ZEIT: Haben Sie gefremdelt mit so einer Jugendweihe? Fast ein sozialistisches Kampf-Instrument...

Steinbrück: Nein, so erschien mir das nicht. Die Reden hatten natürlich einen ideologischen Unterton. Aber nicht so, dass es mich befremdet hätte. Es war eher eine Art Initiationsritus, verbunden mit Besäufnis. Es war eine neue, durchaus faszinierende Erfahrung. Genauso wie die Ausflüge nach Potsdam, Leipzig, Dresden, Rostock, Weimar...

ZEIT: Sie haben sich dort zurechtgefunden?

Steinbrück: Ja, ich hatte mir einen alten Baedeker für Berlin aus den 1920er Jahren besorgt! Ich wollte Gesamtberlin wiederentdecken, das damals für immer verloren schien. Das war hochinteressant. Ich fuhr mit meinem alten VW Golf, der klapperte wie verrückt, zwischen Ost und West hin und her. Als Diplomat konnte ich ja problemlos die Grenzübergänge passieren. Das waren wunderbare Fahrten. Manchmal ging ich rüber zum Reichstag, um Nachrichten nach Bonn zu übermitteln. Natürlich war klar, dass auch solche Gespräche abgehört wurden. Manche würden vielleicht sogar sagen: Na gut, das hat sich bis heute ja kaum verändert.

ZEIT: Sie beschlossen nach 1990, Ihre Stasiakte nicht einzusehen. Was ist der Grund dafür?

Steinbrück: Als ich Bundesfinanzminister wurde, riet man mir, die Akte anzufordern. Ich habe sie aber nicht gelesen. Ich glaube, dass viele Menschen Eingang in diese Akten gefunden haben, ohne dass es ihnen bewusst war. Einige vielleicht aus Fahrlässigkeit. Und ich möchte nicht, dass bei mir ein Verdacht hängen bleibt. Dass sich in mir ein Urteil über Leute festigt, die mir wichtig sind – nur, weil sie der Stasi gegenüber mal einen falschen Satz äußerten. Ich will das nicht wissen. Ich würde auch zögern, denen, die unter Druck zur Zusammenarbeit verpflichtet wurden, Vorwürfe zu machen.

ZEIT: Warum?

Steinbrück: Weil ich nicht weiß, wie ich mich selbst verhalten hätte in einem solchen Regime. Mut vom bequemen Sofa aus? Das ist kein Heldentum. Mir ist erst spät klar geworden, dass wir alle nach 1989 wahrscheinlich sehr viel mehr Verständnis hätten aufbringen müssen. Zum Beispiel dafür, dass Leute Mitglieder der SED geworden sind: Das geschah oft mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, und zwar derselben, mit der man in Bayern in die CSU eintrat oder im Ruhrgebiet in die SPD. Ich kann mir gut vorstellen, dass jemand in die SED ging, um den Bildungsweg seiner Kinder abzusichern. Der westdeutsche Hang, darüber den Stab zu brechen, kommt mir manchmal ziemlich hochnäsig vor.

ZEIT: War es ein Fehler der SPD, nach 1989 keine SED-Mitglieder übernommen zu haben?

Steinbrück: Ja, eindeutig. Die SED-Mitglieder damals komplett zurückzuweisen, das war ein Fehler der SPD. Er erklärt bis heute einen Teil ihrer relativen Schwäche in den neuen Ländern. Diejenigen, die keiner besonderen ideologischen Borniertheit zu verdächtigen waren, hätte man aufnehmen müssen. Allerdings stand meine Partei damals sehr stark unter dem Eindruck einer Bürgerbewegung, der ostdeutschen SDP, die sich 1990 der SPD angeschlossen hatte. Wer könnte nicht verstehen, dass diese SDP-Mitglieder – nachdem sie jahrelange Frustrationen bis hin zur Verfolgung erlebt hatten – eine klare Linie zogen: Niemals darfst du jenen die Hand reichen, die uns vierzig Jahre lang belastet und geknechtet haben. Der moralische Anspruch dieser Bürgerbewegung hat die SPD damals sehr geprägt. Ich glaube dennoch, wir haben den Fehler gemacht, nicht genügend zu differenzieren.

ZEIT: Diese Differenzierung hätte Streit gebracht.

