SommertraumaEin Mädchen geht baden

Der erste Urlaub an der Nordsee war eine Katastrophe. Bis unsere Autorin Ursula März beschloss, das Meer zu erobern. von Ursula März

Ich war sechzehn, als ich zum ersten Mal das Meer sah. Also ziemlich spät für heutige Verhältnisse. Manchmal schummle ich – unwillkürlich und unbewusst – und behaupte, ich sei vierzehn gewesen. Aber das stimmt nicht. Ich war sechzehn, kein Jahr jünger, als ich an eine Küste gelangte und mit eigenen Augen das Ungeheuerliche sah: das Meer. Eine wild bewegte, lärmende, eisengraue Wasserfläche, die vor meinem Blick kein Ende nahm. Ich habe dieses Initiationserlebnis nicht gut vertragen. Wahrscheinlich befindet man sich mit sechzehn ganz einfach auf dem Höhepunkt seelischer Erschütterbarkeit, und der Erstanblick des Meeres erwischte mich in einem heiklen Moment.

Zunächst möchte ich aber etwas klarstellen: Ich war mit sechzehn keine Mimose, die so wenig mit der Welt in Berührung kommt, dass alles Neue, Unbekannte, Bedrohliche sie gleich umhaut. Ich hatte Erfahrung mit Haschisch und der grausamen Mixtur Fanta-Gin, ich war Mitglied des Schülerkaders der KPD/ML gewesen und wegen der Lektüre der Romane Franz Kafkas aus dem Kader geworfen worden, ich trampte heimlich, weil die Eltern es verboten, durch die Gegend, ich jobbte noch heimlicher als Reinigungskraft in einer Diskothek für stationierte US-Soldaten, und ich besuchte ein anspruchsvolles humanistisches Gymnasium, auf dem ich mich als Nichtakademikerkind keineswegs benachteiligt fühlte.

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Es war nur so, dass ich erstens in einer mittelfränkischen Kleinstadt aufwuchs, weit von jedweder Meeresküste entfernt, und zweitens mit Eltern, die, wenn sie überhaupt verreisten, nach Österreich fuhren, nie in ein geografisch ferneres, kulturell und kulinarisch exotischeres Land. Schüleraustausch und Ähnliches gab es in meiner Jugend nicht. Und so hatte es sich ergeben, dass ich sechzehn Jahre alt geworden war, ohne das Meer gesehen zu haben. Viele in meiner Klasse verbrachten die Sommerferien am Mittelmeer oder an der Nordsee, und bestimmt hatten die Eltern einer Klassenkameradin nur die allerbesten Absichten, als sie mich einluden, sie in den kommenden Ferien auf die holländische Nordseeinsel Vlieland zu begleiten. Sie fuhren dort jeden Sommer hin. Seit Jahrzehnten. Vlieland war für diese Familie eine Art Zweitheimat, ein Ort, mit dem sie auf Du und Du standen, über den sie so selbstverständlich sprachen wie andere über ihren Vorgarten.

Meer statt Freibad

Bis heute hadere ich damit, dass mich diese Selbstverständlichkeit vom ersten Tag der Reise an einschüchterte. Etwas stimmte nicht. Etwas war schräg an diesem "Das Mädchen soll doch auch mal das Meer sehen"-Projekt. Ich empfand, obwohl ich der Familie damit wahrscheinlich unrecht tat, eine Gönnerhaftigkeit in ihrem Verhalten, die meine vorangegangenen Sommerferien beleidigte. Als zähle der Spaß, ganze Wochen im heimischen Freibad zu verbringen, überhaupt nicht mehr, sobald man mit dem Nachtzug im Schlafwagen erster Klasse von Mittelfranken an die Nordsee transportiert wird. Ein Luxus, der doch zuerst meinen Eltern zugestanden hätte, nicht mir. Auch diese Empfindung trug sicherlich zu meinem verkrampften, irgendwie verdrehten Gemütszustand bei, aus dem ich nicht mehr herausfand. Wir kamen morgens am Bahnhof der holländischen Küstenstadt Harlingen an und fuhren mit dem Taxi zum Hafen. Vlieland ist eine der fünf bewohnten westfriesischen Inseln, liegt zwischen Texel und Terschelling und wird auch deshalb vom Tourismus nicht überlaufen, weil es autoluw, autofrei, ist. Nur die rund tausend Inselbewohner dürfen ein Auto benutzen, und auch das nur mit einer Extragenehmigung.

