Günter Grass fand, dass von ihm etwas gesagt werden muss. Günter Grass begab sich also Ende vergangener Woche ins Willy-Brandt-Haus in Berlin, lauschte einer Lesung seines Briefwechsels mit Willy Brandt, setzte sich dann neben Peer Steinbrück aufs Podium und fügte dessen Wahlkampfnöten ein weiteres Kleindebakel hinzu. Er nannte die von der Wehrpflicht befreite Bundeswehr eine "Söldnerarmee" und brandmarkte Angela Merkel als von FDJ-Jugend an durchgeformte Opportunistin.

Zweifellos sind beide Äußerungen inhaltlich der Erörterung wert. Aber Wahlkampfhilfe sieht anders aus. Peer Steinbrück kam in die anstrengende Situation, sich stante pede von den Grassschen Einlassungen distanzieren zu müssen, da sie seiner eigenen Haltung nicht entsprechen. Der Abend brachte dem SPD-Kanzlerkandidaten schlechte Presse und die Befestigung des Images, das an ihm klebt wie Pech und Schwefel: das Image eines Wahlkämpfers, dessen Wahlkampf sich als fortgesetzte Schadensbegrenzung vollzieht. Steinbrück kann von Glück reden, dass Grass nicht auf die Idee kam, im Willy-Brandt-Haus sein Israel-Gedicht zu Gehör zu bringen. Die verrutschte Veranstaltung, die nicht von Steinbrücks Kompetenzteam, sondern vom Kulturforum der Sozialdemokratie anberaumt wurde, wird schnell vergessen sein. Aber es fiel an diesem Abend eine Bemerkung, über die es sich lohnen könnte nachzudenken. Ein wenig sentimental und fast ein wenig resigniert wies Peer Steinbrück auf die schwindende Bereitschaft der deutschen Intelligenzija hin, sich politisch bemerkbar zu machen. Das sei in den goldenen sechziger Jahren ja nun doch anders gewesen. Und heute? "Still ruht der See."

Das stimmt. Der See wirkt unbewegt. Wie auch immer man den Schulterschluss deutscher Schriftsteller und Künstler mit der sozialdemokratischen Partei in vergangenen Zeiten bewertet, ob man den Wahlkontoren alter Tage oder der Wählerinitiative im Jahr 2005 nachtrauert oder heilfroh ist, dass sich derlei parteipolitische Agitiererei endlich erledigt hat: Es ist kaum ein Wahlkampf erinnerbar, der vonseiten deutscher Schriftsteller so geräusch-, ja teilnahmslos vonstatten ging. Aus der Ferne betrachtet, muss der Eindruck entstehen, es gäbe wirklich nur noch den einen, den unvermeidbaren Veteranen Grass, den es drängt, sich zu Wort zu melden und den es interessiert, wer nach dem September 2013 das Kabinett bildet und die Regierungsgeschäfte erledigt.

Aus der Nähe betrachtet, ist dies ein wenig anders. Wer auch nur ein bisschen recherchiert, liest, mit SPD-Leuten und mit Schriftstellern redet, muss die Ferndiagnose zumindest in ein anderes Licht rücken. Wer sich am Morgen nach der Grass-Veranstaltung mit der Frage beschäftigt, was von dem alten Demokratiebündnis zwischen Geisteswelt und Sozialdemokratie übrig geblieben ist, hat am Abend einen ansehnlichen Materialberg auf dem Schreibtisch. Beispielsweise: Eine zum Wahlkampfbeginn erschienene Kulturbroschüre, in der unter anderem der DJ Paul van Dyk, der Musikproduzent und Autor Tim Renner, die Malerin Kirsten Klöckner, der Kreativunternehmer Johannes Sevket Gözalan, der Grafiker Klaus Staeck sowie die Schriftsteller Ingo Schulze, Michael Kumpfmüller, Eva Menasse mit Stellungnahmen vertreten sind.

Daneben findet sich das umfangreiche Programmpapier der SPD zum Streitfall des digitalen Urheberrechts. Und ein just in diesen Tagen erschienenes Buch, das Joachim Helfer und Klaus Wettig zum 150. Geburtstag der Partei herausgaben. Es versammelt Gruß- und Prosatexte deutscher Schriftsteller. Oft skeptische, oft wehmütige, oft ausgesprochen SPD-kritische Texte, aber doch allesamt von Autoren verfasst, deren Grundsympathie für die SPD ausreichend groß ist, um ihren Namen in den politischen und historischen Kontext der Partei zu rücken. Albert Ostermaier, Bernd Cailloux, Brigitte Kronauer, Sherko Fatah, Judith Kuckart, Antje Rávic Strubel, Kurt Drawert, Ingo Schulze. Also keineswegs nur die üblichen Verdächtigen aus der Goldgräber-Ära der SPD, sondern renommierte und erstaunlich unterschiedliche Schriftsteller der mittleren Generation. Und nun ist das Manifest "Bewegung jetzt", das sich für eine rot-grüne Regierung ausspricht, von Namen wie Axel Honneth und Feridun Zaimoglu unterzeichnet.