Steinbrück: Ja, sicher. Aber andere Parteien hatten ja weniger Skrupel. CDU/CSU oder FDP sind ohne den leisesten Zweifel mit den Blockparteien zusammengegangen! Ohne jedes schlechte Gewissen. Ja, man könnte sagen, das war fast skrupellos.

ZEIT: Sie könnten den Fehler korrigieren. Indem Sie jetzt, da sich der frühere SPD- und spätere Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine zurückgezogen hat, sagen: Gehen wir auf Ost-Linke wie Dietmar Bartsch zu, mit einem Integrationsangebot.

Steinbrück: Mit einem wie Dietmar Bartsch kann man sich durchaus unterhalten, natürlich. Aber erst einmal müssten sich die ostdeutschen Linken-Politiker selbst ihre Gedanken machen. Wir haben es bei der Linken ja im Grunde mit zwei Parteien zu tun. Mit einem pragmatischen Teil in den neuen Ländern, der auch bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Und mit einer großen Zahl von Sektierern in Westdeutschland, die mir – vom Phänotyp her – alle noch aus der Studentenzeit bekannt sind: enttäuschte Marxisten, Leninisten und so weiter... Deshalb ist sich die SPD-Führung auch einig: Nach den Bundestagswahlen wird es zu keiner rot-rot-grünen Koalition kommen. Auch nicht zu einer von der Linken tolerierten Koalition.

ZEIT: Ab 1981 arbeiteten Sie wieder in der Bundesrepublik. Stimmt es, dass Sie ausgerechnet am 9. November 1989 nochmals in der DDR waren?

Steinbrück: Ja! Ich war inzwischen Büroleiter von Johannes Rau, dem damaligen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen. Wir waren mit einer Delegation in Ost-Berlin unterwegs. Am Vormittag des 9. November 1989 besuchte Rau noch Egon Krenz, den Staatsratsvorsitzenden. Wir hielten uns zeitweise sogar in genau jenem Raum auf, in dem später am Tag die Pressekonferenz von Schabowski stattfand. Ohne etwas zu ahnen…

ZEIT: Die Pressekonferenz, die den Ansturm auf die Grenzübergänge auslöste.

Steinbrück: Ja, am späten Nachmittag fuhren wir weiter nach Leipzig, wo Johannes Rau eine nordrhein-westfälische Kulturwoche eröffnen sollte. Irgendwann erreichte uns die Nachricht, dass da in Berlin etwas Unglaubliches passierte. Rau hatte eine Rede zu halten, vor 2000 Leuten, er ging dann auch direkt auf die Ereignisse ein. Das war nicht leicht: Einerseits musste er der historischen Bedeutung gerecht werden, andererseits durfte er die Leute nicht unnötig aufstacheln. Das war ja eine Situation, die jeden Moment hätte eskalieren können. Rau traf exakt die richtige Tonlage. Das bewundere ich bis heute.

ZEIT: Woran denken Sie zuerst, wenn Sie das Wort "Ostdeutschland" hören?

Steinbrück: Ich fühle mich den neuen Ländern sehr nahe. Gerade vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen in der DDR steht mir das historische Wunder der Wende besonders deutlich vor Augen. Gleichzeitig aber denke ich natürlich nach wie vor an ein wirtschaftliches Gefälle. Daran, dass der Begriff der blühenden Landschaften sehr wagemutig, auch aufgesetzt war. Ein Drittel der Arbeitslosen lebt in den neuen Ländern – obwohl dort nur ein Fünftel der Bevölkerung Deutschlands lebt.

ZEIT: Andererseits hat der Osten die höhere Beschäftigungsquote, es gibt fast keine Hausfrauen.

Steinbrück: Sie haben recht – dass so viele Frauen arbeiten, ist ein positives Erbe der DDR. Ebenso die bessere Kinderbetreuung. Und natürlich überwiegt bei mir die Freude über das historische Wunder. Ich habe die Städte hier in den siebziger und achtziger Jahren gesehen. Ich weiß, wie Suhl, Leipzig oder Dresden aussahen. Und ich weiß, wie diese Orte heute aussehen. Da ist uns allen gemeinsam etwas Grandioses gelungen. Das kann die Ostdeutschen zu großem Stolz und Selbstbewusstsein veranlassen. Wenn ich mir eine Stadt wie Wismar vorstelle: Hätte es die DDR zwei Jahre länger gegeben, wäre die Stadt zerfallen!