In Berlin hat sich eine Politikerin der Grünen, Marianne Burkert-Eulitz, gegen die Diskriminierung von Menschen ausgesprochen, in diesem Falle bei Schönheitswettbewerben. Sie sagt: "Bei Misswahlen werden grundsätzlich Menschen unserer Gesellschaft ausgeschlossen." Bei Schönheitswettbewerben gewinnen meistens Menschen, die dem herrschenden Schönheitsideal entsprechen. Andere Menschen haben keine Chance. Auch ich bin so ein Fall. Zu den Mister-Germany-Wahlen gehe ich seit Jahren gar nicht mehr hin. Es wäre zu schmerzhaft.

Zum ersten Mal gibt es jetzt eine Anti-Diskriminierungs-Bewegung, die auch für mich eintritt. Frau Burkert-Eulitz schlägt vor, dass bei Misswahlen oder Misterwahlen auch weniger schöne Menschen gewinnen dürfen. Jeder soll eine Chance haben. Wie das konkret aussehen könnte, sagt sie nicht. Es ist auch extrem schwierig. Mit der Quote kann man da irgendwie nicht arbeiten. Wenn ich mithilfe der Quote für weniger schöne Menschen zum Mister Germany gewählt würde, wäre mir das peinlich. Schönheitskönig der Unschönen – ein bitterer Lorbeer. Ich würde mich nicht trauen, das überhaupt jemandem zu sagen. Es geht eigentlich nur, indem bei den Miss- und den Misterwahlen die Blindbewerbung eingeführt wird. Alle tragen Burka. Dann brauchte man auch keine Geschlechtergrenzen mehr bei den Wahlen, ich könnte sogar zur Miss Germany gewählt werden. Aber wenn nach den Wahlen die Siegerinnen ihre Burka ausziehen und wenn dann ich als die neue Miss Germany unter der Burka hervorkomme, gibt es im Publikum sicher ein Murren und lange Gesichter. Das wäre auch wieder schmerzhaft.

Die Diskriminierung von Menschen wegen ihres Aussehens heißt "Lookismus", es kommt von dem englischen Wort look. In Teilen von Australien und in der amerikanischen Stadt Washington ist Lookismus bereits gesetzlich verboten. Nur Leistung soll zählen. Wobei ich das insofern nicht verstehe, als die Leistung, die man bei einem Schönheitswettbewerb erbringen muss, meines Wissens darin besteht, gut auszusehen. Und wenn man tatsächlich sagt: "Nur die Leistung soll zählen", dann werden grundsätzlich alle Menschen ausgeschlossen, die keine Leistung bringen. Wirklich gerecht ist das auch nicht. Wirklich gerecht wäre es, alle Positionen in der Gesellschaft auszulosen. In einer wirklich gerechten Gesellschaft wäre Kardinal Ratzinger womöglich beim Filderkrautfest die Spitzkrautkönigin geworden, was er sonst nie geschafft hätte. Heidi Klum dürfte in der Olympiamannschaft der Gewichtheber antreten. Dünne Frauen haben bei den Gewichthebern in der heutigen Gesellschaft keine Chance. Das Losen wäre gerecht – aber würde es den Betroffenen Spaß machen? Ich weiß auch nicht, was aus all den Menschen werden soll, die, wie ich zum Beispiel, bei Verlosungen immer Pech haben. Ich nehme an, dass ich dann jedes Jahr die Spitzkrautkönigin würde. Insofern bin ich doch eher für die Quote.

Aber wer entscheidet darüber, ob ein Mensch bei den künftigen Wettbewerben zur Miss Quote im Quotentopf der Schönen, bei den weniger Schönen oder bei den Unschönen antreten darf? Macht das Heidi Klum? Schönheit ist ja, zum Glück, sehr stark Geschmackssache. Egal, wie du aussiehst, irgendwo da draußen ist jemand, dem du gefällst. Ich bin übrigens statt Schönheitskönig Journalist geworden. Am Journalismus fällt auf, dass Menschen, die keinen einzigen korrekten Satz zustande bringen, dort keine Chance haben. Dies ist der sogenannte Writismus. Wenn der Lookismus erst mal abgehakt ist, werden sie sich als Nächstes den Writismus vornehmen.

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