DIE ZEIT: Herr Liebig, der von Ihnen mitverfasste Migrationsausblick der OECD zeigt, dass Deutschland unter Arbeitsmigranten so beliebt ist wie nie zuvor – fast 300.000 kamen im letzten Jahr. Woher kommen die neuen Fachkräfte?

Thomas Liebig: Die meisten kommen nach wie vor aus den neuen EU-Staaten, diese Folge der Osterweiterung wird auch noch einige Zeit anhalten. Aber der größte prozentuale Anstieg ist bei Migranten aus den sogenannten südeuropäischen Krisenländern zu beobachten.

ZEIT: Die es aber großteils nicht lange in Deutschland aushalten, wie die Studie zeigt.

Liebig: Nur rund 40 Prozent der Migranten, die aus der EU in 2011 nach Deutschland gekommen sind, waren am Ende des Jahres 2012 noch hier. Die Hälfte der Griechen hatte es sich binnen eines Jahres anders überlegt, bei den Spaniern ist nur jeder Dritte länger als zwölf Monate geblieben.

ZEIT: Woran liegt das?

Liebig: Das Sprachproblem ist größer als gedacht. Deshalb investiert die Bundesregierung seit Anfang des Jahres etwa 140 Millionen Euro in spezielle Sprachkurse für junge potenzielle Auswanderer in ihren Heimatländern.

ZEIT: Bis die die Sprache beherrschen, wird es aber dauern.

Liebig: Die Effekte solcher Maßnahmen sind langfristig, das müssen wir derzeit schmerzlich erfahren: Noch vor zehn Jahren wurde das Angebot an Sprachkursen im Ausland aus Kostengründen heruntergefahren. Bis 2011 durfte das Goethe-Institut zudem keine explizit berufsvorbereitenden Kurse für Arbeitsmigranten anbieten. Dadurch wurde viel Potenzial verschenkt, das wir nun brauchen könnten.

ZEIT: Auch was die Abschlüsse angeht, fühlen sich Arbeitsmigranten oft lost in translation.

Liebig: Innereuropäisch sollte die Anerkennung von Abschlüssen für die meisten rein rechtlich kein Problem sein, das ist durch EU-Recht weitgehend geregelt. Wir sollten aber von den Arbeitgebern mehr Bereitschaft verlangen, ausländische Abschlüsse wirklich zu akzeptieren. Solange Unsicherheit und Vorbehalte, ob etwa ein griechischer Mechaniker halten kann, was sein Zeugnis verspricht, Einstellungen verhindern, kann ihr Fachkräftemangel doch nicht so dramatisch sein.

ZEIT: Es ist also nicht nur wichtig, was die Migranten mitbringen, sondern auch, wie wir sie empfangen.

Liebig: Das Wort "Willkommenskultur" war in letzter Zeit sehr in Mode – und es ist gut, dass wir über solche Dinge diskutieren. Hier gibt es einen Bewusstseinswandel, dass der Arbeitsmigrant nicht in erster Linie als potenzielles Problem wahrgenommen wird. Das könnte eine Chance für Deutschland werden, denn in anderen europäischen Ländern geht die Entwicklung derzeit eher in die andere Richtung. Migranten nehmen diese allgemeine Atmosphäre sehr stark wahr – auch, ob nur sie als Fachkräfte willkommen sind, ihre Angehörigen aber zum Beispiel nicht.

ZEIT: Abgesehen von Sprache, Abschlüssen und Willkommenskultur: Wo liegen sonst die größten Probleme?

Liebig:Beim sogenannten matching: Wie bringe ich den spanischen Ingenieur und den Unternehmer von der Schwäbischen Alb zusammen? Viele der Arbeitsmigranten ziehen ja zunächst in die großen Städte, Berlin, Hamburg, München, um dort nach Arbeit zu suchen. Aber den größten Bedarf hat der Mittelstand – und der sitzt häufig auf dem Lande.

ZEIT: Und wie findet der Mittelständler nun den spanischen Ingenieur, den er dringend braucht?

Liebig: Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) sucht inzwischen sehr gezielt in den Krisenstaaten nach Fachkräften – ein großer Wandel, wenn man bedenkt, dass die Agentur noch vor sieben Jahren deutsche Arbeitslose ins damalige Boom-Land Spanien vermittelt hat. Bewerbern werden zum Beispiel die Flüge für die Anreise bei Vorstellungsgesprächen bezahlt. Manche Experten scherzen schon ein wenig über diesen Aktionismus.

ZEIT: Inwiefern?

Liebig: In letzter Zeit wurde wirklich viel angepackt. Die Deutschen scheinen oft nur ein "ganz oder gar nicht" zu kennen, wenn sie ein Problem erkannt haben – und jetzt arbeiten sie unter Volldampf am Projekt Fachkräftemangel. Ich nenne das die honeymoon- Phase. Und ich hoffe, dass die neue Liebe der Deutschen zu den ausländischen Fachkräften eine nachhaltige wird.