Sommertrauma : Hilfe, die Ferien sind da!

Von wegen schönste Zeit des Jahres: Kinder sind der Urlaubsplanung hilflos ausgeliefert. ZEIT-Autoren erinnern sich an die größte Ferienzumutung ihrer Jugend.

Er sollte zunehmen. Doch auf Langeoog wurde Merten Worthmann zum Kuchendealer.

Schon der Vanillepudding: ein Grauen. Alle paar Tage stand er als Nachtisch vor mir, eine suppentellergroße Portion mit einer Haut, auf der man hätte Trampolin springen können. Ich war zehn Jahre alt und durfte nicht aufmucken, sondern musste brav essen, denn dafür war ich schließlich angereist, besser: angereist worden. Irgendein Amtsarzt hatte meinen Eltern eingeredet, ihr Sohn sei zu dünn und ein Kuraufenthalt an der Nordsee unbedingt zu empfehlen: "Damit der Junge mal ordentlich was auf die Rippen kriegt." Meine Eltern gehorchten dem ärztlichen Rat. Und also wurde ich, bevor sie selbst mit meinen zwei jüngeren Geschwistern zum Familienurlaub auf die Ostseeinsel Bornholm fuhren, im Sommer 1974 für sechs Wochen gen Westen geschickt, in ein Kinderheim auf Langeoog, zur Fresskur. Rückblickend würde ich sagen: Es war ein Schnupperkurs in Kasernierung.

Zu meiner Überraschung kam im Heim auch nicht mehr auf den Tisch als zu Hause. Das Essen schmeckte nur schlechter. Deutlich schlechter. Die meisten Gerichte habe ich gnädig vergessen, bis auf Ausnahmen wie den Vanillepudding oder eine infame Gemüsesuppe mit Unmengen von Porree. Weil die grauen Plastikteller des Heims nicht allzu groß waren, musste man von jedem Hauptgericht zwei Portionen essen. Die Aufseherinnen kontrollierten den Saal nach Kräften und trieben uns streng zum Nachfassen. Nur selten gelang es, einmal unter ihrem Radar hindurchzutauchen und, langsam essend, die erste Portion als die bereits zweite auszugeben.

Das Zwei-Teller-Regime galt übrigens genauso für die Dicken, die ins selbe Heim zum Abnehmen gekommen waren und an einem Extratisch sitzen mussten. Das Ernährungskonzept des Hauses lautete offenbar: Zu dicken oder zu dünnen Kindern lassen die Eltern einfach zu viel durchgehen, die einen essen zu viel, die anderen zu wenig. Wir geben allen dasselbe und Schluss. Die einzige Ausnahme war eine vorschriftsmäßige Sonderration für die Dünnen, einmal am Tag, gegen 15 Uhr: Kuchen. Unter der Hand und gegen eine kleine materielle Zuwendung endete manches Backwerk trotzdem im Rachen eines Dicken.

Auf der Suche nach den Mädchenschlafsälen

Zweimal täglich wurden wir hinausgetrieben zu langen Watt-, Deich- oder Wiesenwanderungen. Die unternahmen Jungs und Mädchen in der Regel gemeinsam, für Morgengymnastik, Mittags- und Nachtruhe wurden die Geschlechter aber stets getrennt. Über Wochen fantasierten wir Jungen immer wieder von einem nächtlichen Ausflug in den Mädchentrakt. Getraut hätten wir uns nie. Wir wussten ja nicht einmal, wo der Mädchentrakt genau lag – so gut funktionierte die Abschottung. Hinzu kam, dass in den Sechsbettschlafräumen allen Kindern befohlen wurde, zur selben Seite hin einzuschlafen, damit bloß kein Informationsaustausch unter vier Augen stattfand. Die Tür zum Flur blieb weit offen, so konnte die Aufseherin, die deutlich hörbar Patrouille lief, die vorgegebene Schlafordnung stets überprüfen. Nächtliche Gänge zum Klo waren verboten. Um erst gar kein Bedürfnis danach entstehen zu lassen, war jede Flüssigkeitsaufnahme ab 17 Uhr untersagt.

Den Eltern sein Leid zu klagen ging nicht. Briefe und Karten an die Lieben mussten die Zensur passieren und wurden im Zweifelsfall einbehalten. Telefonanrufe waren von vornherein nicht vorgesehen. Süßigkeiten aus eingehenden Päckchen wurden ebenfalls eingezogen. Und schon zu Beginn des Aufenthalts hatte man mitgebrachte Comics und Kinderbücher ans Heim abgeben müssen, in einem kleinen Akt von Zwangskollektivierung. Einmal nur, an einem über die Maßen verregneten Nachmittag, konnten wir die Schatzkammer des Heims betreten und unsere Comics noch einmal wiedersehen.

Nach sechs Wochen durfte ich gehen, untergewichtig wie zuvor – und wie bis heute. Irgendwann während der Rückfahrt im Bus musste ich kotzen, was sonst gar nicht meine Art war. Bestimmt eine unbewusste Abschiedsgeste. Meine Mutter erinnert sich noch gut daran, wie ich ihr wenig später entgegentrat: mit soldatisch kurz geschorenen Haaren und einem langen Blick, in dem sie las: Warum habt ihr mir das angetan?

Auf Bornholm, hörte ich, war es schön gewesen.

Merten Worthmann

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ferien ohne Programm waren die besten

Ich wusste schon, warum ich als Kind nie in Ferienlager, Schwimmlager ect wollte. Ich ahnte, dass man in Gruppe auch nur als Teil einer solchen behandelt werden würde. Also blieb ich in den Ferien daheim und fand das entgegen der Befürchtung meiner berufstätigen Eltern gar nicht langweilig. Ich konnte schließlich ausschlafen, in der Sonne liegen, lesen, fernsehen - mehr hab ich in meiner Kindheit (in den 80ern) nie gebraucht, um die Ferien zu genießen.

gern gelesen

guter Artikel, danke...ich musste sehr Schmunzeln über den Monet und Munch...wunderbar...ansonsten bekommt man irgendwie als ein noch frischgewordener Elternteil das Bedürfnis zu hoffe, dass man seinem Kind keinen solchen Urlaub nicht antun wird... :)

und erinnert sich an Pfadfinderlager aus grauer, fast schon erfolgreich verdrängter Vorzeit ^^