DIE ZEIT: Lenin hat mal gesagt: "Jede Köchin muss lernen, den Staat zu regieren." Stimmt das?

Sarah Wiener: Gleich den Staat regieren? Na ja, da hab ich doch meine Zweifel. Aber etwas Sinnliches wie Kochen ist ein politischer Akt. Das Bewusstsein für essenzielle Zusammenhänge und gute Qualität unserer Lebensmittel fängt ja nicht erst auf dem Schneidbrett an, sondern schon beim Saatgut, der Tierrasse, der Verarbeitung.

ZEIT: Hat Ilse Aigner genug für Qualität getan?

Wiener: Das Problem ist ihre eigenartige Doppelrolle in diesem Ministerium. Als Verbraucherschützerin muss sie sich für das Wohl des Einzelnen einsetzen und für Geschmack und Sicherheit der Nahrungsmittel sorgen. In der Agrarpolitik bewirkt sie das Gegenteil, weil sie zwischen den Stühlen sitzt. Im ökologischen Landbau geht sie nicht weit genug. Und indem sie an den konventionellen Agrarstrukturen und der Agroindustrie festhält, trägt sie zur Zerstörung der Böden und der biologischen Vielfalt bei – und damit auch der Geschmäcker.

ZEIT: Warum?

Wiener: Weil wir weiter die Massenproduktion fördern, zum Beispiel von billigen Milch- und Fleischprodukten. Und weil die Bundesregierung zu wenig dafür getan hat, dass die EU endlich konsequent die Subventionen für umweltschädliche Produktionsweisen stoppt. Weil in der Agrarpolitik nicht groß und langfristig gedacht wird!

ZEIT: Aigner sagt: Der Verbraucher entscheidet.

Wiener: Ich will auch niemandem etwas vorschreiben. Aber dann müssen Politiker dafür sorgen, dass die Energie- und Umweltkosten ehrlich im Preis inbegriffen sind und auch die sozialen Schäden, die wir beispielsweise Kleinbauern in Brasilien zumuten. Es ist doch absurd: Sie werden von ihrem Land vertrieben, damit wir unsere Tiere mit Soja füttern können. Hier überdüngen wir unsere Erde mit verstoffwechseltem Mais und Soja. Dann verschleudern wir Billigmilch, Billigfleisch und Billigbutter nach Asien – und importieren Ökomöhren von dort hierher. Wahnsinn! Wir brauchen einen richtigen Systemwechsel in der Landwirtschaft. Da war die Rolle des Landwirtschaftsministeriums nicht gerade ruhmreich.

ZEIT: Was hat das alles mit Ihrer Küche und Ihren Rezepten zu tun?

Wiener: Ich habe als Köchin eine andere Vorstellung von Qualität als der deutsche Bauernverband und die Agroindustrie. Die wollen vor allem hohe Erträge, niedrige Preise, stetiges Wachstum. Ich möchte individuelle Geschmäcker. Erdbeeren, die nach Rosen duften, die ganze Vielfalt der Kartoffeln und Tomaten, die ohne Gift und Mineraldünger auskommen. Almbauern, Käsemeister oder Dorfmetzger müssen ihr Hunderte Jahre altes Handwerk aufgeben, weil EU-Hygienevorschriften und andere Gesetze für Kleinstbetriebe nicht umsetzbar sind. Gegen diese Vernichtung von Handwerk und Kultur hätte das Landwirtschaftsministerium stärker vorgehen müssen. Das Bauernsterben ist ja eine unmittelbare Folge davon.

ZEIT: Frau Aigner hat zum Beispiel regionale Erzeugernetze gefördert.

Wiener: Klar, dafür ist jeder. Das kommt gut an und tut niemandem weh. Aber beim Gros der Produkte wissen wir oft nicht, was drinsteckt. Mir wird ganz schlecht, wenn ich von Granulat aus Schweinefleischresten in Fertiggerichten lese, die mit Säuren und Zusatzstoffen zusammengehalten werden. Vom Leid der Tiere oder dem Antibiotikamissbrauch zu schweigen. Ich hätte mir auch gewünscht, dass die Ministerin unabhängig erforschen lässt, wie wir artgerecht und umweltverträglich Landwirtschaft betreiben können.

ZEIT: War denn wirklich alles schlecht?

Wiener: Nein, nein, Politik besteht ja auch aus kleinen Schritten. Frau Aigner hat zum Beispiel mit verhindert, dass weitere gentechnisch veränderte Sorten zugelassen werden, das steht für mich auf der Habenseite. Sehr gut finde ich auch ihre Kampagne gegen die unglaubliche Verschwendung so vieler Nahrungsmittel.