DIE ZEIT: Herr Steinbrück, Sie sind das Mitglied der SPD-Troika, dem kaum Interesse am Osten nachgesagt wird: Frank-Walter Steinmeiers Wahlkreis liegt in Brandenburg, Sigmar Gabriels Frau kommt aus Magdeburg. Von Ihnen heißt es, Sie seien wenig ost-affin.

Peer Steinbrück: Wer das glaubt, kennt meine Biografie schlecht. Ich bin vermutlich der einzige westdeutsche Politiker, der schon weit vor der Wende in Ost-Berlin gewohnt hat. 1980 war ich Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR. Ich habe den Osten in einer Zeit erlebt, in der sich niemand auch nur vorstellen konnte, dass es eine Wiedervereinigung geben würde – auch ich nicht.

ZEIT: Wann waren Sie erstmals in der DDR?

Steinbrück: In den 1970er Jahren. Meine Tante und Cousine ersten Grades wohnten in Thüringen, ich besuchte sie regelmäßig. Ich fuhr von deren Wohnort Meiningen aus nach Erfurt, Jena, Eisenach, auch Buchenwald. Dann, später, eben meine berufliche Zeit im Osten: Als Mitarbeiter der Ständigen Vertretung war ich zwar nicht DDR-Bürger, aber Bürger in der DDR. Denn für Diplomaten aus der Bundesrepublik galt Residenzpflicht. Ich fuhr selten an den Wochenenden nach Hause.

ZEIT: Was sind die Bilder, die Sie mit der Zeit verbinden – damals Anfang der 1980er Jahre?

Steinbrück: Teile der Stadt erschienen mir, als wäre der Zweite Weltkrieg gerade erst zu Ende gegangen. Und die Stasi war für mich allgegenwärtig. Selbst ein junger Vertreter der alten Bundesrepublik wie ich – ich war damals ein kleines Licht – stand insbesondere bei Kontakten mit DDR-Bürgern unter regelmäßiger Beobachtung.

ZEIT: War das eine reale Bedrohung, fühlte man tatsächlich die Stasi im Nacken?

Steinbrück: Natürlich! Man spürte, wenn die hinter einem herfuhren. Man erkannte sie immer ganz gut an ihren Kunstlederjacken.

ZEIT: Klingt fast wie ein Agententhriller.

Steinbrück: Das hatte tatsächlich etwas von einem alten John-le-Carré-Film. Auf dem Hotelflur saß eine gewichtige Dame, die immer genau aufschrieb, wann man ging und wann man kam. Das Zimmer war verwanzt, logisch. Das hatte einen unglaublich muffigen Charakter.

ZEIT: Wie nahmen Sie die DDR-Bürger wahr?

Steinbrück: Als gesellschaftlich sehr viel bewusster lebend, im Vergleich mit Bürgern der Bundesrepublik. Zugleich merkte man, wie viele sich einfach eingerichtet hatten, was ich verstehen konnte. Die Menschen lebten in ihren Nischen, sie setzten sich mit den Verhältnissen aber auseinander. Das hat mich tief beeindruckt.

ZEIT: Konnten Sie "echten" DDR-Alltag erleben?

Steinbrück: Na klar, ich lebte ja dort, kaufte ein, ging ins Theater, musste meinen alten Golf reparieren lassen. Ein Freund und Kollege in der Ständigen Vertretung verschaffte mir Zugang in die Kulturszene: Er hatte ein wahnsinnig großes Netzwerk; mit ihm reiste ich viel durchs Land. Das ging leicht, weil wir mit dem Diplomatenausweis diesen wunderbar privilegierten Status hatten. Ich war ja gewissermaßen sakrosankt. Den DDR-Alltag kannte ich außerdem ja schon von den Besuchen bei meiner Cousine. Mit ihr habe ich mal eine Jugendweihefeier in Lubmin besucht, bei klirrender Kälte. Aber es gab viel Alkohol. Der hat von innen gewärmt.