Fast zwei Dutzend Regierungschefs und noch mehr Minister sind nach Berlin gekommen, um unter Anleitung von Ursula von der Leyen und Angela Merkel darüber zu diskutieren, wie die mehr als drei Millionen Arbeitslosen unter 25 Jahren in Europa wieder eine Perspektive erhalten können. Doch von dem Gipfel wird außer ein paar schönen Bildern nicht viel bleiben – und das liegt daran, dass man sich das falsche Thema ausgesucht hat. Europas Problem ist nicht die Jugendarbeitslosigkeit.

Aber ist es nicht ein Skandal, dass in den Euro-Staaten sehr viele junge Leute ohne Job sind? Das ist es in der Tat, aber es sind auch sehr viel ältere Leute ohne Job, und auch das ist ein Skandal. Womöglich ist die Arbeitslosigkeit für einen Familienvater mit zwei Kindern einschneidender als für einen Universitätsabsolventen. Es gibt aber keine Gipfel für arbeitslose Familienväter.

Doch hier soll es nicht darum gehen, die Jungen gegen die Alten auszuspielen, sondern darum, das Problem richtig zu diagnostizieren. Denn von der Diagnose hängt die Wahl der Therapie ab. Ein Indiz dafür, dass Europa ein Problem mit der Jugendarbeitslosigkeit hat, wäre, wenn vor allem die Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen in die Höhe geschossen wäre. Darauf müsste die Politik mit speziellen Angeboten für Jugendliche reagieren, zum Beispiel mit neuen Ausbildungsprogrammen.

Das ist aber nicht der Fall. Es ist zunächst einmal gar nicht so ungewöhnlich, dass Jugendliche sich auf dem Arbeitsmarkt schwertun, weil sie sich nach der Ausbildung erst orientieren müssen. In fast allen Industrienationen – auch in solchen ohne Krise – ist die Quote der Jugendarbeitslosigkeit etwa doppelt so groß wie die Arbeitslosenquote insgesamt.

Überflüssig und langfristig schädlich

In den Krisenstaaten Südeuropas hat die Jugendarbeitslosigkeit zuletzt zwar über das normale Maß hinaus zugenommen – sie stieg dabei aber stets im Gleichschritt mit der Arbeitslosigkeit in der Gesamtbevölkerung an. In Italien erhöhte sich der Anteil der jungen Menschen ohne Job zwischen 2010 und 2012 um 27 Prozent, die Arbeitslosenquote insgesamt ging um 26 Prozent nach oben. In Griechenland betrug der Zuwachs bei den Jungen 70 Prozent, insgesamt stieg die Quote sogar um 90 Prozent.

Europa hat also kein Problem der Jugendarbeitslosigkeit, sondern ein Arbeitslosigkeitsproblem. Nicht die schlechte Ausbildung macht so vielen jungen Leuten in Italien oder Spanien den Einstieg ins Berufsleben unmöglich – es fehlen schlicht die Jobs.

Wenn dieser Befund korrekt ist, dann war dieser Gipfel einer der überflüssigsten der Wirtschaftsgeschichte. Und langfristig richten – was noch schlimmer ist – die von ihm ausgehenden Initiativen vielleicht sogar Schaden an. So hat das Berufsausbildungswesen in Südeuropa sicher seine Macken, die dringend beseitigt werden müssen – aber kann und soll das historisch gewachsene deutsche duale Ausbildungssystem mit seinen bis ins 19. Jahrhundert reichenden Wurzeln wirklich ein Modell für ganz Europa sein? Oder wäre nicht Vielfalt erfolgversprechender?