schon dazugedachte Schattenseite. Und als solche: ein schwindelerregend vollständiges Bild des menschlichen Geistes in unserem Jahrhundert.

Der Fluss von Informationen ist der Konsumentenanteil

3. "Die spezielle Anziehung von Tanger kann in einem Wort zusammengefasst werden: Verschonung. Verschonung vor Belästigungen, rechtlichen und anderen."

Es gibt zweifellos viele illegale Aktivitäten im Tor-Netzwerk. Und das Gefühl des Ausgenommenseins von jeglicher Strafverfolgung geht sogar so weit, dass Ende Januar 2013, als ein wichtiger Drogenanbieter auf der Silk Road sich eines Tages mit dem Geld seiner Kunden davonmachte, ein Aufschrei durch das Netzwerk hallte. Die Händler der Silk Road werden nämlich, so wie jene auf eBay oder Amazon, auch mit Feedback bedacht. Der Dealer galt als besonders vertrauenswürdig. Natürlich konnte niemand die Bitcoin-Transaktionen rückgängig machen oder herausfinden, wer er war. Berührend war die Entrüstung in den Kundenkommentaren.

Vor Kurzem hörte ich einen Bekannten den Scherz machen, wie sich wohl solche Kommentare auf einem Portal für Menschenhandel oder Kinderpornografie anhören müssten. Und das bringt uns nun zum schwierigsten Punkt der ganzen Sache, jenem Punkt, an dem meist die Diskussion abbricht.

Die Frage lautet: "Wenn du Tor unterstützt, unterstützt du dann sowohl Whistleblower, verfolgte Minoritäten und Aktivisten in Bürgerkriegsländern als auch Kinderpornohändler und Dealer?" Die Antwort scheint Nein zu sein. Das ist überraschend, aber ich glaube, es gibt tatsächlich einen wichtigen Unterschied. Er ist mitunter recht klein und auch nicht immer klar vorhanden. Aber versuchen wir ihn trotzdem zu bestimmen.

Wo es nur um Informationsaustausch geht, ist das Tor-Netzwerk wirklich das sagenhafte burroughssche Interzone-Gebilde, das Ausnahme-Gehege. Und das schließt auch die Verbreitung von verbrecherischen Bildern ein. Aber: Wenn es um die Verbindung mit menschlicher Interaktion in der Wirklichkeit geht, stimmt das nicht mehr ganz. Vor Kurzem drehte der niederländische TV-Journalist Alberto Stegeman eine Dokumentation über Kinderpornografie im Tor-Netzwerk, als Teil seiner Serie U ndercover in Nederland. Er trifft sich mit einem maskierten Mann, der ihm, in seiner düsteren elektronisch verstellten Stimme, von der im TOR-Netzwerk wild wuchernden Kinderpornografie berichtet. Das Netzwerk wird dabei als etwas Dämonisches und Unaufhaltsames dargestellt, verständlich in diesem Kontext. Stegeman tritt mit einigen Usern in Kontakt, gibt sich als Gleichgesinnter aus und drängt auf ein persönliches Treffen. Zu diesem Treffen kommt es tatsächlich, er schafft es, drei Männer festnehmen zu lassen. Sie werden angeklagt und verurteilt. Der springende Punkt: Stegeman verwendete auch Tor.

Das Netzwerk stellt keinerlei Sieg über Kinderpornografie dar, es erleichterte sogar, das ist unwiderlegbar, ihre Verbreitung in einem grotesken Maß. Aber es sorgt auch für einen völlig neuartigen Gleichstand der Kräfte. Polizisten verwenden Tor für Undercoverarbeit. Es geht bei Kinderpornografie, anders als bei Kriegsverbrechen oder Geheimdokumenten, nicht ausschließlich und nicht in erster Linie um den Fluss von Informationen. Der Fluss von Informationen ist der Konsumentenanteil – und natürlich ist er grauenvoll. Doch das größere Problem sind die Menschen, die Kinder vergewaltigen und missbrauchen. Sie sind auch auf dem Tor-Netzwerk und können erreicht werden. Wer Kinderpornografie bekämpft, dem ermöglicht das Netzwerk immerhin ein Vorgehen auf gleicher Ebene. Es zeigt außerdem, wie Jacob Appelbaum, einer der Mitentwickler von Tor, in einem Gespräch mit Julian Assange bemerkte, ein klareres Bild der wahren Ausmaße solcher Verbrechen, als es bisher möglich war. Sie wurden ja schon lange vor der Erfindung des Tor-Netzwerks begangen – aber jetzt werden sie relativ offen (und beinahe öffentlich) dokumentiert. Es ist so, als gäbe es in jeder Stadt eine bestimmte Wand, auf der die entsetzlichen Bilder und Videos projiziert werden. Auch wenn das eine unzumutbare Belästigung darstellt, ist es zumindest nicht mehr möglich, das Problem zu ignorieren. Ist das nun ein Vorteil oder ein Nachteil? Es übersteigt meine Fähigkeiten, das zu beantworten. Die Parameter sind verändert, das ist alles, was man sagen kann.

Und noch etwas kann man sagen: Alberto Stegeman trat mit drei Kindervergewaltigern in Kontakt, innerhalb weniger Minuten. Nach einigen Tagen waren sie bereits festgenommen. Hätte er das auch ohne das Tor-Netzwerk geschafft? Schwer zu sagen. Möglicherweise nicht. Hätten die drei Männer ihre grauenhaften Verbrechen ohne das Tor-Netzwerk begangen? Wer weiß. Sie wären vielleicht vorsichtiger gewesen. Sie hätten mit Sicherheit nicht so viele Bilder von ihren grausamen Taten verbreiten und auch nicht so leicht mit Gleichgesinnten in Kontakt treten können.

Bislang umgab solche Verbrecher immer ein Nimbus des Unantastbaren, möglicherweise ein in die Gesellschaft geworfener Schatten jener magischen Fernwirkung, die Vergewaltiger oft über ihre Opfer haben. Denn jeder Mensch – jeder, dessen Mitleid und moralisches Empfinden einigermaßen intakt ist – fühlt sich, in äußert abgeschwächter Form natürlich, ebenfalls missbraucht von ihnen, von ihrer Existenz. Er liest von ihnen und fühlt sich hilflos und ist allein mit seinen im Stillen wuchernden Rachefantasien. Es ist unmöglich, sich mit der Welt zu versöhnen, solange es sie gibt, und es wird sie immer geben.

Vielleicht ist dieses geheimnisvolle Onionland eine große Zaubermaschine, die solche bislang uneinholbaren Vorsprünge tatsächlich nivelliert, in vielerlei Hinsicht, manchmal zum Vorteil einer gerechteren Welt, manchmal zu deren Nachteil. Niemand hat mehr einen Vorsprung gegenüber einem anderen, jeder ist gleich geheim, gleich öffentlich. Tor schwemmt alles an die Oberfläche. Es gibt nur mehr Oberfläche.

Wohin wird es sich wohl entwickeln? Vieles ist denkbar. Vielleicht werden bald die USA und Europa alle Tor-Knotenpunkte dauerhaft kontrollieren und blockieren, so wie es die "Great Firewall of China" bereits jetzt tut. Am Ende wird es vielleicht nur eine kurze Geschichte gewesen sein, ein im Nachhinein höchst unwirklich erscheinender Augenblick schwindelerregender Freiheit. Vielleicht wird es so enden wie in William S. Burroughs’ trauriger Vision: "Tanger geht zugrunde wie das sterbende Universum, wo keine Bewegung mehr möglich ist, weil alle Energie gleich verteilt ist." Ich hoffe es nicht.