ZEITmagazin: Deutsche Mode – gibt es das?

Schweigen

ZEITmagazin:Vladimir, du bist in Bulgarien geboren, machst aber seit über zehn Jahren Mode in Berlin. Ist das deutsche Mode?

Vladimir Karaleev: Was ist das: deutsche Mode? Ist es Mode deutscher Herkunft? Oder eher eine bestimmte Tradition? Ich weiß es nicht. Ich habe schon gehört, dass Bekannte sagen: Wie kannst du nur in Deutschland arbeiten, was für ein schreckliches Land, allein die Sprache ist schlimm. Aber das habe ich selbst nie so erlebt. Ich werde gerne als deutscher Designer gesehen.

ZEITmagazin: Oliver und Thomas, Achtland, der Name eures Labels, klingt zumindest schon mal sehr deutsch. Ist das eine bewusste Entscheidung? Früher hat man deutschen Marken ausländisch klingende Namen gegeben, etwa Esprit oder Escada.

Thomas Bentz: Achtland klingt deutsch, der Name stammt aber aus der irisch-keltischen Mythologie: Die schöne Königin Achtland wies alle Männer zurück, bis ein Gott um ihre Hand anhielt, ihr Name steht sinnbildlich für Selbstbewusstsein und Charakterstärke.

Oliver Lühr: Du machst dein Label Gauchère von Paris aus, Marie-Christine. Würdest du deine Mode trotzdem als deutsch bezeichnen?

Marie-Christine Statz: Gauchère ist für mich ein französisches Label – und dass ich Deutsche bin, steht dazu in keinem Widerspruch. Ich habe in New York studiert und bin dann nach Paris gegangen.

Lühr: Sagt in Frankreich überhaupt mal jemand: Das sieht jetzt sehr französisch aus? Oder ist es vielleicht ein deutsches Phänomen, Mode bestimmten Nationalitäten zuzuordnen?

Statz: Meine Arbeiten sind sehr grafisch – und das wird oft damit erklärt, dass ich Deutsche bin. Obgleich ich nie in Deutschland oder für ein deutsches Label gearbeitet habe. Aber vielleicht ist da ja etwas dran. Andererseits wird es als "amerikanisch" bezeichnet, dass meine Kleider unangestrengt und tragbar sind.

Um die Sommerkollektionen der Berliner Modewoche im Überblick zu sehen, klicken Sie auf das Bild. © Mercedes Benz Fashion Week Berlin

Karaleev: Aber "deutsche Mode" zu machen hat trotzdem eine bestimmte Bedeutung. Meine asiatischen Kunden zum Beispiel verbinden das neue Berlin damit, seine Kreativität und Unberechenbarkeit.

Bentz: Wir haben uns für Achtland auch ganz bewusst die Stadt Berlin ausgesucht. Es ist ein Ort, der einerseits grau und hässlich ist, doch an fast jeder Ecke wird Geschichte sichtbar. Es gibt eine Aufbruchstimmung, gleichzeitig wollen viele das Alte erhalten und scheuen sich vor dem Neuen. Wir versuchen, aus diesem Spannungsverhältnis heraus zu arbeiten.

Lühr:  Auf der Modeschule in London war ich immer derjenige, der im Seminar brav mitgeschrieben hat und unbedingt etwas Handwerkliches lernen wollte. In den Augen meiner englischen Kommilitonen war ich die Personifizierung des Klischee-Deutschen.

Karaleev: Ich habe ja als Einziger von uns hier eine Modeschule in Deutschland besucht. Als ich dort anfing, wollte ich mich in alle Richtungen ausprobieren und war überrascht, dass ich damit alleinstand. Die anderen bemühten sich, die gestellten Aufgaben genau zu erfüllen, und haben sich aufs Handwerk konzentriert. Ich musste lernen, systematischer zu werden – deutscher eben.

ZEITmagazin: Vor diesem Gespräch habe ich mir vorgenommen, nicht das Wort Berlin in den Mund zu nehmen – nach acht Minuten fiel es zum ersten Mal. Seht ihr in Berlin die Modestadt, als die es sich gerne bezeichnet?

Karaleev: Mittlerweile kann man das so sehen. Es ist allerdings eine sehr eigenwillige Modestadt, denn es gibt keine Infrastruktur – also keinen Garment District wie in New York, wo man seine Stoffe und alles andere kaufen kann. Es gibt hier ja nicht einmal Modehäuser. Es kommt mir so vor, als hätten wir uns hier alles selbst beigebracht.

Bentz: Für mich hat Mode heute sehr viel mit Internationalität und Lebensstilen zu tun. Man muss sich nur bewusst machen, dass Menschen aus der ganzen Welt nach Berlin kommen, um Orte wie das KaterHolzig zu besuchen oder die vielen Galerien.