Ich muss, als wir auf die Fähre stiegen und nach Vlieland übersetzten, schon ziemlich daneben gewesen sein. Denn in meiner Erinnerung an die zweistündige Fahrt, die ja auf dem Meer stattfand, kommt dieses überhaupt nicht vor. Man hätte mich genauso gut zwei Stunden lang über Beton schaukeln können. Ich machte, als wir auf Vlieland ankamen, alles, was zu machen war, stellte meinen Koffer auf die Ladefläche eines Kleintransporters, äußerte mich begeistert über die reetgedeckten Häuser und das romantische Inseldorf, nahm ein Fahrrad in Empfang, radelte mit den anderen zur Ferienhaussiedlung, äußerte mich wiederum begeistert über das sagenhaft große Haus, seinen Kamin, seine Terrasse, trug meinen Koffer in ein Zimmer und machte mich ans Auspacken. Aber ich tat das alles wie im Nebel. Als läse ich die Reihenfolge meiner Handlungen von einem Spickzettel ab.

Mir wurde schwarz vor Augen, mein Kreislauf kollabierte, mein Hirn spielte verrückt, ich wusste nicht, ob ich auf dem Erdball stehe oder kopfüber von ihm runterhänge.

Ursula März

Die nächste Handlung hieß: Wir gehen an den Strand! Jetzt also, jetzt kam die große Premiere, die vor allem mir bereitet werden sollte. Ich marschierte einen Dünenweg zwischen Schilffeldern entlang, das Meer war noch nicht zu sehen, nur zu hören. Ein schweres, gewittriges Grollen, das mich zu warnen schien. Ich stapfte die letzte hohe Düne vor dem Strand hinauf, und plötzlich, von einer Sekunde zur anderen, riss mit voller Wucht das Bild auf. Wer Vlieland liebt, liebt vor allem die zur offenen See gelegene Nordwestseite mit ihrem zwanzig Kilometer langen Sandstrand. Sie hat nichts Liebliches, sie hat etwas Gewaltiges. Sie ist der ganz große Panoramaauftritt elementarer Natur. Gigantische Wolkenberge, gigantische Wellen, schaurig schattierte, apokalyptisch düstere Farben. So zumindest nahm ich es damals im Alter von sechzehn Jahren wahr.

Ich erlitt einen psychischen Schock. Anders kann ich es nicht nennen. Mir wurde schwarz vor Augen, mein Kreislauf kollabierte, mein Hirn spielte verrückt, ich wusste nicht, ob ich auf dem Erdball stehe oder kopfüber von ihm runterhänge. Ich wurde ins Haus zurückgeschleppt und ins Bett gelegt. Eine Stunde später hatte ich fast vierzig Grad Fieber. Am nächsten Tag diverse, Ohren, Hals und Nebenhöhlen befallende Infekte.

Leserkommentare
  1. aber mir war nicht bewusst, dass das schöne - und saubere- Strandhotel auf Vlieland 8 Stockwerke hat...

  2. "Als zähle der Spaß, ganze Wochen im heimischen Freibad zu verbringen, überhaupt nicht mehr, sobald man mit dem Nachtzug im Schlafwagen erster Klasse von Mittelfranken an die Nordsee transportiert wird."

    Ich habe eben meine Sommerferien in Bad Orb verbracht. Sie haben das allerschönste Freibad dort und ich war jeden Nachmittag da. Besser als Spanien - so war mein Urteil. Keine Quallen, kein Müll im Wasser, immer genug Schatten unter den Bäumen und dann ringsrum eine schöne Landschaft.

    Einfach herrlich.

    Ich bin an der Küste von Nordwales gross geworden. Das Wasser war meist dreckig, da die Briten das Meer benutzten, um alles von den Toiletten wegzuspülen. Und mit Kot möchte doch keiner schwimmen.

  3. "Dass ich vor achtzehn Jahren auf Vlieland den Vater meiner Tochter kennenlernte"

    Meiner Tochter - oder doch 'unserer Tochter'?

  4. Etwas Prosa in eine langweilige Geschichte gepackt

    via ZEIT ONLINE plus App

    Eine Leserempfehlung
  5. Sehen Sie, da kommt das her, denn das haben Sie gefühlsmäßig nur verdrängt und deshalb nicht verarbeitet. Am Meer ist es dann ausgebrochen.
    Der klassenkämpferische Hass hats dann geheilt, aber sich leider bei der Heilung verbraucht.

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